Kategorie-Archiv: Stadtentwicklung

Baukunst im Vorstadtparadies

Emmen, mit 30’000 Einwohnern statistisch die zweitgrösste Stadt im Kanton Luzern, wird in den nächsten Jahren zur Stadtlandschaft umgebaut. Damit dies gelingt, sind generelle Gedanken zur Stadt, eine offene Planungs- und Baukultur, städtebauliche Vielfalt und eine urbane Praxis unumgänglich, die Experimente zulässt. Das Departement Design & Kunst der Hochschule Luzern macht mit ihrem Bocksprung in die Viscosistadt vor, wie das geht. 

Der Text ist in Kurzform anlässlich der Eröffnung des Baus 745 am 23. September 2016 erschienen: „Kunst im Vorstadtparadies Emmen“, in: Gabriela Christen, Lucerne University of Applied Sciences and Arts, (Hrsg.): Nordwärts, Nummern, Band 6, p. 13-15.

«Stadt ist nicht, wo nur Studenten sind (…).» Luzius Burkardt[i]

sta. Auch ausserhalb der Metropolen und Kernstädte wird geplant, investiert und gebaut, was das Zeug hält. Le Corbusiers Diagnose von 1925, «La température de la ville est à la fièvre»,[ii] trifft deshalb für die Gemeinde Emmen zu. «Dort, wo die Schweiz umgebaut wird», titelte die NZZ 2014 und erkannte im Luzerner Vorort etwas, das schweizweit interessiert: der Umbau einer Vorstadt und Agglomeration. Allein die Zahlen beeindrucken und lassen die steigende Fieberkurve erahnen: 2015 waren in Emmen rund tausend neue Wohnungen im Bau. Emmen hat heute 30’000 Einwohnerinnen und Einwohner, in wenigen Jahren sollen es bis 36’000 werden. Emmen ist damit im Vergleich zahlenmässig mächtiger als neun Kantonshauptorte. Für zusätzliche Dynamik sorgt, dass im September 2016 mehrere Hundert Studierende und Mitarbeitende der Hochschule Luzern – Design & Kunst im historisch bedeutsamen Ortsteil Emmenbrücke, in die Viscosistadt, eingezogen sind.

Die zahlreichen Grossprojekte, die Emmen gerade umtreiben, werfen neben der Hoffnung auf nachhaltige baukünstlerische, soziale und fiskalische Mehrwerte auch kritische Fragen auf: Bauen wir um, oder werden wir umgebaut? Und: Kann sich Emmen das geplante Wachstum eigentlich leisten? Und noch weiter: Gelingt es den am Stadtumbau Beteiligten, nicht nur mehr Dichte, mehr umbauter Raum pro Fläche, sondern auch die notwendige öffentliche Akzeptanz für das, was im Kern entsteht – nämlich für mehr Stadt – zu schaffen? In der Vision «Emmen 2025» sind die politischen Handlungsfelder für die Entwicklung der Gemeinde festgehalten. Von «Stadt» ist darin nicht zu lesen. An der Urne wurde vor wenigen Jahren gar gegen die offizielle Bezeichnung als «Stadt» abgestimmt. Dennoch stehen die politischen Behörden und Planungspartner vor der Aufgabe, dem Umbau der zweitgrössten Gemeinde im Kanton zur «zweitgrössten Stadt»[iii] mit Überzeugung die richtigen Inhalte und Bedeutung zu geben. Mehr noch: Objektiv zur Stadt gehörende Themen werden im Alltag oft zu politischen Issues, gar zu subjektiven Streitfragen in der Kommunalpolitik. Sie müssen dennoch fachlich gelöst werden. Was müssen Strassen für wenn alles leisten können? Wie hoch und wie nahe nebeneinander dürfen Häuser stehen? Welche baulichen Potenziale sind auch sozialräumlich verträglich? Benötigt eine Vorstadt wie Emmen überhaupt einen Park – und WC-Anlagen im öffentlichen Raum? Wie gehen wir mit der Aussenwerbung um? Wird die Landwirtschaft zur Landschaftswirtschaft?

Die Stadt gibt es nicht – es lebe die Verstädterung

In der aktuellen Situation teilt Emmen das Schicksal mit anderen städtischen Agglomerationen: Der Versuch, die Entwicklung von der Agglomeration zur städtisch geprägten Siedlung auf dem Hintergrund einer einheitlichen Stadtidee darzustellen, stösst auch hier auf ein grundlegendes Problem: Die Stadt gibt es nicht. Ausgerechnet in einer Zeit, in der zum ersten Mal über 50 Prozent der Weltbevölkerung in städtischen Siedlungsgebieten leben, ist die Verständigung über Urbanität und Stadt zu einem fachlich, politisch und medial aufgereizten Tanz um ein Plastikwort geworden. 2030 werden es über 70 Prozent sein. Nicht einmal die Expertinnen und Experten sind sich darin einig: Für die einen wird das Thema Stadt einseitig und zu wenig sozial von Architekten bestimmt, für die anderen steckt zu viel Soziologie drin, zu viel Statistik, zu viel Kunst; dann wieder dominiert die globale Marktwirtschaft, oder die Interessen der Politik finden die Oberhand; schliesslich wird der Diskurs, wenn er überhaupt stattfindet, nicht selten durch  Techniken der Kommunikation, etwa durch Stadtmarketing und Branding vernebelt. Wer dabei im inszenierten Wettbewerb um Aufmerksamkeit auf die Rechtmässigkeit und hoheitliche Definitionsmacht von Behörden glaubt, findet auch beim Bund keine Klärungshilfe. Ist Emmen eine Stadt? Gemäss der offiziellen Raumgliederung Schweiz ist Emmen gleichzeitig «Kleinagglomeration», «übriges städtisches Gebiet», weder «Kleinstadt- noch Mittelstadt». Was denn nun?

Halten wir nüchtern fest: Was wir allgemein unter Stadt verstehen, ist offensichtlich subjektiver und unsicherer; und gleichzeitig vielfältiger geworden. Die Festellung, dass es bis heute keine eigentliche Wissenschaft von Stadt gibt, scheint sich zu bewahrheiten. Angelehnt an Henri Lefebvre und seinem Buch „Revolution der Städte“ (CEP, Hamburg 2014) befinden wir uns jedoch in einem Prozess der Verstädterung, und damit unter dem Einfluss einer wie sie Levebre nennt „kritischen Phase“. Kritisch daran ist: Aus ehemaligen Handels- und Industriestädten oder bäuerlich geprägten Gesellschaften werden heute und morgen Stadtgesellschaften, von denen wir trotz Theorie- und Methodenvielfalt und Monitoring offensichtlich noch nicht genau wissen, wie wir sie beschreiben und wirkungsvoll gestalten können. Die Ausgangslage in dieser Phase der Verstädterung vergleicht Lefebvre mit einer Blackbox, die es zu kritisch zu betrachten und allenfalls zu bearbeiten gilt: „Man kennt den Input, manchmal kann man den Output wahrnehmen.“ Jedoch: „Mann weiss nicht recht, was drinnen vorgeht.“ (ebenda, p. 24). Trotz dieser Verunsicherung: Wer sich in Emmen mit dem Umbau eines Industrievororts in eine Stadt beschäftigt, dem bleibt immerhin die Möglichkeit, Phänomene und einzelne Objekte der Verstädterung zusammenzutragen, zu gewichten und weiterzudenken. Lefebvre spricht bei diesem Vorgehen von einer „urbanen Praxis“.

Wettbewerb der Interessen

Zunächst geht es in dieser Praxis darum, Wohnen, Arbeiten, Ver- und Entsorgung sowie Mobilität so zu gestalten, dass daraus Lebensqualität entsteht. Weil es in einer global vernetzten Welt um eine neue Art der Verteilung und gleichzeitig vor allem um Wettbewerb und um Aufmerksamkeit geht, sind die Akteure, die Stadt bauen, verwalten und gestalten, zunehmend in Konkurrenzsituation geraten. Das bedeutet auch, dass vermehrt Markt- und Kommunikationsprozesse darüber bestimmen, was die Stadt vermeintlich ist, benötigt und ausmacht. Raum- und Stadtplanung und der Städtebau werden dann zunehmend von der Dynamik einer eigentlichen Stadtproduktion angetrieben. Zugespitzt und an die Adresse der Planer und Architekten formuliert bedeutet dies einmalmehr ein Umdenken: Im Spagat zwischen Angebot und Nachfrage, zwischen Interessen und Investitionen, Notwendigkeiten und Vorstellungen lösen nicht länger Planungen und Stadtentwürfe raumrelevante Entwicklungen aus. Städtischer Wandel funktioniert gerade andersherum: Die über 50%-Weltstadt dreht sich ohne die Planerzunft, angetrieben durch die Bedingungen einer unsicheren und gleichzeitig vielfältigen Markt- und Risikogesellschaft. Stadtplanern und Stadtbaumeistern und weiteren, die sich professionell mit Verstädterung beschäftigen, stellt sich in dieser Situation die Frage, welche Veränderungen überhaupt noch zeitgerecht antizipiert und wirkungsvoll gestaltet werden können. Bauen wir um, oder werden wir umgebaut ist in Emmen die Frage? In dieser Situation der Unsicherheit vermag der Ruf nach einer klareren Positionierung von Behörden, Standorten und Arealen für den Moment für Beruhigung, Klarheit und vermeintliche Kontrolle sorgen. Mit dem Ausrufen der unternehmerisch geprägten Stadt.inc allein (den Begriff hat u.a. Winny Maas geprägt) lassen sich Veränderungen im urbanen Umfeld dennoch nicht zielführend und lösungsorientiert einsetzen. Vielmehr bestimmen politische Haltungen und Verwerfungen, globale Marktkräfte und private Bewegungen wie die Protestaktion „Occupy“, hochgradig vernetzt und gleichzeitig den Prozess der Verstädterung. Wird dieser im Sog der Globalisierungskritik erlebt und führt gar in die Ohnmacht, stellen sich an der Seite der Paradigmen Macht und Recht längst ebenso wirkungsvoll wie staatliche und wirtschaftspolitische Stadt- und Raumentwicklungsprogramme eine Vielzahl von Interessen von Menschen, Gruppen und Institutionen gesellt, die sich aufgrund von Befürchtungen, Emotionen und Ängste für ihre Lebensräume einsetzen. So gleicht in der Praxis die Aufgabe der nachhaltigen Stadtentwicklung mehr und mehr einem fragilen Jonglieren mit Bällen, einer Herausforderung, bei der ein Einsatz von Macht, Regeln und Vermittlung nur abgestimmt zum Erfolg führt: “Juggling the complex web of activities in urban Environments is an ideal place to start thinking through the trade-offs that sustainable development can imply”, schrieb die OECD 2008 in ihrer Publikation “Sustainable Development” (Reihe OECD insights, Tracey Strange, Anne Bayley, S. 28).

Wenn das, was wir unter Stadt verstehen können, zunehmend aus der Konkurrenz zwischen Macht, Regeln, Interessen und Befürchtungen heraus entsteht, dann wird Verstädterung, bevor sie zur gelungenen Show von Künstlern und Gauklern wird, werden Eingriffe in die Blackbox der urbanen (verstädterten) Gesellschaft, wieder vermehrt eine Sache von Verhandlungen. Wer Stadt aktiv gestalten, eine urbane Praxis etablieren und sogar innovativ sein will, wird Konfliktpotentiale, Trends, die Reaktion auf Notwendigkeiten, den Umgang mit temporären Ereignissen ebenso hoch gewichten, wie hoheitlich erstellte politische und fachliche Leitbilder und Planungsziele. Kooperationen und eine kluge öffentliche Mitwirkung unter den Bedingungen einer verschärften Konkurrenz sind dann nicht länger ein Muss, sondern selbstredend ein Teil der richtigen und guten Lösung, die, solange wir von Demokratie sprechen, von einer Mehrheit als richtig und gut befunden wird. Mit anderen Worten: Alleine mit fünf Bällen zu jonglieren, ist eine professionelle Leistung eines Einzelnen. In der Zusammenarbeit mit den anderen Künsten, die sich die Arena teilen und das Publikum vor Augen müssen daraus mindestens 20 Bälle werden. Wenn also heute bei der Frage nach dem Stadtumbau vordergründig die Antwort Wachstum lautet, stehen im Hintergrund wesentlich bestimmendere Frage im Raum: Welche Stadt können wir gemeinsam mit wem und für wen überhaupt noch bauen. Und mit welcher Wirkung? Und mit welchen Folgen?

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Planungskultur wider die Krise

Ob das Bild der Stadt als ein durch Verhandlung gezielt ausgewähltes und kooperativ gestaltetes Produkt aus Interessen, Marktchancen, guter Baukultur und somit das Paradigma der postfordistischen Stadtproduktion, neue Chancen oder eine weitere Krise bedeuten, bleibt ebenso unbeantwortet wie die Frage nach der normativen Stadtdefinition. Für Emmen bedeutet dies: Den Fragen, Phänomenen und Aufgaben, welche die zahlenmässig zweitgrösste Gemeinde im Kanton Luzern auf ihrem Weg zur Stadt begegnet, ist in jedem Fall früh, offen und kritisch zu begegnen, bevor die sichtbaren Veränderungen – gar der politische Alltagsslogan „Emmen boomt“ – als Krise wahrgenommen werden. Lucius Burkhardt hat dazu 1961 eine Leitlinie vermerkt, die aus aktuellem Anlass in der Viscosistadt, wo gerade Studierende einziehen, treffender nicht sein könnte: «Stadt ist nicht, wo nur Studenten sind, wo nur Bankhäuser sind, wo nur Vergnügungspublikum zwischen Restaurants flaniert, nicht einmal dort, wo nur Einkauf ist.» Für den Soziologen und Planungskritiker zeigt sich das Wesen der Stadt nur, «wo sich mehrere ihrer Funktionen überschneiden».[iv] Damit propagierte er die Vorzüge einer offenen Planungskultur und Stadtidee, die von Vielfalt, Durchmischung und Vernetzung lebt. Das klingt stimmig. Kommt hinzu: Die Themen von damals sind den heutigen zumindest ähnlich. Damals wie heute ging es, bzw. geht es um die Bewältigung eines Bevölkerungswachstums, um Verdichtung und Investitionsbedarf bei Infrastrukturbauten, um zusätzliche Ansprüche an den öffentlichen Raum, um die Transformation von Nutzräumen, um die Frage der richtigen Anreize und Intervention in der Finanz- und Raumpolitik. Deshalb im Grunde wiederum um nicht weniger als um die Frage der richtigen Planungs- und Baukultur.

Städtisches kann vermitteln

Als Vorgabe für städtebauliche Aufgaben und Veränderungen, wie sie sich in Emmen aktuelle gleich mehrfach stellen, bedeutet Offenheit im Planen und Bauen zunächst, anzuerkennen, dass städtische Wirklichkeit auf verschiedenen Ebenen stattfindet. Lefebvre folgend, können drei unterschieden werden: die globale, jene der staatlichen, institutionellen und marktwirtschaftlichen Mächte; die private des individuellen Alltagsleben und dazwischen eine dritte, eine konkret räumliche, die städtische Ebene. Einfacher erklärt: Verstädterung wird global durch Behörden, Firmen und übergeordnete Planungen; durch mich als Automobilist, als Nachbar, Mieter und Kunde und dazwischen, quasi vermittelnd zwischen globaler und privater Spähre, durch konkrete Orte und Dienstleistungen, lokale Machtverhältnisse und einzelne Projekte genährt. Logisch scheint, dass Städte und Gemeinden daher weder Vereinfachungen und Positionen wie die freie Fahrt für freie Bürger (die das „Ich“ ins Zentrum stellen), noch die Diktatur durch hoheitliche, virtuelle Planungen alleine glücklich machen. In der Mitte erhält dadurch die städtische Ebene,  wie sie Levebre nennt, zusätzlich an Bedeutung. Sie hat die Aufgabe, zwischen der fernen globalen Ordnung und dem privaten Alltagsleben in konkret veränderbaren und gestaltbaren Räumen der Stadt das „Wir“ zu formulieren.

Aus den drei Ebenen der Verstädterung lässt sich für den Alltag der politischen Governance in der Stadtentwicklung eine sozialräumlich motivierte Kommunikationsaufgabe ableiten. Es gilt nicht weniger, als die globale Welt der Planung, die Wir- und die Ich-Welt der Beteiligten und Betroffenen gleichzeitig bzw. jeweils zum richtigen Zeitpunkt und mit den richtigen Mitteln zu bespielen. Ein Instrument, das dazu eingesetzt werden kann, ist der öffentliche Raum. Zu seinem Wesen gehört, dass er verschiedensten Bedeutungen, Wahrnehmungen und Nutzung aufnehmen kann. Öffentlicher Raum ist zugleich räumliche Hülle, ein Objekt der Kommunikation und Lebensraum für das Individuelle und das Gemeinsame. In letzter Konsequenz kann gefordert werden, dass kein Leitbild, kein Stadtentwurf und kein Bauwerk für sich alleine das Recht haben kann, die Nutzung des öffentlichen Raums ohne Gegenleistung, das heisst exklusiv, für sich zu beanspruchen. Schon gar nicht, wenn durch Planen und Bauen einzelne Grundeigentümer Mehrwerte erhalten und die Veränderung von neuen Nachbarschaften handelt. Andersherum: Damit Verstädterung in ihrer Ganzheit erfolgen kann, hat jede einzelne gute Lösung sowohl räumlich, wie baulich und performativ einen Beitrag an die Vielfalt und an die Einrichtungen der Stadt und an deren Lebensqualität beizutragen. Das heisst: Mehr öffentlich zugängliche und temporär nutzbare Orte, Bauten und Räume sind anzustreben. Von den Beteiligten verlangt dies neben Professionalität und Kooperation auch Empathie und Neugier für bisher unbekannte Eigenschaften, die zu dem gehören können, was wir allgemein in Emmen unter dem Gegenstand Stadt verstehen. Für das mögliche Neue sind in Emmen einfach Beispiele zu nennen: Reuss und Kleine Emme, für die Industrieentwicklung in Emmenbrücke lebenswichtige Ressourcen in der Produktion, werden zu Freizeiträumen. Oder: Mit dem Emmenpark in der Viscosistadt entstehen auf einem ehemaligen Industriegelände öffentlich zugängliche Freiräume.

Landschaft schützt_bearbeitetStadtlandschaft als Hintergrund

Zurück zu unserer Eingangsfrage. Ist Emmen eine Stadt? Wo genau liegt eigentlich Emmen? Zwischen Luzern, Ebikon und Rothenburg. Oder doch eher an einem geografischen Ort zwischen Kernstadt und Land, wo weder der ursprüngliche Naturraum noch das traditionelle Dorf, noch eine traditionelle städtische Mitte existieren. Die Rettung findet Emmen in der Stadtlandschaft Luzern[v], wie hier behauptet wird. In Emmen von einer Stadtlandschaft zu sprechen, passt, und bringt erst noch den Vorteil mit sich, dass sich der festgefahrene Dialog «Städtische versus ländliche Schweiz»[vi] darin auflösen kann. An seine Stelle tritt ein Gegenkonzept, welches in der fachlichen Diskussion zunächst das ganze «Stadtland Schweiz»[vii] im Auge hatte. Und noch ein Argument spricht für die Stadtlandschaft: Vor Ort und in einzelnen Planungen die Stadtlandschaft Emmen als konzeptionellen Hintergrund zu propagieren, ist sinnvoll, weil darin die Vielfalt und die Polyvalenz, verschiedene Beziehungen, Bedeutungen und Funktionen zwischen unterschiedlichen Orten innerhalb und ausserhalb der Stadt- und der Gemeindegrenzen, bereits enthalten sind. Zwischen Emmen und Luzern sind nicht nur Politik, Ökonomie, Gesellschaft und Bildung vernetzt; auch Bauten, Strassen, Flüsse und die Landwirtschaft bilden ein mehr oder weniger sichtbar und gelebtes Netzwerk. Was die Stadtlandschaft Emmen letztlich jedoch ausmacht, sind die Menschen und ihre Bedürfnisse. Die einen finden gegenwärtig im Wohnungsangebot auf der Feldbreite ihr Wohnparadies, andere künftig am Seetalplatz ihren neuen Arbeitsplatz, wieder andere für sich einen kulturellen Mehrwert als Bewohner/in der Viscosistadt oder ein Zuhause im Einfamilienhaus unmittelbar an der Grenze zur Landwirtschaft. Sich über eine Stadtlandschaft wie Emmen zu verständigen, erfordert und benötigt deshalb keine einheitliche Stadtidee, sondern Prinzipien und hauptsächlich dies: den Austausch über stadt- und lebensräumliche Qualitäten (das Wir) am Beispiel einzelner konkreter Aufgaben und Projekte. Reicher werden kann für Emmen dann bedeuten, dass dadurch mit guten Lösungen die bauliche Vielfalt und das Angebot an Lebensräumen gestärkt werden. Oder dass Orte von zentraler Bedeutung innerhalb der Gemeinde und im Umfeld aufgewertet, verdichtet und besser angebunden werden: einzelne Areale an die S-Bahn-Stationen, Quartiere an Strassen- und Flussräume, die Natur und der Wald an die Räume der Landwirtschaft, privates Wohnen an öffentlich zugängliche Freiräume.

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Bocksprung

Wenn die Hochschule Luzern im Sommer 2016 nordwärts zieht, lässt sich die Reise mit einem Bocksprung[viii] vergleichen. Beim Sprung über die Stadtgrenze hinaus mitten in die Viscosistadt trifft die Abteilung Kunst und Design  auf ein ehemaliges Industrieareal, das bis vor Kurzem nicht öffentlich zugänglich war und sich neu als Zukunftsort mit Industrie, Kultur, Büros und Wohnungen positioniert. Was in der Viscosistadt passiert, öffnet den Blick auf die Möglichkeiten an anderen Orten in der Stadtlandschaft Emmen: Nebenan ist das neue Stadtzentrum rund um den Seetalplatz bereits am entstehen. In der Ferne lassen die Gebiete Sonnenhof, die Feldbreite oder die Grünmatt als Stadtentwicklungsgebiete grüssen. Auch das Emmen Center wetteifert mit einem Redesign um seine Stellung im regionalen Einkausfmart. Beidseits des Bahnhofs Emmenbrücke und im Quartier Meierhöfli schlummern weitere Entwicklungspotenziale, die, einmal gebaut, ihre eigene Struktur, Dichte, Lebensqualität und Atmosphäre erzeugen werden. In ihrer Vielfalt gleicht die Stadtlandschaft, die in Emmen entsteht heute noch  einem Archipel, einem an vielen Stellen noch nicht bestellten «Paradis fantastique»[ix] aus einzelnen städtebaulichen beziehungsweise landschaftlich geprägten Inseln. Im Einzelfall und im Zusammenspiel werden die Möglichkeiten und der Widerstand dieser Inseln gegenüber Veränderungen den Umbau Emmens zur Stadt wesentlich prägen. Dazwischen sind es Strassenzüge, Fluss- und Grünräume sowie Freizeitanlagen, Gewerbe- und Einfamilienhausgebiete und nicht zuletzt die Landwirtschaft, welche die Aufgabe haben, Orte, Verbindungen und Hotspots so zu schaffen, dass sie dem Eindruck einer anonymen Agglomeration entgegenwirken.

Auf dem Weg zur Stadtlandschaft kommt für Emmen die Hochschule für Design & Kunst somit gerade rechtzeitig. Kunst als Form der Aktualisierung von bisher unsichtbaren Realitäten, die offene Erkundung des Unfertigen, Möglichen und Vielfältigen hat Tradition. Auch Architektur und Städtebau bedeuten in einem Stadtumbau gleichzeitig eine Technik und Kunst. So ist zu hoffen, dass die Hochschule mit ihrer Präsenz in der Viscosistadt dazu beitragen kann, zu aktualisieren, was Emmen heute und morgen als Stadtlandschaft brauchen oder gar auszeichnen kann. Zu wünschen ist, dass im 745 Experimente entstehen, die – ganz im Sinn der Möglichkeiten einer Kunst im Vorstadtparadies Emmen – für eine lebenswerte, offene und erfolgreiche Stadtidee stehen. Dann hat sich der Bocksprung für alle gelohnt: Stadt Emmen hin oder her.

[i] Burckhardt, Lucius: Wer plant die Planung? Kassel 1980, S. 135.

[ii] Le Corbusier: Urbanisme, Paris 1994, S. 120.

[iii] Zitat aus der Plakatkampagne der Gemeinde Emmen vom November/Dezember 2015.

[iv] Ebd., S. 135.

[v] Zum Begriff Stadtlandschaft: Archithese Sondernummer 1997: Stadt-Landschaft oder Landschafts-Stadt.

[vi] Kreis, Georg (Hrsg.): Städtische versus ländliche Schweiz? NZZ Libro 2015.

[vii] Vgl. Eisinger, Angelus und Schneider, Michel: Stadtland Schweiz. Zürich 2005.

[viii] Bocksprung ist hier dt. für «leapfrog», vgl. dazu: Christopher, Alexander: A New Theory of Urban Design. Oxford 1987, S. 143.

[ix] In Erinnerung an das Werk «Le Paradis fantastique», ein Ensemble aus Skulpturen von Niki de Saint Phalle und Maschinen von Jean Tinguely.

Metroinfo

Foto und Grafik: Stadtfragen 2015

Ein eindrückliches Beispiel dafür, wie der urbane Informationsraum unsere Wahrnehmung im Alltag beherrscht, ohne dass wir uns dessen bewusst sind, findet sich in der S Bahn von San Francisco: Eingefärbt sind Fahrgastinformationen, Anweisungen, Warnungen sowie die Möglichkeit, die Fahrgäste über Lautsprecher zu informieren. Die Dichte beeindruckt.

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Die Vision KKL ist erwachsen (1)

Heute vor genau 20 Jahren, am 12. Juni 1994, hat Luzern an der Urne dem Bau des «Kultur- und Kongresshauses am See» zugestimmt. Jean Nouvel verpackte im Vorfeld die Antwort auf die für das Vorhaben KKL existenzielle Frage „Welche Stadt wollen wir?“ mit strategischem Kalkül in eine offene Erzählung über die Geschichte und die Zukunft am Europaplatz. Interpretiert als Bildprojekt eines gelungenen urbanistischen Bocksprungs fasziniert und verunsichert die damals wichtigste Projektdarstellung, ein Landschaftsbild, bis heute. So lautet die Annahme. Stadtfragen geht deshalb in loser Folge der Frage nach, wieso das so ist, und welche Folgen sich daraus für die Stadtentwicklung ableiten lassen.

Bild: Archiv Stadtfragen (© JNEC, Vincent Lafont, Trägerstiftung Kultur- und Kongresszentrum am See, Luzern)

(…) La „nouvelle“ maison est à la fois paisible et animée. Elle s’incrit dejà comme l’évenement-symbole d’un nouveau chapitre de l’histoire de Lucerne“  Jean Nouvel, Juli 1993

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sta. Insgesamt viermal stimmte das Luzerner Stimmvolk bis zur Eröffnung 1998 über das KKL am Europaplatz ab. Die entscheidende Hürde nahm das „Kultur und Kongresshaus am See“, wie das Projekt damals hiess, vor genau 20 Jahren: Am 12. Juni 1994, nur ein paar Wochen nach der Feier zum Wiederaufbau der Kapellbrücke, stimmten 65,76 Prozent der Stimmberechtigten dem städtischen Baukredit in der Höhe von 94 Mio. Franken zu. Im gleichen Urnengang schickte die politische Schweiz die Blauhelmvorlage, den Kulturartikel und die erleichterte Einbürgerung von jungen Ausländern bachab. Luzern war zurecht stolz auf sich: „NEIN. NEIN. NEIN“ und „Luzern glaubt an sich“, titelte die lokale Tageszeitung gleichzeitig. Der Erfolg der Vision KKL an der Urne wurde politisch als Bestätigung für eine in den Jahren zuvor ausgehandelte Kulturpolitik interpretiert. Das „JA“ drückte in einer Zahl aus, dass das Vorprojekt des Pariser Architekten Jean Nouvel im äthetischen Urteil der Bevölkerung eine Mehrheit gefunden hatte. Gar von einer „architektonischen Absolution für den Star aus Paris“ schrieb die Lokalzeitung euphorisch.

Erfolgreiche Aufführung

Bei so viel Segen für zeitgemässe Architektur in der Öffentlichkeit einer Kleinstadt wie Luzern sind neben Begeisterung auch kritische Zweifel angebracht: Hat sich 1994 tatsächlich eine Mehrheit der Bevölkerung für eine international beachtete, zeitgemässe Architektur eines ausländischen Architekten ausgesprochen? Notabene für einen, der die Wirkung moderner Architektur in der Öffentlichkeit aufgrund ihrer inhärenten Radikalität immer als (Zitat) „Schock“ bezeichnet? Aus heutiger Sicht scheint diese Diagnose noch unwahrscheinlicher zu sein als damals, zur Zeit der Abstimmung, denn: Luzern fühlte wohl 1994 bereits die Sogkraft des nahenden Jahrtausendwechsels und zeigte sich gegenüber prägenden Ereignissen und Veränderung deshalb offener als gewöhnlich. Trotzdem: Näher an die damalige und heutige Realität im barock-selbstverliebten Luzern kommt die Annahme, dass den Protagonisten 1994, auf dem Hintergrund einer Vision in Aktion, letztlich nicht weniger gelungen ist, als der dramaturgische Höhepunkt in einer über Jahre bemerkenswert stimmigen Aufführung zu einem politisch, wirtschaftlich und kulturell notwendigen Wandel. Aufgeführt und legitimiert wurde damit auch ein für die Stadt wegweisender urbanistischer Bocksprung, der mit Hilfe von Jean Nouvels Architektur bis 1998 bzw. 2000 Form und Material werden sollte. Mit dem positiven Ereignis am 12. Juni 1994 war (bewusst oder unbewusst) klar geworden, dass – vis-a-vis der Seestadt aus dem 19. Jahrhundert mit ihren stilbildenden Hotels und Quaianlagen – eine Stadtlandschaft für das 21. Jahrhundert entsteht.

Eindrückliche Konsistenz

Stimmt die hier gemachte Annahme, dass vor 20 Jahren an der Urne hauptsächlich eine Aufführung der Vision KKL gelungen ist, dann wurde an der Urne zwar über einen Baukredit und damit über ein Haus am Europaplatz mit unterschiedlichen Nutzungen unter einem gemeinsamen Dach abgestimmt; nicht aber über die Inhalte, das Wesen der Architektur von Jean Nouvel. Gegenstand der Abstimmung war ein „JA“ zu einer kooperativ erarbeiteten Vorstellung über die Zukunft der Kulturstadt und des Tourismusstandorts Luzern. Zum Glück. Nicht auszudenken ist, wohin wohl die Reise einer breit ausgelegten, öffentlichen Haushaltdiskussion über die Mittel und den Ausdruck von Jean Nouvels Architektur – über ein mehr als 40 Meter auskragendes Vordach – geführt hätte!

Mit Recht lebt die Reputation der Erfolgsgeschichte KKL deshalb von der Faszination darüber, wie konsistent, zielgerichtet und werktreu die „Chance für Luzern“ im kooperativen Prozess von der Idee bis zur Eröffnung verhandelt, vermittelt und letztlich öffentlich kommuniziert wurde. Performativer Städtebau at its best frohlockt am Ende des Tages der Kritiker! Mit welchen Mitteln der Vermittlung und Überzeugung das „JA“ zustande kam, daran erinnert bis heute die im Vorfeld der Abstimmung vom Juni 1994 wohl wichtigste Projektdarstellung (Titelbild). Das Rendering zum Vorprojekt erzählt emblematisch davon, was am Europaplatz über die Geschichte und die Zukunft der Stadt Luzern zu lesen ist. Was auf den ersten Blick als unscharfes, beinahe lieblich anmutendes Landschaftsbild erscheint, zeigt sich bei näherer Betrachtung als ein mit strategischem Kalkül ausgearbeitetes Bildprojekt, als eine Erfindung und Bildmaschine: Mit Hilfe der Darstellung, die vom Pariser Gestalter Vincent Lafont 1993 im Auftrag von JNEC (Jean Nouvel et Emmanuel Cattani) erstellt wurde, gelang es, den Blick für ein zugleich offenes und spezifisches Zusammenspiel von Stadt, Landschaft und Gebäude an einem ganz bestimmten Ort, zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt zu öffnen. Die dabei verwendete Bildlogik und Symbolik  man könnte sagen: die mit dem Entwurf des Architekten hergestellte, neue integrative Realität in den Augen der Betrachtenden  hat Jean Nouvel in seinem original Untertitel vom Juli 1993 in seinen eigenen Worten so beschrieben:

Sérénité du lac, grandeur du paysage, à ses confins bâtir un nouveau signe de civilisation, un témoignage de la foi en son avenir, un lieu où se mettent en scène ses activités et sa vie culturelle. La „nouvelle“ maison est à la fois paisible et animée. Elle s’incrit dejà comme l’évenement-symbole d’un nouveau chapitre de l’histoire de Lucerne“.

Die Abbildung wurde am  27. Juli 1993 erstmals veröffentlicht – wahrscheinlich nicht ganz zufällig exklusiv in der NZZ. Einen Monat später fand die Pressekonferenz zum Vorprojekt Kultur- und Kongresshaus Luzern statt, über das heute genau vor 20 Jahren erfolgreich an der Urne abgestimmt wurde, deshalb: Happy Birthday Vision KKL!


Fortsetzung: Worüber reden wir eigentlich, wenn wir am Europaplatz von der „Stadt“ sprechen?

Moderierte Stadt für Karlsruhe

Der Pavillon zum Stadtjubiläum im Karlsruher Schlosspark von Architekt Jürgen  Mayer H. ist eine temporäre Architektur für eine temporäre Stadt. Sie dauert vom Juni bis im September 2015, wurde vom Stadtmarketing bestellt und wird – so lautet hier die Prognose – ein beispielhafter Erfolg einer moderierten Stadtproduktion, in deren Ambiente sich die einzelnen Besucher/innen aus Nah und Fern, allenfalls auch in Reisegruppen und zusammen mit ein paar Freunden, vor allem selbst feiern werden.

Bilder: J. Mayer H. 2014

sta. „Heute findet ein Wechsel vom Monument zum Event statt“, schreibt Hannelore Schlaffer in ihrem lesenswerten und scharfsinnigen Essay über das heutige Strassenleben in der City, der „geplanten Stadt“ (zu Klampen 2013). Sie meint damit jene oft beschriebene Stadtrealität, in der politische Behörden nicht mehr dadurch als Machthaber auftreten, indem sie ihre ästhetische Selbstdarstellung mit Denkmälern und Monumenten feiern. Noch weniger wollen sie als blosse Verwalter oder Ordnungshüter auftreten: „Lieber spielen sie den Moderator bei den Unterhaltungsangeboten für ihre Bürger“, so Schlaffer. Städtische Immobilien dürfen deshalb weder einschüchtern, noch den Anschein machen, dass bei ihrem Bau und Betrieb nicht die kluge Ökonomie oberstes Ziel gewesen ist. Politische Macht in gebauter Form scheint daher umso sinnfälliger in Form von Kulturbauten und Events ihren der Zeit angepassten Ausdruck finden zu müssen. Jedoch nicht nur aus Selbstzweck, denn: Dem modernen und oft temporären Stadtbürger vom Land vergegenwärtigen Museen, Konzerthallen, Pavillons und Open-Air-Veranstaltungen bei einem Besuch weniger die Kraft der Staatsmacht, sondern vor allem seine oder ihre persönliche, sinnliche Präsenz und Aufmerksamkeit, die auf einer meist ungefährlichen, im besten Fall etwas schicken und in jeden Fall urbanen Bühne erlebt werden darf. Dieses persönliche Recht auf Stadt ist weder kritisch noch revolutionär, es konsumiert. Die zahlreichen Anderen gehören nicht zu einer organisierten Masse, sie sind einfach halt auch noch da.

Image converted using ifftoanyInstant-Architektur für die friedliche Menge

Mit dem Wechsel vom Monument zum Event werden Bauten wie der Pavillon für Karlsruhe 2015 aus urbanistischer Sicht so zum persönlichen temporären Ereignis in der temporären Stadt; politisch und planerisch angerührt, schmackhaft und konsumierbar wie ein hochwertiger Instantkaffee, der in einem mobilen Pappbecher durch die Instant City für eine friedlich-fröhliche Menge getragen wird. Geordert durch das zuständige Stadtmarketing muss oder kann die Architektur dem Event gleichzeitig seinen baulichen Rahmen, seine gestalterische Exklusivität, den inhaltlichen Sinn und seinen Promotoren und Konsumenten letztlich den gewünschten kommunikativen Symbol(mehr)wert verleihen. Erfolgreiches Design als Beitrag an die temporäre Stadtproduktion integriert deshalb stets gleichermassen das Material und die Form eines geplanten Stadt- und Standortmarketings.

Temporäres Stabwerk von J. Mayer H.

Beispielhaft. Und absehbar ein Erfolg eines Meisters der architektonischen Inszenierung. Globales Architekturdesigns auf höchstem Niveau. Das sind Schlagworte, die in diesem Fall nicht übertreiben, weil für die Feierlichkeiten zum 300. Gründungstag der Stadt Karlsruhe 2015 im Schlosspark ein temporärer Veranstaltungspavillon von Jürgen Mayer H. entsteht. Der Architekt und Designer trägt immerhin den Mies-van-der-Rohe Nachwuchspreis 2003. In der offenen Struktur seines Entwurfs finden während des Festivalsommers verschiedenste Konzerte, Theateraufführungen, Autorenlesungen, Filmvorführungen und Ausstellungen statt. Der Pavillon bietet einen großen Saal mit Bühne, er ist zentraler Informationsort für die über die Stadt verteilten Jubiläumsaktivitäten und ein Treffpunkt mit Café. Das verformte Raster des Pavillons bezieht sich auf den streng geometrisch-radialen Grundriss der Barock-Stadt Karlsruhe mit dem Schloss als Fokus und transformiert diesen in ein räumliches Linienfeld: Ortsbezug als Strategie gehört zum gefestigten Repertoire einer zeitgemässen Stadtproduktion durch Bauten. Auf mehreren Ebenen in und auf der Struktur entstehen Ausstellungs-, Ruhe- und Aussichtsplattformen. Die Aufbauarbeiten beginnen im März 2015. Die Ausstellung zum Jubiläum dauert von Juni bis September. Im Oktober wird der Pavillon wieder demontiert.

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Dorf macht Sinn!

«Die Schweiz hat ein Dorf im Kopf». So tönt es kritisch aus Fachkreisen. Das «Dorf» macht als Hintergrund für die Arbeit von Planern und Architekten dennoch Sinn. Stadtfragen hat in Deitingen, Innertkirchen und Näfels nachgeschaut, was Architekten aus Basel, Luzern und Zürich dazu zu sagen haben. Entscheidend für das Gelingen einzelner Interventionen im Dorf scheint die glückliche Konstellation vor Ort zu sein. Der vollständige Text «Frischs Dorf» ist in der Dezemberausgabe 2013 der Zeitschrift werk, bauen+wohnen erschienen.

Titelbild: Der neue Wydenhof in Näfels, Fotos: Stadtfragen 2013

sta. Das Pamphlet in «achtung: Die Schweiz» forderte 1955 auf, dort hinzusehen, wo das Mittelland aufgehört hatte, eine Landschaft zu sein, wo es weder Stadt noch Dorf war. Damals ging es um die Bewältigung des Wachstums der Schweiz durch Städtebau und Architektur, kurz: «Wir bauen eine neue Stadt». In Innertkirchen, Deitingen und Näfels handelte die Aufgabe der Politik, der Investoren und Architekten von der Suche nach dem «neuen Dorf».

Identität macht den Unterschied

Mit dem Bonmot «Die Schweiz hat ein Dorf im Kopf» wird einer Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer üblicherweise fehlender Mut zur Urbanität unterstellt. Das Dorf im Kopf, so lautete die These hier, ist eine gute Sache. Dann «das Dorf» kann als Sinnfeld einer offenen Wahrnehmung produktiv werden, wenn es als vielfältiger, gemeinsamer Hintergrund in der Wahrnehmung von Laien und Experten verstanden wird. Dies ändert jedoch nichts daran, dass einzelne bauliche Eingriffe umso klarer nachvollziehbar machen müssen, was sie mit zur Idee «Dorf» zu sagen und beizutragen haben. Das Sinnfeld «Dorf» kann bereits im Entwurfs- und Bauprozess, auf dem Weg zum architektonischen Konzept, zum Charakter, zum neuen Bild, zur Atmosphäre oder zur klugen Analogie zum Ausgangspunkt einer spezifischen Schaffung von Dorfidentität werden. Die Kritik am einzelnen Objekt interessiert sich dann für die Schnittstellen zwischen der architektonisch behaupteten und der tatsächlich wahrnehmbaren Identität vor Ort.

Boxenstopp in Innertkirchen

In Innertkirchen haben die Gschwind Architekten aus Basel das «Grimseltor» realisiert. Das touristische Informationszentrum mit Einkaufsladen, Post, Dorfplatz und Saal soll als «neues Herz der Gemeinde» identifiziert werden. Der Ausdruck der Architektur spricht vom Umgang mit Abstrakta aus der Architektur-Landschaft. Der robuste Betonbau erinnert an hiesige Kraftwerksanlagen. Im Spiel mit der alpinen Naturkulisse von Innertkirchen entstehen so reizvolle Bilder. Gebäude und Dorfplatz wirken gleichzeitig selbstbewusst und selbstbezogen – das monolithische Objekt in Weissbeton könnte sich für weitere Standorte an anderen Passstrassen eignen. Den Dorfplatz bezeichnen die Architekten als «Dorfbühne». Der Besuch vor Ort wirft die Frage auf: Wie gut taugt generisch programmierte Architektur vor Ort tatsächlich zu einer Aufführung einer lokalen Dorfmitte?

Wohnen in Näfels

Näfels gehört zur Grossgemeinde «Glarus Nord». Die «Zentrumsüberbauung Wydenhof» wurde benachbart zum Freulerpalast vom Luzerner Architekturbüro Lussi + Halter realisiert. Die Bank Raiffeisen und ein privater Landbesitzer haben den Ersatzneubau einer Villa mit Garten ermöglicht. Die fünf Gebäude mit Giebeldach, divers in Form und Ausrichtung, bilden ein stattliches Ensemble. Die Bank Raiffeisen steht direkt an der Kantonsstrasse. Vier Häuser mit 18 Eigentumswohnungen interpretieren die dörfliche Siedlungsstruktur und Dichte von Näfels. Mit dem Massstab der Baukörper und Aussenräume, der Anordnung und Ausformulierung der Fassaden und dem Kellenwurf-Putz wollen die Erbauer an die Umgebung im Ort erinnern. Die szenischen Ein- und Ausblicke im privaten Wydenhof sind sehenswert.

Über den Dächern von Deitingen

Für das neue Dorfzentrum von Schmid Schärer und Krayer & Smolenicky Architekten aus Zürich diente das öffentliche Wegnetz als Ausgangspunkt. Inmitten der weilerartigen Bebauungsstruktur bilden zwei Neubauten und das Gemeindehaus den neuen Siedlungskern mit Dorfplatz. Ein Laden, ein Café, eine Poststelle, eine Bankfiliale, die Spitex und Parkplätze sorgen für die notwendige Dichte an Nutzungen und dafür, dass die neue Dorfmitte funktioniert. Das Wohnangebot «über den Dächern von Deitingen» wird von Einheimischen und Rückkehrenden genutzt. Die längere Planungsgeschichte des Zentrums steht für eine projektbezogene Planung mit einer anschliessenden Diskussion um Höhen, Ausdruck und dörfliche Identität. Im Kompromiss wurde der Kopfbau um ein Geschoss reduziert. Dennoch spricht die realisierte Architektur eine selbstbewusste Sprache, die die vorgefundene, gebaute Dörflichkeit urbanisieren will. Daran ändert nichts, dass die Baukörper mit ihrer Stellung zur Strasse und ihrer Farbigkeit den abstrakten, analogen Bezug zu den umliegenden Bauernhäusern suchen.

Konstellationen

Die drei Beispiele sind anregend und fordern dazu auf, dass die Suche nach dem neuen Dorf weiter geht. Es lohnt sich nämlich nach wie vor, dort einzugreifen, wo das Mittelland droht, weder ganz Stadt noch spezifisches Dorf ist. Das gelingt vielleicht überzeugender, wenn das Dorf als gemeinsames Sinnfeld von Laien und Experten nicht ausstirbt. Städtebau und Architektur sind gefragt und nützlich, wenn sich beide Disziplinen lokal für die glückliche Bündelung von Notwendigkeiten, Kräften und Akteuren einsetzen. Im Dorf erfordert dies, sich bei der Programmierung von Bauaufgaben auf eine politisch fragile, sozial nahe und deshalb zeitintensive «Konstellation» einzulassen.

Lit: Lucius Burckhardt, Max Frisch, Markus Kutter: achtung: Die Schweiz, 1955

Der Masterplaner

Der Holländer Kees Christiaanse ist Architekt, Städtebauer und ETH-Professor. Stadtfragen traf ihn an einem grauen 9. März in seinem Ferienhaus im bündnerischen Feldis auf 1500 Meter ü.M. Wir sprachen über seine Arbeit, den Zustand der  Raumplanung und «Desakota» – über das urbanistische Phänomen der Stadtlandschaft. Das Interview ist ohne die ergänzenden Kommentare in der Zeitschrift „Komplex Nr. 6 2013“ erschienen.

Fotos: Herbert Zimmermann, Luzern

sta. Wir sitzen in der offenen Wohnküche des von Kees Christiaanse selbst (um)gebauten Holzhauses. Von hier aus geht er auf Wanderungen und Skitouren. Es gibt Tee und Früchte, draussen ist es grau, die Atmosphäre für ein Gespräch ist entspannt, die umgebende Landschaft braun-weiss gefleckt: Sie scheint parat für den Frühling.

Thomas Stadelmann: Hinter Ihnen hängen Landschaftsbilder an der Wand. Sie malen in Ihrer Freizeit?

Kees Christiaanse: «Das mache ich, um meinen Kopf leer zu bekommen. Jeden Tag sind es zwei oder drei Aquarelle im Postkartenformat. Dabei verwende ich absichtlich nur eine Technik und nur einen Pinsel.»

Die Aquarelle sind in Reih und Glied an die Wand gepinnt. Christiaanse verschenkt sie gerne an Freunde und Verwandte, wie er verrät – jedoch nicht an Journalisten. Trotz der privaten Umgebung nutzt mein Gegenüber die erste Gelegenheit, um von seiner Arbeit zu sprechen: präzis, gradlinig und schlüssig. Seine Gedankengänge scheinen einem sicher ausgelegten Pfad entlang von urbanistisch bedeutsamen Wegmarken dieser Welt zu folgen. Und dann: Unerwartet aber umso passender zu meiner zweiten Einstiegsfrage lichten sich über Feldis die Nebelbänke. In der Ferne sind Berggipfel zu sehen:

Denken Sie mit Blick auf die Berge auch über die Stadt nach?

«Natürlich. Dieser Ort besteht nicht nur aus Aussicht und Erholung. Er ist auch der beste Arbeitsplatz, den man sich vorstellen kann. Hier arbeite ich an Vorlesungen und Entwürfen.»

Welche Themen treiben Sie denn bei Ihrer Arbeit besonders an?

«Vor allem ein urbanistisches Phänomen, das wir in Holland ‹Desakota› nennen. Der Begriff stammt aus dem Indonesischen und steht für ‹Stadtland› oder ‹Landstadt›. Man muss sich vorstellen: Auf Java lebt über die Hälfte der Indonesier in einem Netz aus Städten, Dörfern und Landwirtschaft. ‹Desakota› sehe ich auch in der Schweiz. Die Täler im Graubünden oder das Mittelland sind urbanisierte Landschaften. Zu deren Wandel gehört der Rückgang der Landwirtschaft und eine veränderte, fein vernetzte Ökonomie. In Feldis waren die Menschen bis 1960 mehrheitlich Bergbauern, heute gibt es noch eine Handvoll. Gäste oder Ferienhausbesitzer, die hier arbeiten, bilden die Mehrheit. Zum Beispiel hilft eine Ex-Stewardess von Pan Am, die sich hier zur Ruhe gesetzt hat, beim Skiliftbetrieb, und ein holländischer Banker betreibt seine Geschäfte hier online. Diese neue Ökonomie hat sich nicht nur in den Städten und am Rand der Städte breit gemacht, sondern ebenso in den Bergen.»

Neben Feldis ist auch Zürich für Christiaanse zu einer Art Heimat geworden, wie er sagt. Zudem arbeitet er regelmässig in Singapur: Christiaanse ist ein Global Player des Städtebaus. Mich interessiert, wie dieses Leben funktioniert:

Sie leben und arbeiten hauptsächlich in Zürich und Singapur. Wie geht das?

«Zürich ist mein neues Zuhause, dort wohne und arbeite ich. Es erinnert mich an das frühere Amsterdam: eine kleine Stadt mit einem metropolitanen Kulturleben. Dann gibt es Singapur. Als Programmleiter des ‹Future Cities Laboratory› habe ich die Möglichkeit, in einem Moment eine aktive Rolle einzunehmen, da Asien sich zum global wichtigsten Wirtschaftsfaktor wandelt. Für mich als Holländer ist die Nähe Singapurs zu Indonesien zudem nicht nur historisch, sondern auch familiär von grosser Bedeutung. Mein Vater wurde in Indonesien geboren. Meine Arbeitszeit in Singapur widme ich hauptsächlich der intensiven Urbanisierung und Wirtschaftsentwicklung, die dort gerade stattfindet.»

Was interessiert Sie als Europäer in Asien am meisten?

«Der Unterschied zu Nordwesteuropa. Die Städte in Asien zählen zwischen 1 und 10 Millionen Einwohner und liegen 1000 Kilometer auseinander. In Europa sind es 100 000 bis eine Million Leute und 100 Kilometer Distanz. Hinzu kommt, dass mit dem Erfolg der Billigflieger in Asien das Flugzeug jene Entwicklungskraft erhält, die in Europa die Eisen- bahn einmal hatte. Als Forscher beschäftigen mich die Themen Stadt und Flughafen sowie die transnationalen Verbindungen zwischen den Städtenetzen. Zudem erforsche ich die Gemeinsamkeiten von kulturell, politisch und geografisch unterschiedlichen städtischen Räumen überall in der Welt. Aktuell untersuchen wir die Wirkung von mikroökonomischen Strukturen und städtebaulichen Typologien auf Nachbarschaften. Vergleichbare Phänomene lassen sich in Zürich, Schanghai, Singapur, London oder Berlin beobachten und auswerten. Städtische Vielfalt und Veränderungsprozesse sind dadurch messbar, und wir wissen, an welchen Schrauben Planer und Politiker drehen können, um die Dynamik in einem Stadtquartier zu verbessern.»

An unterschiedlichen Orten zu arbeiten, erlaubt es Christiaanse, sehr schnell und dennoch spezifisch auf einzelne Städte einzugehen. Seine Heimat Holland ist dabei prägend: Wer mit Christiaanse spricht, muss deshalb keine Fragen zu den Niederlanden vorbereiten. Seine Antworten führen früher oder später dorthin. Trotz Lehrstuhl in Zürich und dem Feriendomizil in Feldis hat sich Christiaanse zudem die Freiheit bewahrt, offen über seinen persönlichen Eindruck zum Zustand des hiesigen Alpenlands Auskunft zu geben. Also frage ich ihn nach seinem Schweizbild:

Kommen wir zurück in die Schweiz. Aus Ihrer Sicht sollen die Städte hier besonders schön, gut organisiert und vergleichsweise sicher sein. Was machen wir denn besser als zum Beispiel die Holländer?

«Die Schweiz handelt nicht besser, sie hat lediglich die bessere Ausgangslage. In Holland leben mehr als doppelt so viele Leute, das Land ist flach und die Dichte entspricht etwa dem schweizerischen Mittelland. Als traditioneller Zufluchtsort für Menschen aus aller Welt ist die holländische Gesellschaft konfliktanfälliger, die Raumplanung komplexer als anderswo, und Stadterweiterungen sind oft von heftigem politischen Widerstand begleitet. In der Schweiz ist die Raumordnung auf Konsens ausgerichtet. Ich glaube, das Verhältnis zwischen unberührter Natur und der Siedlung ist hier eigentlich sehr entspannt, weil über 800 Meter über Meer auf einer grossen Fläche kaum gewohnt wird. Zudem sind es in den Zentren von Zürich, Basel oder Genf jeweils nur 15 Minuten zu Fuss in die Natur. Eine unglaubliche Qualität! Mich erstaunt, dass die Schweiz davon spricht, wie schlimm und gefährlich die Zersiedlung geworden ist. Aus meiner Sicht befindet sich die Schweiz in einem raumplanerisch gut beherrschbaren Zustand.»

Und wo gilt es dennoch anzusetzen?

«Bei den Fehlern. So führt die bäuerlich geprägte Bodenpolitik dazu, dass der Umgang mit Land zum Beispiel in Zug oder Wollerau aufgrund einseitiger ökonomischer Interessen ‹texanisch› anmutet. Der Steuerfuss ist niedrig, was Leute anzieht, die Steuern sparen wollen, was wiederum einen Bauboom auslöst, der als Selbstverständlichkeit hingenommen wird. Die Raumplanung in der Schweiz kann also genauso schlecht funktionieren wie anderswo. Eine zweite Herausforderung ist das Aus- ufern der Gewerbeaktivität im schweizerischen Mittelland. Im Umgang mit der aktuellen Nachfrage hat die Schweiz keine Tradition. Jedoch verfügt sie über weit entwickelte Planungsinstrumente. Rotterdam könnte sich einen Richtplan wie im Kanton Zürich nur wünschen. Baugebiete und Nichtbaugebiete sind darin ebenso festgelegt wie die Forderung, bestehende Siedlungen nach innen zu verdichten. Auf diese Art und Weise mit Wachstum umzugehen ist vorbildlich.»

Wie wirkt sich das ‹Ja› zur Revision des Raumplanungsgesetzes aus?

«Aus meiner Sicht ist der Volksentscheid vom 3. März eine Bestätigung dafür, was vorher – zum Beispiel mit dem Raumkonzept Schweiz – bereits erarbeitet wurde. Ich glaube, die Bevölkerung ist sich nach der Zweitwohnungsinitiative und der Raumplanungsgesetz -Revision ihrer Aufgabe sehr bewusst. Man muss aufpassen, dass die Landschaft nicht überbaut wird. Bei der Umsetzung werden konsensbasierte Konzepte sehr wichtig sein, weil Gesetze und Vorschriften zu wenig flexibel sind.»

Das Wallis hat Christiaanse – politisch korrekt und belesen wie er ist – von seiner allgemeinen Einschätzung der schweizerischen Befindlichkeit in Sachen Raumentwicklung ausgenommen. Und er erwähnt, dass aus Sicht einer nachhaltigen Entwicklung sogar in Zürich Fehler begangen werden, etwa bei der Entwicklung von Grosssiedlungen in Glattbrugg oder Affoltern, die, so Christiaanse, hauptsächlich die Nachfrage im Massenwohnungsbau befriedigen würden. Trotzdem: Beim Zuhören schleicht sich heimlich das Gefühle an, dass wir in der schweizerischen Raumplanung über Luxusprobleme debattieren: Es wird landauf und landab fleissig geplant, investiert und gebaut; Instrumente wie das „RES“ (Raumentwicklungsstrategie) für Zürich sind im Vergleich mit anderen europäischen Städten vorbildlich. Keine Anzeichen also von härteren Zeiten, alles im Butter. Ich frage nach.

Können wir uns, trotz Fehler, weiterhin auf eine stabile urbanistische Schönwetterlage einstellen?

«Die Frage ist, ob die schweizerische Insel der Prosperität bestehen bleibt. Als Schönwetter-Urbanismus würde ich die Situation im Städtebau nicht bezeichnen. Wir werden kaum eine endlose Wachstumsphase erleben, die in eine ebensolche Urbanisierung führt. Dazu ist die Weltlage für Europa zu schwierig: Die Industrie droht allmählich wegzubrechen, wenn sie nicht modernisiert, sprich automatisiert, wird. Die Chancen der Schweiz liegen im technologischen Vorsprung, zudem unter anderem in der Produktion von sauberer und günstiger Energie. Die Gebäudetechnologie ist heute so weit entwickelt, dass in wenigen Jahren zu normalen Baupreisen sämtliche Gebäude zu Energieproduzenten umgerüstet werden könnten. Ich persönlich glaube zudem an den Mythos, dass alles, was du hast, in der Schweiz am sichersten ist.»

Besser kann man den USP der Schweiz nicht auf den Punkt bringen und in die Zukunft denken: Eine Schweiz als urbane Stadtlandschaft, gespickt mit qualitativ hochstehenden, sprich rentablen Immobilienobjekten, die technisch sehr hochwertig sind. Christiaanse präzisiert, dass mit diesem Szenario der Trend in Richtung Urbanisierung einhergeht: Menschen ziehen wieder vermehrt in die Stadt. Jedoch nicht, weil sie genug vom Landleben haben, sondern weil sie die Ökonomie der Stadt dorthin zieht: feine Netzwerke, kurze Wege, Beziehungsmöglichkeiten, die Nachfrage nach immer neuen Dienstleistungen. Zudem sei es in der Stadt sauberer geworden, die Luft noch besser, die Ausbildungsmöglichkeiten vielfältiger, die Dichte an Erlebnissen höher. Für Christiaanse passe die Beschreibung derartiger urbaner Verhältnisse in unserem Land nicht nur für städtische Zentren, sondern zunehmend für die ganze Stadtlandschaft Schweiz: Freitag sei ja auch nach Oerlikon gezogen. Wieso also nicht von einer urbanisierten Schweiz träumen, die als rentable, sichere und erholsame „Desakota“ für Menschen aus aller Welt funktioniert? Die Idee ist nicht neu.

Was kann das für die Zukunft bedeuten?

«Rem Koolhaas hat einmal einen Plan von Europa gemacht. Darauf sind die Alpen mit der Schweiz als Central Park dargestellt. Das Stadtland Schweiz wäre demnach aus der Sicht von Europa ein urbanisierter Landschaftspark, eine ‹Desakota› mit privilegierten Erholungs-, Arbeits- und Wohngebieten.»

Apropos Rem Kohlhaas: Christiaanse ist nicht nur Professor für Städtebau, der Phänomene der Stadt erforscht und vermittelt. Als Architekt ist er im Büro von Rem Koolhaas gross geworden. Als Masterplaner realisiert er heute, was er dabei gelernt und erfahren hat. Die eigenen Büros sind in Amsterdam, Zürich und Shanghai stationiert.

Sprechen wir über Ihre Arbeit als Masterplaner. Wie bringen Sie die Anforderungen an Planungen und Ihre fachliche Offenheit mit den menschlichen Bedürfnissen nach Ordnung und Orientierung zusammen?

«Mit Erfahrung und einer eigenen Herangehensweise. Anders als die traditionelle Stadtplanung sichern wir zuerst die räumliche und bauliche Substanz, von der wir meinen, dass sie nicht berührt werden darf. Was dann übrig bleibt, überführen wir schrittweise in eine vernünftige Raum- und Baustruktur. Diese Strategie ist sehr effektiv, und der Masterplan hat sich als Instrument bewährt. Architekten können am besten damit umgehen, weil ein guter Städtebauer ein Ex-Architekt ist. Anders als ein Architekt, der sich für sein schönes Objekt interessiert, setze ich als Masterplaner den kollektiven Mangel an Geschmack so um, dass etwas Schönes daraus entsteht. Dabei nehmen wir in unserem Büro raumplanerische Themen aus den Sozial- und Ingenieurwissenschaften in unsere Arbeit auf. Wir sind deshalb keine Soziologen, haben aber ein Wissen über die Stadtsoziologie. Ein Masterplan ist zu 50 Prozent ein städtebaulicher Entwurf und zu 50 Prozent Prozessentwicklung. Derjenige, der einen Masterplan macht, muss demzufolge Prozesse moderieren können.»

Als Moderator haben Sie eine starke Position und die Macht des Planers.

«Die Position des Planers und Moderators ist eine Machtposition, die manchmal in die Ohnmacht führt.“

Und wieder kennt Christiaanse ein Zitat von „Kollege“ Rem Koolhaas: „Die Position des Architekten bewegt sich zwischen Omnipotenz und Impotenz“. Und weiter:

„Als Masterplaner bin ich nur einer von mehreren Akteuren und deshalb nie alleine wirksam. Wer dies verstanden hat, weiss eher, wo eine Weiche erfolgreich zu stellen ist, damit eine gewünschte Wirkung erreicht wird. Wer denkt, er könne alles kontrollieren, wird hoffnungslos scheitern. Die Macht des Masterplaners oder des Masterplans liegt in der Möglichkeit, den Prozess der Raum- und Bauentwicklung zu moderieren. In dieser Rolle bin ich die Vertrauensperson der Öffentlichkeit und nicht des Stadtpräsidenten, des Investors oder des Gestalters.»

Und woran messen Sie in dieser Rolle Ihren Erfolg?

«An den realisierten Projekten. Für mich war immer entscheidend, Projekte zu implementieren und so lange wie möglich am Prozess hängen zu bleiben, auch wenn das oft schwierig und manchmal sogar frustrierend ist. Die Bauaufträge und Honorare gehen ja dann letztlich an die Architekten. So gesehen ist die Disziplin Städtebau zu Unrecht schlecht bezahlt und die rechtliche Position als Autor eines Masterplans leider oft sehr schwach.»

Ich habe extra nachgefragt, ob ich über die schlechte Bezahlung im Städtebau schreiben darf: „Natürlich“, so Christiaanse, der schon über zehn Jahre bei der Entwicklung der Hafencity in Hamburg mit dabei ist. Beim Masterplan für die Europaallee sei die Bezahlung allerdings in Ordnung gewesen.

Wie beurteilen Sie das Resultat an der Europaallee in Zürich?

«Ich bin zu 100 Prozent überzeugt,  dass  die Europaallee als Quartier und Ergänzung zum Stadtzentrum funktionieren wird. Für unseren Masterplan ist typisch, dass die Qualität und die Ausgestaltung der Übergänge zwischen Öffentlich und Privat stimmen. Der Raum muss dazu sehr gut strukturiert und die Zwischenräume so organisiert sein, dass die Menschen sie sich aneignen und Aktivitäten entfalten. Wenn die Erdgeschosse im Übergang zwischen Öffentlich, Halböffentlich und Privat stimmen, ist dies ein positiver Indikator für das ganze Stadtquartier.»

Natürlich interessiere ich mich für seine bisher besten Arbeiten: Christiaanse empfiehlt mir, seine ECO-Siedlung in Amsterdam anzuschauen, die dortige Qualität und Ausgestaltung der Übergänge zwischen Privat und Öffentlich, die Struktur und Anordnung der Baufelder. Christiaanse ist dann besonders stolz auf seine Entwürfe, wenn die Erdgeschosse gut funktionieren. Aktuell ist er vor allem mit dem TGV-Quartier in Montpellier beschäftigt. Und in der Schweiz? Sein Ferienhaus in Feldis ist bisher sein einziges Bauwerk als Architekt. Wie ist das möglich? Für Christiaanse sind Masterpläne sein Hauptberuf und die Architektur „ein Hobby“, wie er sagt. Dass sein Zürcher Büro mit Wettbewerbsbeiträgen in der Schweiz (z.B. für Würth in Rorschach) bisher erfolglos war, sieht der Architekt dennoch selbstkritisch. Zuwenig ökonomisch effizient, zuwenig programmtreu und gegenüber der Schweizer Konkurrenz in der Gestaltung zu romantisch-plastisch, seien die Entwürfe bisher wohl gewesen. Oder liegt es einfach daran, dass für den an „Amerika orientierten“ Städtebauer in der Schweiz zu wenig Hochhäuser gebaut werden?

Wir haben bis jetzt noch gar nicht über Hochhäuser gesprochen.

«Für mich sind Hochhäuser nichts Besonderes, sie sind normal. Was damit zu tun hat, dass ich im Office of Metropolitan Architecture (OMA) aufgewachsen bin und mich eher an Amerika orientiere. In der Schweiz wundert mich die Aufregung über Hochhäuser immer wieder. Der Prime Tower in Zürich ist mit seinen 126 Metern doch nur ungefähr ein Viertel so hoch wie der Uetliberg! Andererseits zeigt man sich gegenüber höheren Bauten dann doch offen, sonst gäbe es die neuen Hochhäuser in Zug und auf der Luzerner Allmend nicht.»

In Luzern sind sie architektonisch jedoch zu kurz geraten.

«Stimmt. Es ist oft so, dass die Höhe letztlich einen politischen Konsens darstellt. Bei der Europaallee waren am Anfang Höhen bis zu hundert 100 Metern geplant, der Kompromiss lag letztlich bei 40 bis 60 Metern. Die Herausforderung von Hochhäusern ist jedoch die Art und Weise, wie sie auf den Boden treffen. Mischnutzungen in den Sockeln sind wichtig – und Schlankheit. Zudem sind Hochhäuser städtebauliche Zeichen und dienen der Orientierung, so wie auf meinem Weg nach Feldis die beiden neuen Hochhäuser in Chur: Die finde ich ganz ok».

Biografie

Prof. Kees Christiaanse (60) studierte Architektur und Stadtplanung an der TU Delft. Bis 1989 arbeitete er für das OMA in Rotterdam, 1983 wurde er dort Partner. Fünf Jahre später gründete er das Büro Kees Christiaanse Architects & Planners mit Sitz in Rotterdam, Shanghai und Zürich. 1996 bis 2003 lehrte er an der TU Berlin, seit 2003 ist er Professor an der ETH Zürich. 2009 war Christiaanse Kurator der Internationalen Architektur Biennale Rotterdam. Seit 2011 vertritt er die ETH als Programmleiter des Future Cities Laboratory in Singapur. Neben seiner Arbeit als Architekt gilt sein Fokus urbanen Prozessen in komplexen städtebaulichen Situationen. Beispiele sind die Hafenrevitalisierung Pakhuizen Oostelijke Handelskade, das Raumplanungskonzept Flughafen Schiphol in Amsterdam, der Masterplan HafenCity in Hamburg, die Nachnutzung des Olympischen Dorfes 2012 in London und der Masterplan für die Europaallee in Zürich. www.kcap.eu.

Feldis, 9. März 2013

Entlebuch ist die Marke

Dorfentwicklung handelt von Menschen und gemeinsamen Interessen. Stadtfragen hat die Gemeinde Entlebuch zwischen 2009 und 2012 in der Dorfentwicklung begleitet. Das Spezifische an der Aufgabe: Entlebuch liegt in der UNESCO Biosphäre Entlebuch (UBE) und ist eine Marke. Sie als Ausgangslage für die Siedlungsentwicklung zu nutzen, ist eine Chance, wenn im Planen und Bauen die Themen Offenheit, Zusammenarbeit und Qualitätsbewusstsein hochgehalten werden. Der Anfang ist gemacht.

sta. In der offiziellen Sprache der UNESCO Biosphäre Entlebuch (UBE) ist ein Dorfkern ein so genanntes „Menschenvorranggebiet“. Damit ist eigentlich das Wesentliche schon gesagt: In der Dorfentwicklung geht es immer um Menschen, um deren Bedürfnisse und Interessen. Dass diese Bedürfnisse und Interessen auf dem Land ebenso vielfältig sind wie in der Stadt, d.h. ebenso unterschiedlich wie die Menschen selbst, macht die Sache aus Sicht der Planenden und der Politik komplex und arbeitsintensiv. Nicht nur für Gemeinden in der UBE gilt: Erfolg hat in der Dorfentwicklung nur, wer es schafft, Interessen zu formulieren, politisch und wirtschaftlich machbar umzusetzen, die für eine Mehrheit der Bevölkerung, für Gäste und künftige Bewohner/innen und Investoren Sinn machen, sprich einen monetären, persönlichen oder symbolischen Mehrwert bedeuten.

Empfangsort in der UBE

Als geografischer Empfangsort in der UBE hat die Gemeinde Entlebuch einen Status, den andere Gemeinden nicht haben und in den meisten Fällen auch nicht benötigen: Entlebuch ist eine Marke. Das Label UBE, seine Werte, Destinationen, geschützten Landschaften, Produkte und Menschenvorranggebiete tragen den Namen der Gemeinde in die Welt hinaus. Im Wettbewerb zwischen Städten, Gemeinden, Wohn-, Gewerbe- und Arbeitsstandorten beantworten Marken die Frage, wofür, für welche Werte und welchen Nutzen eine Gemeinde steht. Eine Marke ist demnach in erster Linie ein Kommunikations- und Führungsinstrument, das folgende Fragen möglichst wiederspruchsvoll und authentisch beantwortet: Wofür steht Entlebuch für mich als Bewohner/in, als Investor, als Gast, als künftige Steuerzahlende? Wirtschaftlich steht der Standort Entlebuch bislang für ein geringes Wachstum mit Grenzen und einem historisch schwierigen Erbe in der Haltung gegenüber Stadt. Geografisch hat das Dorf eine landschaftlich ausgezeichnete Lagequalität, verkehrstechnisch unterbindet die Hanglage jedoch den leichten Anschluss des Dorfkerns an die Schienenverbindungen nach Bern und Luzern. Bauliches Wachstum ist ökonomisch dort attraktiv, wo es der Landschaft am meisten Schaden zufügt; am Siedlungsrand. 2009 hat sich der damalige Gemeinderat entschieden, die anstehenden Aufgaben im Planen und Bauen im Dorfkern tatkräftig anzugehen und die Gemeinde als Empfangsort in der UBE zu positionieren.

Eigeninitiative, Kooperation und Qualität

Drei Jahre später geben der 2012 als NRP-Projekt des Bundes realisierte Neubau des Schützenhauses sowie die geplante Umgestaltung der Kantonsstrasse K 10 dem „Menschenvorranggebiet Entlebuch“ ein neues Gesicht: Beide Projekte zeigen, dass die Marke Entlebuch in planerischen und baulichen Aufgaben für politische Eigeninitiative, für die Kooperation mit der Bevölkerung, Investoren und Politischen Behörden und nicht zuletzt für den Einsatz im Dienst der Qualität steht. Das Schützenhauses ist nicht nur ein architektonisch zeitgemässer Neubau: Das Gebäude, für dessen Realisierung die Baulinie im Dorfkern einseitig um acht Meter verschoben wurde, steht vor allem als ein Ausgangspunkt für eine neue Planungs- und Baukultur im Dorf: Der Neubau entstand auf dem Hintergrund privater und öffentlicher Investitionen und folgt einer neuen ortsbaulichen Ordnung zwischen dem Hotel Drei Könige und dem Marktplatz. Lage, ortsbaulicher Ausdruck und architektonische Gestaltung des Neubaus wurden bis zum Schluss durch einen Beirat mit lokalen und auswärtigen unabhängigen Fachexperten begleitet. Das Projekt für die Sanierung der Kantonsstrasse K 10 hat die Gemeinde aus Notwendigkeit und Eigeninitiative selbst neu lanciert und erfahren, wie Verkehr und Siedlung auch entlang einer Hauptverkehrsachse und in hartnäckig verhandelter Kooperation mit Betroffenen und politischen Behörden aufeinander abgestimmt werden können.

Ein Anfang

Gemessen an den bevorstehenden Aufgaben im Dorfkern und am Siedlungsrand von Entlebuch ist der Neubau des Schützenhauses erst ein guter Anfang und ein Orientierungspunkt für die nächsten Schritte. Weitere Geschichten in der Dorfentwicklung Entlebuch müssen wiederum neu geschrieben, erfolgreich kommuniziert und letztlich umgesetzt werden. „Gemeindeentwicklung ist heute in den meisten Gemeinden ebenso wichtig, wie die Steuerpolitik“, so hat Ulrich König, Direktor des Schweizerischen Gemeindeverbands, die Bedeutung der Aufgabe Gemeindeentwicklung auf den Punkt gebracht. In Entlebuch geht es in naher Zukunft um die Neugestaltung des Marktplatzes, die Realisierung der Strassenraumgestaltung entlang der K 10, um ein Siedlungsleitbild auf der Grundlage der UBE-Werte und um die Klärung der lokalen und regionalen Bedeutung und Zukunft des Gewerbe-und Dienstleitungsstandorts am Bahnhof (Aentlebuch). Zwischennutzungen und der gezielte Einbezug der Bevölkerung werden ebenso wichtige Aufgaben bleiben, denn: Der Wettbewerb um Investitionen, Steuerzahlende, finanzielle Beiträge und um öffentliche Aufmerksamkeit wird  eher härter als einfacher werden. Der geforderte behutsame Umgang mit den Ressourcen Landschaft und Boden wird zudem politisch, am Markt, in den Einfamilienhäusern am Siedlungsrand und am Stammtisch zur Folge haben, dass die Rufe nach stimmigen, professionell und mit der lokalen Bevölkerung erarbeiteten Lösungen lauter werden.

Die Vorteile einer Marke, die gelebte Eigeninitiative, echte Kooperation und der tägliche Einsatz für Qualität bilden in Entlebuch eine gute Ausgangslage, mit der sich die Dorfgemeinschaft und der Standort in der weiteren Dorfentwicklung gut vernetzt, offen für qualitative Lösungen und wachsam an den Chancen der Zukunft orientieren kann.

Dieser Artikel ist in kürzerer Form 15. März 2013 in einer Sonderbeilage des Entlebucher Anzeigers erschienen.

 

Winy Maas über die unternehmerische Stadt

Was macht die Identität, das Wesen einer Stadt aus? Das Büro für Stadtfragen hat dazu Winny Maas befragt. Der Holländer ist Mitgründer der Rotterdamer Architekten MVRDV. Das Interview ist 2012 im Buch «Stadtidentität der Zukunft» erschienen (M.L. Hilber, G. Datko (Hrsg.): Stadtidentität der Zukunft. Wie uns Städte glücklich machen, Berlin, 2012).

Bilder: Büro für Stadtfragen, Barcelona 2009

Thomas Stadelmann (sta): Was wir bei Menschen allgemein unter «Identität» verstehen, handelt von der Wahrnehmung des eigenen Wesens. Verrätst du uns mit einem Bild, wie du hier und jetzt aussehen würdest, wenn du ein Haus wärst?

Winny Maas: Wie ein holländischer Wohnwagen: klein, kompakt, mobil und nur mit dem Notwendigsten ausgestattet.

Die räumliche Identität einer Region, einer Stadt oder eines Ortes handelt ebenfalls von Wesentlichem. In welcher Form existiert die «Identität einer Stadt», über die wir hier sprechen wollen?

Das Wesen der Stadt ist ein unglaubliches Wort. Wir Architekten suchen danach, weil es den Kern der urbanistischen Identitätsfrage trifft: Worin besteht die Eigenartigkeit, der Charakter, die Substanz eines Ortes, einer Aufgabe? Mögliche Antworten suchen und finden wir mithilfe von Untersuchungen und Experimenten. Für mich steht fest, dass das, was wir unter Stadt verstehen und antreffen, heute ein anderes Wesen hat als vor hundert Jahren. Städte denken und handeln unternehmerischer, wollen sich unterscheiden und engagieren deshalb Büros wie MVRDV, um ihr Wesen als «Stadt.inc» zu identifizieren, in die Zukunft zu denken und zu vermarkten. Bei der Herangehensweise fallen mir drei Ähnlichkeiten auf: Städte haben durch ihre Bedeutung, Wahrnehmung und Wirkung heute eine Zentrumsfunktion, die das eigene Hoheitsgebiet weit überragt, und sie verstehen sich meistens als Einstiegsportal für das Hinterland. Zudem gibt sich beinahe heute jede Stadt grün.

Trotz dieser Ähnlichkeiten: Um zu Wesentlichen einer Stadt vorzudringen, besteht die wichtigste Aufgabe darin, jene Verschiedenheiten zu untersuchen und zu gewichten, die eine Identität letztlich ausmachen.

Stadtidentität ist demnach eine gedankliche Abstraktion, ein Wunschbild von Stadt, dass politisch-planerisch, baulich und durch Kommunikation mobilisiert wird?

«Abstraktion», «Wunschbild»: beides sind passende Worte. Der eigentliche Motor in einem Identitätsprozess ist jedoch die Hypothese zur Wirkung einer inhaltlich-räumlichen Spezialisierung. Sie geht davon aus, dass ein Raum erst dann konkurrenzfähig ist, wenn er sein eigenes Wesen, kennt, eigene Standpunkte vertritt und dadurch Spezialitäten für das Wohnen und Arbeiten, für Industrie und Gewerbe oder für die Kultur anbieten kann. Die Abstraktion in der Analyse und im Entwurf von Stadt ist also nur das Mittel, um entsprechende Wunschbilder, Planungen, Projekte und Aktivitäten zu definieren. Wie wahr und richtig der Ansatz der Spezialisierung bzw. der Differenzierung in der Stadtentwicklung ist, gilt es in jedem Fall einzeln zu beobachten und in der Theorie kritisch zu untersuchen (Anm: Winy Maas verweist auf die Arbeit von Saskia Sassen).

Die Globalisierung hat dazu beigetragen, dass traditionelle Bild- und Raumkonzepte für die Arbeit an der Stadt in Frage gestellt werden. MVRDV ist gerade deshalb zu einem weltweit in der Architektur- und Stadtproduktion tätigen Büro geworden. Kannst du das erklären?

Die Frage lautet: Warum braucht man in China ein holländisches Büro wie MVRDV? Meine Antwort lautet: für zwei Dinge. Erstens, um vor Ort mithilfe einer Aussenperspektive darüber reden zu können, was an einer Stadt, an einer Aufgabe in Peking, Melbourne, Bordeaux oder Zürich speziell ist. Wie bereits gesagt, geht es dabei um die Positionierung im Konkurrenzkampf zwischen Standorten. Zweitens ist das Phänomen weit verbreitet, dass Städte und Standorte weltweit anerkannte Kunst- und Kulturgüter und damit auch Städtebau und Architektur sammeln. So wollen Stadtoberhäupter in ihrer Kollektion nicht nur einen Picasso haben, sondern zudem vielleicht noch ein Gebäude von Zaha Hadid. MVRDV ist nicht aufgrund der Ähnlichkeit und Erkennbarkeit einzelner Gebäude zu einem weltweiten Sammlungsobjekt geworden. Im Rahmen der urbanistischen Globalisierung haben wird uns durch die Kombination von Architektur- und Identitätsproduktion eine spezielle Rolle und spezielle Marktchancen erarbeitet. Dass wir weltweit angefragt werden, wenn es darum geht, die Zukunft einer Stadt zu definieren, hat auch damit zu tun, dass Städte offener geworden sind, weil sie gleichzeitig in verschiedenen Betrachtungsräumen denken und handeln müssen. Das gilt auch für die Schweiz: Zur Identität von Basel gehört ebenso die traditionelle Fasnacht, die Entwicklung als Metropolitanraum, der Auftritt der Stadtregion und als Standort der globalen pharmazeutischen Industrie. Gewiss hatten viele Städte diese unterschiedlichen Rollen schon früher. Mit der Globalisierung und dem zunehmenden Wettbewerb um Märkte und um Aufmerksamkeit hat sich jedoch das Bewusststein für die Bedeutung und die Struktur dieser Rollen deutlich verstärkt.

…und damit die Konkurrenz untereinander. Geht es bei der Stadtplanung und beim Entwurf von Architektur deshalb weniger um Funktionen und mehr um die Darstellung von Marktvorteilen und Reputation?

Nein, aber die Konkurrenz ist immer der Motor für räumliche Veränderungen. Ohne Konkurrenz gibt es die Furcht nicht, zu spät zu sein. Sie sorgt deshalb für einen gewissen Druck, für Neugier, eine gewisse Beschleunigung im Denken und Handeln und dafür, dass neue Ideen die notwendige Anziehungskraft erhalten. Erst dann können unternehmerisch denkende Städte und Standorte produktiv werden. Und für uns und unsere Auftraggeber werden städtebauliche und architektonische Themen und Aufgaben ebenfalls zu Unternehmen. Unter dem Primat der Konkurrenz ist Stadtplanung gewissermassen als Stadtproduktion zu verstehen.

Rem Koolhaas Ende hatte Ende der 1990er Jahre die Aufgabe, der sich die Architektur mit der Dominanz der Weltökonomie stellen muss, als «manufacturing identities» bezeichnet und den Zeitgeist mit dem Claim Y€$ auf den Punkt gebracht. Heute befindet sich das globale Finanzsystem in der Krise. Steckt das Konzept der Identitätsproduktion durch global tätige Architekten ebenfalls in der Krise?

Ich bin mir nicht sicher, ob die Weltökonomie in der Krise steckt. Für mich persönlich ist der Prozess der wirtschaftlichen Globalisierung nicht zu Ende. Zudem bedaure ich, dass aktuelle Analysen und Vergleiche etwa mit der Krise in den 1920er Jahre oft Angstmacherei sind und nicht den Versuch unternehmen, über die Zukunft nachzudenken. Aus meiner Sicht droht Europa nicht zu implodieren, die europäische Krise führt nicht zu einer De-Globalisierung, Ich denke eher, dass die gegenwärtigen Veränderungen der Globalisierung noch mehr Aufwind verleihen. Wenn ich selbst erlebe, wie Banken z.B. in Südamerika aktuell mehr Land kaufen als zuvor, dass Regierungen in Afrika mehr investieren als noch vor kurzer Zeit, schliesse ich daraus, dass an neuen Orten, neue Chancen und Wege gesucht werden, um Siedlungsgebieten eine zukunftsfähige Identität zu geben. Rem Koolhaas’s urbanistisches Programm «manufacturing identities» ist deshalb aus meiner Sicht immer noch gültig – und es ist der falsche Zeitpunkt, um eine Wende herbeizureden.

Vor zehn Jahren standen für MVRDV die Themen «Mobilität», «Verdichtung» und «Vernetzung» von realen und virtuellen Welten im Vordergrund; futuristische Projekte wie die Einmillionenstadt «MIXMAX»; räumliche Visualisierungen von Mediengalaxien, Datensätzen und Diagrammen zur Zukunft der Stadt. Was hat sich an deiner Arbeit seither verändert?

Augenfällig ist, dass sich durch die ökologische Bewegung das Ausmass der Datenerhebung erweitert hat und uns in unserer eigenen Arbeit zusätzliche Daten zur Verfügung stehen. Heute können wir messen, welches die grünste Stadt Europas ist. Die grössere Nachfrage nach Daten vor allem in Europa ist ein Indiz dafür, dass die Konkurrenz unter dichten, wirtschaftlich prosperierenden Gebieten grösser geworden ist. Damit ist auch die Nachfrage nach einem möglichst sicheren Gefühl bei der Positionierung und dem Entscheid für oder gegen Zukunftsprojekte gestiegen. Monitoring in raumrelevanten Fragen ist in den letzten zehn Jahren zum Normalfall geworden. Zudem haben wir die Art und Weise, wie wir aus Daten räumlich relevante Kriterien ableiten können, in den letzten Jahren deutlich verbessert. So misst und vergleicht heute der ökologische Fussabdruck das, was wir bereits vor zehn Jahren als Architekten visualisiert haben.

Im direkten Umfeld unserer Arbeit ist zudem die nächste Generation von Architektinnen und Architekten herangewachsen. Sie ist weniger an den grossen Perspektiven, Visionen und Projekten wie «Meta City Datatown» interessiert. Irritiert durch die Macht der Medien, den Kult um weltweit tätige Stararchitekten konzentriert sich ein beträchtlicher Teil dieser Generation reaktionär auf lokale Aufgaben und hat dazu eine klare Botschaft: „Lass uns auf dem Boden der Realität arbeiten“. Aus meiner Sicht ist es deshalb eine aktuelle Aufgabe im Städtebau und in der Architektur, gleichzeitig mit gegenläufigen Tendenzen argumentieren zu können.

Würden die Zukunftsszenarien zur Schweiz, die MVRDV 2003 an die Publikation «Stadtland Schweiz» (Avenir Suisse, 2003) beigetragen hat, deshalb heute anders ausfallen?

Das ist eine gute Frage, weil ich die Arbeit in meinen Präsentationen immer noch als gutes Beispiel für den urbanistischen Umgang mit Daten zeige. Interessant ist, zu sehen, welche Reaktionen unsere Provokationen von damals in der Diskussion zur Zukunft der Schweiz ausgelöst haben. Eine davon ist in der Arbeit ablesbar, die das Studio Basel um Jacques Herzog, Pierre de Meuron und Marcel Meili seither geleistet hat. Unsere Zukunftsszenarien haben bestimmt mitgeholfen, räumlich auf eine neue Art und Weise über die Schweiz zu debattieren. Aus heutiger Sicht könnte ich mir für die Schweiz zusätzliche zu den bereits 2003 formulierten Thesen denken und entsprechende Projekte präziser visualisieren.


«Kommunikation ist der einzige Weg, um Städtebau und Architektur zu betreiben» ist ein Satz von dir. Im Zusammenhang mit der Identitätsdiskussion im Städtebau und in der Architektur kennen wir weitere Schlüsselbegriffe. Was fällt dir zu «Branding» als Kommunikationsprozess ein?

Branding ist zunächst ein gefährliches Wort, das bei vielen Berufskolleginnen und -kollegen negative Gefühle auslöst. Ich verbinde damit zuerst Werbeleute in schwarzen Anzügen und schlimmen Hemden, die grosse Worte ohne Inhalt machen. Im Städtebau wird Branding deshalb dann gefährlich, wenn Architekten ihre Konzepte mit einem einzigen Schlagwort zu erklären versuchen. Branding erhält sogar demagogische Züge, wenn damit Inhalte verkürzt oder unterdrückt, polarisiert und letztlich popularisiert werden. Branding als Kommunikationsprozess kann dann Realitäten verhüllen und wesentlichen Inhalten im Städtebau und in der Architektur widersprechen. Branding ist als Technik aus meiner Sicht ein Gewinn, wenn sie eingesetzt wird, um gemeinsame Standpunkte zu klären, zu vermitteln und räumlich umzusetzen. Dies gilt vor allem für die Erneuerung von öffentlichen Räumen in einer Zeit, in der wir als mobile Menschen unsere eigene Realität immer stärker und gleichzeitig individuell und räumlich zersplittert erleben.

Branding ist als baukultureller, sozialer und ökonomischer Identitätsbildungsprozess sehr sinnvoll, wenn gemeinschaftliche Zwecke fachlich wie emotional zugänglich gemacht und realisiert werden können. Im Städtebau und in der Architektur kann ein professionelles Branding daran gemessen werden, ob und in welchem Ausmass Planungen und Projekte eine höhere Qualität erhalten, d.h. für einen Ort authentisch sind und bessere Chancen für die Umsetzung erhalten.

Weil die Werbung mit austauschbaren Bildern arbeitet, haben Architekten in Brandingprozessen eine wichtige Aufgabe. Nur der Städtebau und die Architektur können räumlich zeigen, wie eine Stadt aussieht oder aussehen könnte, wenn man einer Hypothese, einer Botschaft bzw. einem Branding folgt.

Authentizität ist ein weiteres Zauberwort in der Identitätsdiskussion. Wie authentisch, d.h. auf ein Unternehmensziel, auf gemeinschaftliche Ziele oder auf sich selbst bezogen kann Städtebau und Architektur überhaupt sein, ohne autistisch, d.h. kommunikativ in sich selbst eingeschlossen zu werden?

Ich verstehe gut, dass von Projekten, die den Menschen Orientierung und Sicherheit in einer prinzipiell chaotischen Welt geben sollen, gefordert wird, dass die städtebaulichen und architektonischen Inhalte stimmig auf einen Ort, einen Zeitpunkt bzw. auf die Interessen und Wünsche von Zielgruppen abgestimmt sind, sprich: authentisch sind. Gleichzeitig ist Authentizität ein schwieriger Anspruch, weil sich die Wahrnehmung von Echtheit und Glaubwürdigkeit schnell und kontinuierlich verändert. Authentizität kann ich deshalb weniger als Qualitätsmerkmal eines Produkts oder eines Projekts beschreiben, sondern eher als Fähigkeit und Funktion von Personen oder Gruppen, sich mit der nötigen Geschwindigkeit auf Veränderungen in der eigenen Umwelt einzulassen. Ein authentisches Projekt oder Produkt bietet in diesem Sinn eine Art Hilfestellung für Menschen an, Veränderung in einer Mischung von Widerstand und dem absoluten Gefühl, Teil des Neuen zu sein, erleben zu können.

«Freitag» ist für mich z.B. eine sehr authentische Marke. Sie hat ein eigentliche «Freitag-Generation» geprägt, an die wir bei unserer Planung auf dem Basler Dreispitz-Areal gedacht haben. In Seoul wurden wir beauftragt, das Erscheinungsbild unseres Hochhausprojekts an die künftige Generation anpassen, d.h. authentischer zu gestalten. Grund? Unser Kunde hatte Bedenken, dass der architektonische «Wolkenbügel» die Bedeutung des Ortes derart steigern könnte, dass die Preise für die Freitag-Generation zu hoch ausfallen würden und deshalb zu viele zwar vermögende, jedoch ältere Leute einziehen.

Autistisch, d.h. in der Kommunikation mit der Umwelt gestört, sind Eingriffe in die Stadt dann, wenn Konzepte und Bauten mehr und lauter über den Entwerfenden sprechen als über die Stadt, ihre Zukunft, ihr Programm und die vielfältigen Wünsche der Bewohnerinnen und Bewohner.

Das Hochhaus als «Wolkenbügel» ist ein starkes Bild. Bei MVRDV tragen andere Projekte Namen wie «pig city», «mountain book» oder «city sofa». Welche Rolle spielen sprachliche und räumliche Bilder in der Produktion von Stadtidentität?

Eine zentrale Rolle. Als Architekt interessiert mich die Herausforderung, mehr als das nutzungsneutrale, architektonisch und städtebaulich integrierte Gebäude zu machen. MVRDV entwirft und produziert städtebauliche Konzepte und Gebäude, die innovative Bilder für die Neuinterpretation einer Stadt anbieten. Unsere Architektur kann dadurch ikonisch für das Neue, vielleicht für das Zauberhafte oder sogar für ein Weltwunder stehen. Uns ist es recht, wenn Bilder dazu verwendet werden. Selbstverständlich kenne ich die Bedenken, dass mittels Architektur stilisierte Zukunftsbilder eine zeitlich und inhaltlich beschränkte Wirkung und Legitimation besitzen. Uns beschäftigt die Frage sehr, mit welcher Botschaft, mit welcher Architektur wir es schaffen, unmittelbar und nachhaltig Wirkung zu erreichen. In diesem Spannungsfeld verfügt die Architektur über ein fantastisches und zeitgemässes Thema. Unser Ziel sind Bauten und Projekte, die beispielhaft einen Beitrag an die kritische Diskussion um Urbanität und Architektur ermöglichen. Dazu wünsche ich mir als Gegenüber wieder die entsprechenden Architekturkritiker in der NZZ oder in der New York Times. Ich meine, dass der Spagat zwischen dem inhaltlich zugespitzten Temporären und dem langfristig Gesicherten und Nutzungsneutralen einer Stadt oder einer Architektur ein grundlegendes Thema unserer Zeit darstellt, das mehr Öffentlichkeit verdient.

Stadtidentitäten gibt es so viele wie Stadtwahrnehmungen und Menschen. Entsprechende Konzepte sind jedoch oft für eine gewisse Zielgruppe und temporär gültig. Welchen Stellenwert hat die temporäre Stadt für die Diskussion über Identität?

Die temporäre Stadt ist heute eigentlich kein Thema. Es wird viel und intensiv über zeitgenössische Architektur, über den urbanistischen Zeitgeist und darüber, wie die Zukunft der Stadt aussehen soll, geredet. Während Bauten vielerorts für die Ewigkeit gebaut werden, können wir im Städtebau ebenso wie in der Wirtschaft nicht über die nächsten 100 Jahre reden, sondern im besten Fall über die nächsten 20 bis 30 Jahre. Das Spielfeld in unserer Arbeit ist deshalb durch die Kombination von Zeitgeist und naher Zukunft definiert. Städtebau und Architektur schlagen die Brücke zwischen heute und morgen. Aktuell ist die entsprechende Nachfrage nach der Restrukturierung bestehender Siedlungsgebiete in Europa enorm. Vielleicht erleben wir in den kommenden Jahren deshalb den letzten Versuch, das erfolgreiche europäische Modell der Kleinstadt mit 500’000 bis zu einer Million Menschen weltweit zu verwirklichen.


Kommen wir zu einzelnen Beispielen aus der Praxis. Welche würdest du in einer Vorlesung zum Thema «Identität im Städtebau und in der Architektur» erwähnen?

Ich würde niemals eine Vorlesung zu diesem Thema halten. Aber ich kann Beispiele aus unserer Praxis nennen, die von Stadtidentität handeln. Momentan bereiten wir im Auftrag der EU einen städtebaulichen Projekt- und Kriterienkatalog vor, der darüber Auskunft geben soll, wie sich das künftige Europa im Vergleich zu China, Asien oder Amerika profilieren kann. Themen wie Kleinmassstäblichkeit, Durchmischung, Vielfalt, Verdichtung und Identität werden darin eine Rolle spielen. Vielleicht werden wir vorschlagen, Strassen wieder sechs, statt 40 Meter breit zu bauen. Zudem werden wir das Konzept der «Spiegelstadt» thematisieren; Kriterien und städtebauliche Ansätze für spezielle Orte in Europa, die im Gegensatz zum erwähnten Modell der Kleinstadt stehen: uneuropäisch fremd in der Gestalt, grossmassstäblich und besonders liberal in der Gesetzgebung. Es gehört zur Methode unserer Arbeit, Stadtidentität in Gegensätzen zu denken und zu realisieren – auch wenn es um die räumliche Zukunft von Europa geht.

Ein holländisches Beispiel, das du gut kennst, ist die Retortenstadt Almere ausserhalb von Amsterdam. Sie hat sich vor Jahren mit grossem Aufwand als Pionierstadt positioniert.

Almere ist in den 1960er und 1970er Jahren für die ärmere Bevölkerung Amsterdams gebaut worden. Die Freitag-Generation, die nach Berlin zieht, trifft man dort nicht an: Die Stadt ist langweilig, sozialräumlich problematisch, die Preise sind tief. Das Wesen von Almere ist das Pioniergefühl. Das über Jahre aufgebaute Label «Pionierstadt» ist zugleich die einzige Zukunftschance geblieben. Hinsichtlich der vorhandenen städtebaulichen Vielfalt und der Standortqualität ist Almere für mich nicht interessant. Trotzdem veranschaulicht die Stadt gut, was Stadtidentität bedeuten kann. Zudem ist der Ort ein gutes Beispiel für die Zusammenarbeit von Soziologen, Politikern und Investoren, wenn es die dort noch gibt. Wie lange Almere das über Jahre aufgebaute Image der Pionierstadt noch weitertragen kann, ist eine interessante Frage. Wir haben dort Projekte vorgeschlagen, die das Pioniergefühl und die Freiheit der Einwohner/innen weiterentwickeln. Im Sinn eines organischen Städtebaus sollen die Menschen in Almere künftig nicht nur ihre Wohnungen selbst einrichten und gestalten können, sondern auch ihre Strassen und Wege in der Stadt, ihre Wasserlandschaft und vielleicht sogar ihre eigene Energieversorgung.

Welche Städte beschäftigen dich gegenwärtig am meisten?

Die Stadt Bordeaux. Hintergrund ist das politische Ziel der Stadt, sich gegenüber der Hauptstadt, nur zwei Bahnstunden von Paris entfernt, als Wohnstadt neu zu positionieren. Das Ziel unserer Arbeit ist ein Prototyp für eine zeitgemässe, konkurrenzfähige, südeuropäische Wohnstadt für den Mittelstand. In Oslo zeigen wir auf, welche städtebaulichen Antworten aktuelle Formen der sozioökonomischen Reurbanisierung erfordern. Oslo wird in den nächsten zwanzig Jahren zur reichsten Stadt Europas. Ein gutes Beispiel für eine Stadt, welche die Freitag-Generation durch gezielte Erneuerungen erreicht hat, ist Kopenhagen.

In der Schweiz finde ich Basel interessant, eine Stadt mit grosser Ausstrahlung, die ähnlich wie Rotterdam und Amsterdam, die Polarität zu Zürich braucht, um sich mit eigenen Standpunkten zu profilieren. Basel zeigt, dass sie als Stadt urbanistisch offener und experimenteller sein will als die Konkurrenz in Zürich. Ich weiss nicht so recht, was ich über Lausanne und Genf denken soll. Wichtig ist zu verstehen, dass wir als mobile und neugierige Einwohnerinnen und Einwohner von Europa – ich als Rotterdamer – heute für unsere Bedürfnisse grössere Gebiete als nur eine einzige Stadt brauche, um das Gefühl zu haben, ein Teil der Welt zu sein. Seinen eigenen Grossraum zu spüren, heisst, für ein Freizeiterlebnis nicht nach Nevada abreisen zu müssen. Ich bin überzeugt, dass eine Mehrzahl der Leute in Europa solche Gefühle und Bedürfnisse hat. Wir leisten unseren Beitrag, in dem wir diese einmalige Situation an einzelnen Orten in Europa räumlich definieren. Aus dieser Perspektive erhalten auch lokale Entwicklungen und Projekte in kleinen Städten, in der Bourgonne, im Engadin oder in der UNESCO Biosphäre Entlebuch eine andere Bedeutung und neue Chancen, wenn es darum geht, ihre eigene Identität in die Zukunft zu denken.


Kommen wir zurück zu Winy Maas. Bist du nun mehr Stadtentwickler oder mehr Architekt?

Das habe ich mir heute im Flugzeug überlegt. Ich liebe das Bauen, besonders Projekte wie das «unglückliche Haus», das wir für den in London lebenden Philosophen Alain de Botton gebaut haben. Das Haus schwebt und stellt die Frage, was wichtiger ist, das Wohnen, oder ein Haus, dass den kleinsten ökologischen Abdruck aufweist und den Hasen und Frösche nicht im Weg steht. Mir gefällt auch die landschaftliche Idee, die darin eingeschlossen ist. Städtebau und Architektur: Das eine geht nicht ohne das andere. Besonders wichtig ist mir, dass über Städtebau nicht nur geredet, sondern dass er gezeigt wird. Wir bei MVRDV bauen, worüber wir reden.

Gilt das auch für den holländischen Wohnwagen, als den du gerade in der Schweiz unterwegs bist?

Natürlich nicht. Ich habe in der Schweiz bereits ein eigenes Haus. Der Wohnwagen, den ich als Bild für meine aktuelle Identität eingangs genannt habe, sieht sowieso eher wie ein Sessel in der Businessklasse eines Flugzeugs aus. Und gerade jetzt ist der Tisch, an dem wir sitzen, so etwas wie ein Zuhause. Für mich liegt das Einmalige unseres Zeitalters darin, das wir überall und jederzeit die Freiheit haben, uns ein eigenes Zuhause einzurichten.

Heisst das, dass MVRDV in absehbarer Zeit in der Schweiz bauen wird?

Nein, obwohl wir in Basel und Zürich Wettbewerbe gewonnen haben und ich zeitweise in der Schweiz wohne. In Basel arbeiten wir an einer länderübergreifenden Planung weiter. Enttäuscht bin ich, dass es in Zürich Leutschenbach mit dem Projekt für die SRG nicht weitergegangen ist. Ich vermute, ein Grund, wieso wir in der Schweiz bisher nicht gebaut haben, ist der, dass die Schweiz sich gleichzeitig politisch offen zeigt, jedoch im Städtebau und in der Architektur aus europäischer Sicht letztlich doch zuerst introvertiert denkt und handelt.

Stadtidentitaet der Zukunft, Beispielseiten

Meisterlich

Sonntag, 29. April 2012: Stadion St. Jakob-Park – alias JoggeliSektor C3, Reihe 14, Platz Nr. 320, Basel-Lausanne Sports 3:1, 15. Meistertitel, der Dritte in Folge: Wer dem FC Basel 90 Minuten beim Fussball zuschaut, erlebt das Zusammenspiel von Städtebau, Architektur und Sport.

Bilder: Stadtfragen

sta. Fussballfans wissen es: Das „B“ im Kürzel „FCB“ kann für „B“ wie „Basel“, „Barcelona“ oder „Bayern München“ stehen. Zudem: Die Klubfarben Rot und Blau gehören zu Barcelona und zum FC Basel. Fussball- und Architekturfans wissen sogar noch mehr: Ausschliesslich für die Stadt Basel und den hiesigen FCB steht „Rot-Blau“ in Verbindung mit der Architektur von Herzog & de Meuron. Seit 2008 bilden in der Stadt am Rhein der St. Jakob-Park (1999-2001) mit Shopping-Center, Seniorenresidenz und dem Fussballstadion – das Joggeli – und der 71 Meter hohe St. Jakob-Turm ein urbanistisches Ensemble. Wer dem FCB – wie etwa am letzten Sonntag beim Gewinn der Meisterschaft – zusieht, erlebt bewusst oder unbewusst die symbiotische Wirkungskraft von Städtebau, Architektur und Sport: Stadt findet als Phänomen gleichzeitig im Event, im städtebaulichen Ort, beim Shopping und in der Architektur der einzelnen Bauten einen stimmigen und für Basel spezifischen Ausdruck. „B“ steht in Basel daher auch beispielhaft für einen Best Urban Space.

Ausserhalb des Stadions stilisiert der St. Jakob-Turm ein kristallines Stadttor an der Basler Stadt- bzw. Kantonsgrenze zu Basel-Landschaft. Mit seiner unaufgeregten, subtil ikonisch anmutenden Präsenz, dem Angebot an Wohn-, Büro- und Dienstleistungsflächen und der städtebaulichen Anbindung an den Stadionbau hat das Hochhaus mindestens drei Gesichter: Eines für seine Bewohner/innen, eines für die nahe und fernere Stadtsilhouette und eines für die Besuchenden der FCB-Fussballspiele. In der Turmspitze befinden sich zwei Maisonette-Wohnungen. Nicht nur das Stadioninnere ist von dort aus gut sichtbar, sondern bald auch HdM’s Himmelsleiter „Bau1“ für Roche.

Sportlich gesehen, bedeutete der 3:1 Sieg vom letzten Sonntag gegen Lausanne Sports den 15. Meistertitel und gleichzeitig der Dritte in Folge. Welchen Anteil daran der Städtebau und die Architektur der Basler Architekten und Fussballfans Jacques Herzog und Pierre de Meuron haben, darüber liesse sich bestimmt sehr lustvoll debattieren. Unbestritten ist, dass sowohl Fussballclub und Architekturbüro sportlich wie unternehmerisch erfolgreich in der Champions League spielen können.

In Luzern vom Mittelmeer träumen

Die Überbauung Citybay in Luzern überrascht mit einem grünen Innenhof. Die Citybay ist ein Gemeinschaftswerk der Lussi+Halter Architekten und Koepflipartner, Landschaftsarchitekten aus Luzern. Der folgende Artikel ist in der Sonntagszeitung vom 27. November 2011 erschienen.

Fotos: Fotosolar Luzern / Ralph Bensberg

(sta) Unter dem KKL-Dach am Europaplatz in Luzern hat Jean Nouvel drei Häuser zu einem städtebaulichen Ensemble zusammengefügt. Ein ähnlicher Entwurfsansatz ist vor Kurzem einige hundert Meter vom KKL entfernt realisiert worden, hier allerdings ohne verbindendes Dach: Die drei Bauten der Überbauung «Citybay» beim Güterareal, in direkter Nachbarschaft zum Hotel Radisson und zur Schiffswerft, bilden ein offeneres Ensemble als das KKL. «Living», «Residence» und «Business» heissen die Gebäude selbsterklärend. «Citybay» – das bedeutet also mehr oder weniger luxuriöses Wohnen, zentrumsnahes Arbeiten und grosszügige Gewerberäume in der zweiten Reihe am Ufer des Vierwaldstättersees.

Die Architektur, die aussen hauptsächlich mit Betonelementen und der Farbpalette Beige, Ocker und Graubraun spielt, ringt dem städtebaulich anspruchsvollen Ort eine wenig spezifische neue Identität ab. Dazu flirten die Bauten der Lussi+Halter Architekten zu direkt mit Referenzen, wie sie von Orten wie dem Sulzer Areal in Winterthur oder von verdichteten Vorstädten der Schweiz mittlerweile gut bekannt sind. Es sind deshalb vor allem die Fussdistanz zum KKL, zum See, zum Bahnhof und zur Altstadt, es sind die Luzerner Preise und die Aussicht auf Aussicht, die das mittlere Gebäude der «Citybay», die «Residence», für die Besitzer der 92 Wohnungen zu einer einmaligen Adresse machen. «Alle Wohnungen sind verkauft. Wir danken für Ihr Vertrauen», heisst es auf der Internetseite stolz. Im Innenhof der «Residence» danken die Koepflipartner Landschaftsarchiteken den neuen Bewohnerinnen und Bewohnern für ihr Vertrauen mit einem an diesem Ort überraschenden Garten.

Hortus conclusus

Die «Residence» ist ein geschlossener Blockrand mit exklusiven Stadtwohnungen und zweigeschossigen Ateliers im Erdgeschoss. Die unmittelbare Umgebung entlang der Werftstrasse wirkt eher anonym, noch unbestimmt und ist von Hartbelägen, noch jungen Bauminseln, gepflästerten Bereichen und Bahnschienen bestimmt. Umso mehr werden Stadtspaziergänger vom Eindruck überrascht, wenn sie den 35 mal 22 Meter grossen Innenhof betreten: Das Erdgeschoss mit den Ateliernutzungen lässt den Blick vom Hof in die Umgebung schweifen, die Stimmung im grünen Innenhof ist trotzdem aufgeräumt und ruhig. Stefan Koepfli erklärt, dass sie hier einen «Hortus conclusus» realisiert haben. «Der umschlossene Innenhof der ‹Residence› verweist typologisch und bildlich auf die Anfänge der Disziplin Landschaftsarchitektur: Der Hortus conclusus ist ein sicherer Ort, ein Garten als Gegenwelt zum urbanen Umfeld, der das Bedürfnis nach Ruhe und nach Aufmerksamkeit für die eigenen Gedanken befriedigt.» Für die Umsetzung der Idee haben Koepflipartner Steineichen, immergrüne Magnolienbäume und Palmen im Innenhof zu Gruppen komponiert – es sind alles Pflanzen, die in südlichen Ländern vorkommen und ganzjährig grün bleiben. Zusammen mit den Holzlamellen an der Innenhoffassade der «Residence» wirkt das Resultat zugleich abstrakt und ortsfremd, ist aber trotzdem überzeugend selbstverständlich, und es werden gar Erinnerungen an Wohnhöfe in grösseren Städten am Mittelmeer wach.

Luzerner Regen und Blütenpracht

Wenn die Pflanzen in den nächsten Jahren wachsen und die Magnolienbäume einmal im Jahr für kurze Zeit in voller Blüte stehen, dann werden die geschützten Lauben der «Residence» zum wohl prominentesten Ort, an dem man mitten in Luzern vom Mittelmeer träumen kann. Dank der inneren Qualitäten des Gebäudes haben die Bewohnerinnen und Bewohner in der «Residence» gleich mehrere Gelegenheiten, mit Aussicht zu wohnen und ihren Innenhof zu geniessen: Der Garten ist für die Bewohner zugänglich, auf verschiedenen Wegen begehbar und mit Sitzgelegenheiten ausgestattet. In den Wohnungen selbst sind die Wohnzimmer zwischen der Aussenfassade und dem Innenhof durchgehend offen.

Erst die milden klimatischen Bedingungen im geschützten Innenhof und der Mut der Landschaftsarchitekten, technische Herausforderungen anzunehmen, haben es möglich gemacht, mitten in Luzern diesen Garten zu realisieren. Weil der Innenhof direkt über der Tiefgarage liegt, haben die Pflanzen keinen Kontakt zum natürlich gewachsenen Boden. Sie wachsen auf einer 70 cm tiefen, künstlichen Lebensgrundlage, die ihnen der spezielle Bodenaufbau anbietet. Der Wasserbedarf wird in erster Linie durch den anfallenden Regen gedeckt. Darüber hinaus ist der Pflegeaufwand für die verwendeten Pflanzenarten nicht allzu gross. Sie sind robust und insbesondere beim Wurzelsystem anpassungsfähig. Die Unterbepflanzung besteht aus schattenverträglichen Farnen und ebenfalls immergrünen Bodendeckern.

«Citybay»: Luzerner Gemeinschaftswerk

Die Überbauung «Citybay» in Luzern mit einer Arealfläche von 10’000 m2 ist das Resultat aus einem Studienauftrag, den die Arbeitsgemeinschaft Lussi+Halter Architekten und Koepflipartner, Landschaftsarchitekten aus Luzern 2006 für sich entschieden haben. Stefan Koepfli gründete sein Büro 1995 und entwickelt die Projekte seit 2001 in Zusammenarbeit mit Blanche Keeris und Jeannette Rinderknecht. Ihr Hauptinteresse gilt Themen und Aufgaben, die sich speziell in der Beziehung zwischen der Landschaft und dem Gebauten stellen. Der Eulachpark in Winterthur, die Freiräume um den Schweizerhof in Luzern, der Beitrag an die Architektur der Fensterfabrik Baumgartner in Hagendorn sowie die Aufwertung der Bahnhofstrasse in Yverdon gehören zu ihren bisher wichtigsten Arbeiten.

Neue Stadtmitte für Luzern

Zum Rendering „Stadt-Schmiede am Pilatusplatz“ in der NLZ, Dossier „Hochhaus“, 18. November 2011, S. 41.

(sta) Was liegt am Pilatusplatz in Luzern urbanistisch in der Luft? Die Geschichte des Ortes, die Ankunftsqualität, die Präsenz des Verkehrs und die baulichen Verdichtungsmöglichkeiten lassen erahnen, dass der Ort die Bedeutung einer neuen Stadtmitte in sich trägt. Das Rendering „Stadt-Schmiede am Pilatusplatz“ ist 2010, im Rahmen der Abstimmung zur alten Schmitte, entstanden. Es handelt sich nicht um ein Projekt, sondern um ein kritisches Sinnbild für die bisher unerkannten und ungenutzten Chancen am Pilatusplatz als neue Stadtmitte von Luzern. Beim abgebildeten Hochhaus handelt es sich um das Projekt skyvillage der holländischen Architekten MVRDV.

Bild: stadtfragen.ch / Thomas Stadelmann / Georg Vranek

 

Architekturdesign für Japan

LUCERNE FESTIVAL mit Michael Häfliger und die japanische Konzertagentur Kajimoto Music haben heute im KKL Luzern den Entwurf des Projekts ARK NOVA präsentiert, eine transportable Konzerthalle für hochstehende künstlerische Darbietungen. ARK NOVA soll der vom Erdbeben schwer getroffenen Region Higashi-Nihon im Norden Japans ab Frühling 2012 mit Musik und Architektur Hoffnung und Zuversicht bringen. Der japanische Architekt Arata Isozaki und der britisch-indische Künstler Anish Kapoor haben ARK NOVA gemeinsam entworfen. Noch nicht bekannte Sponsoren sollen das mit viel kulturpolitischem Prestige angereicherte Projekt für vier bis fünf Millionen Euro finanzieren.

(sta) „ARK NOVA – A Tribute to Higashi Nihon“ ist von der Idee beseelt, dass im vom März-Erdbeben dieses Jahres geschwächten Norden Japans nicht nur Häuser und die Infrastruktur, sondern auch die Hoffnung und Zuversicht der Menschen wieder aufgebaut werden müssen. Mit dem Ziel, „the power of art, architecture and music“ zu den Menschen zu bringen, wird derzeit unter der Führung des japanischen Architekten Arata Isozaki eine mobile Konzerthalle projektiert, die in verschiedene Region transportiert werden kann. Im Frühling 2012 sollen darin die ersten Events stattfinden.

Der heute präsentierte Entwurf zeigt eine Halle (72 m x 42 m im Grundriss), die  500 bis 700 Sitzplätze anbietet und 23 m hoch wird. Die aufblasbare Hülle (pneumatische Struktur) besteht aus einem elastischen Material, das einen schnellen Auf- und Abbau und den Transport mit einem Konvoi aus Lastwagen erlaubt. Für das Design der Konzerthalle arbeitet Isozaki mit dem indischen Künstler Yanish Kapoor zusammen. Sein aufblasbare Skulptur „Leviathan“, ein biomorph geformtes „Monster“ (Kapoor),  dient dem Projekt als Vorbild. Yasuhisa Toyota von Nagata Acoustics sorgt für die richtige Akustik. Und der Londoner Theaterexperte David Staples, bereits Mitstreiter von Michael Häfliger beim Projekt Salle Modulable, ist ebenfalls als Berater beigezogen worden.

Bühne und Begegnungsort mit Prestige

Die heutige Präsentation im KKL mit einer Live-Schaltung nach Tokyo zum Kulturminister und einem Kurzkonzert unter der Leitung von Claudio Abbado hat gezeigt, dass ARK NOVA (eine Umdeutung der Arche Noah) aufgrund der beteiligten „Dream-Teams“ (Masahide Kajimoto) und im Sinn der Promotoren eine wichtige und breit abgestützte, humanitäre Geste darstellt. Gleichzeitig ist das Projekt unübersehbar mit viel kulturpolitischem Prestige angereichert worden, das in der Umsetzung auf eine entsprechend global ausgerichtete Aufmerksamkeitsökonomie angewiesen ist. Die Sponsoren und Donatoren, die ARK NOVA möglich machen, konnten Michael Häfliger und Masahide Kajimoto heute trotzdem noch nicht präsentieren. Die rote Halle soll gleichzeitig als Bühne für verschiedenste Aufführungen und als Ort der Inspiration eingesetzt werden können. Klassische Musik, Jazz und Tanz sollen ebenso möglich sein wie Multimedia- und Kunstprojekte. Für die Programmierung der Konzerthalle sorgen LUCERNE FESTIVAL und der japanischen Konzert- und Künstleragentur Kajimoto nahe stehende Persönlichkeiten. Das Sponsoring soll ermöglichen, dass der Besuch der Veranstaltungen ohne Eintrittsgeld möglich ist.

Arata Isozaki

Arata Isozaki, geboren 1931, gehört zu den weltbekanntesten Architekten. Bevor er 1963 sein Büro gründete, arbeitete er u.a. bei Kenzo Tange. Bekannt geworden ist Isozaki in den 1960er Jahren mit seinen Projekten in Japan (Metabolisten) und in den 1990er Jahren mit Bauten u.a. in Barcelona, Orlando, Kraków, Kyoto, La Coruña and Berlin (Potsdamer Platz). Heute ist Isozaki weltweit tätig. Für die Präsentation in Luzern musste er sich ganz kurzfristig entschuldigen.

Kapoor: Monumentale Skulpuren

Der indische Künstler Anish Kapoor trägt den Turner Preis und ist bereits bekannt für monumentale Objekte, die er in Stadträume stellt. Mit seinem Stahlturm ArcelorMittal Orbit leistet er einen wesentlichen Beitrag für das ikonische Spektakel an den Olympischen Spielen 2012 in London. Geboren 1954 in Mumbai, Indien, kam Kapoor 1972 nach London und studierte zunächst Kunst und später Kunst und Design. Internationale Aufmerksamkeit erhielt Kapoor bereits in den 1970er Jahren mit Skulpturen aus Farbpigmenten. Über monochrome Rauminstallationen gelangte er zu Monumentalskulpturen aus ungewöhnlichen Werkstoffen: Marsyas in der Turbinenhalle der Tate Modern (2002), die Werkausstellung im Kunsthaus Bregenz 2003 mit einer 20 Tonnen schweren rote Skulptur aus Vaseline und Wachs (My red Homeland) und Cloud Gate, eine 110 Tonnen schwere, rostfreie Stahlkonstruktion im Millennium-Park in Chicago von 2004 sind Beispiele dafür.

Arbor Felix: eine Stadt im Umbau

Eine Stadt im Umbau: Was vielerorts politische Vision oder Wunschtraum der Planung bleibt, ist in der Kleinstadt Arbon am Bodensee mit dem Spatenstich «Neue Linienführung Kantonsstrasse» definitiv Realität geworden. Das 60-Millionen-Strassenprojekt ist das urbanistische Kernstück einer in ihrer Substanz und politisch-planerischen Konsequenz für die Schweiz aussergewöhnlichen Stadtentwicklungspolitik.

(sta) Wie bei einem Spatenstich üblich, hatte die Szene vom 30. Juni 2011 an der Ecke St. Gallerstrasse/Stickereistrasse in Arbon vor allem Symbolcharakter: Regierungsrat Jakob Stark und Stadtammann Martin Klöti holten gemeinsam mit Chefbeamten und Projektleitenden zum ersten Schlag aus, mit dem der Abbruch der Liegenschaft Locher und damit der Bau der neuen innerstädtischen Verbindung «Neue Linienführung Kantonsstrasse» ihren Anfang nahmen. Die «NLK», wie das Strassenprojekt genannt wird, soll im Spätherbst 2013 dem Verkehr übergeben werden.

Urbanes Rückgrat für Arbor Felix

Konzipiert als neues urbanes Rückgrat für den Stadtkörper von Arbon (römisch Arbor Felix = glücklicher Baum) ist die NLK mehr als eine umgelegte Linienführung der Kantonsstrasse: Sie ist die planerisch-politische und städtebauliche Grundlage, um die Regeneration der historischen Altstadt – das gefühlte Herz der Stadt Arbon – in Angriff zu nehmen und gleichzeitig die Entwicklung einer neuen Stadtmitte (Modellbild) zwischen dem Königareal und Bahnhof zu ermöglichen. Auf dem Königareal steht bereits der Rohbau eines wichtigen Grundsteins dieser Stadtmitte: die Überbauung Rosengarten von Max Dudler mit Detailhandel im Erdgeschoss und darüber liegenden Dienstleistungen sowie über 70 Wohnungen in zeitgemäss-städtischem Ambiente und mit Aussicht auf den See und in die Berge. Mit der Realisierung des östlichen Teilstücks erhöht die NLK zudem die Planungssicherheit und damit die Standortqualität auf dem innerstädtischen Entwicklungsareal SaurerWerkZwei, eine Industriebrache von 200’000 m2 Grösse, die für die langfristige wirtschaftliche Zukunft der Stadt Arbon von Bedeutung ist.

Breit abgestützte Chefsache

Die NLK ist das Schlüsselprojekt einer seit 2006 unter der Führung von Stadtammann Martin Klöti politisch-planerisch konsequent verfolgten, von den lokalen und kantonalen Behörden ebenso wie von der Bevölkerung an der Urne mitgetragenen Arboner Stadtentwicklung, die gleichzeitig kurz- und langfristige Ziele verfolgt: Arbon hat auf diese Weise bereits einen neuen Hafen (2009) und ein Saurer-Museum (2010) erhalten, seine Quaianlage aufgewertet, einzelne historische Gebäude wie das in seiner Architektur klassisch-moderne Strandbad Arbon aus den 1930er Jahren erneuert sowie den Bau zahlreicher Wohnungen an bester Lage erlebt. Die Schlüsselprojekte der Stadtentwicklung waren dabei jeweils auch an der lokalen Weihnachtsausstellung ARWA präsent, was einen einfachen Grund hat: Unter Stadtammann Martin Klöti ist die Kommunikation wichtiger Baustein für den politisch-planerischen Erfolg – und damit auch für die Bestimmung und die Umsetzung der jeweils richtigen Lösung.

83%-Ja-Stimmen zu einer Strasse

Der Hinweis auf die Bedeutung der Kommunikation beim Planen und Bauen in Arbon erklärt indes nur in Teilen, wieso die Arboner 2010 dem durch den Bund (Agglomerationsprogramm), den Kanton Thurgau und die Stadt Arbon gemeinsam finanzierten Strassenprojekt NLK an der Urne mit über 80%-Ja-Stimmen zugestimmt haben. Mindestens ebenso überzeugend auf die fachlichen Fragestellungen und die lokalen Verhältnisse abgestimmt sind im Projekt NLK die ortsbaulich-architektonische Gestaltung (Staufer & Hasler Architekten) und das verkehrstechnische Gesamtkonzept: Die NLK schafft als zentrale Verkehrsachse neue Verbindungen für Fussgänger und Velofahrende, sie befreit die Altstadt vom Durchgangsverkehr einer Kantonsstrasse, beruhigt die innerstädtische Verkehrssituation in den Wohnquartieren (Bahnhof- und der Landquartstrasse) und schliesst die verkehrstechnische Zugangslücke zur Industriebrache Saurer WerkZwei.

Mit dem Spatenstich am 30. Mai 2011 ist der Stadtumbau in Arbon einen weiteren Schritt realer geworden. Die Realisierung der NLK wird dafür sorgen, dass dieser die Arboner Stadtgeschichte nachhaltig prägende Zustand über mehrere Jahre wirksam und erlebbar bleiben wird.

Der aktuelle Stand der Arboner Stadtentwicklung ist online dokumentiert.

Kontinuität vor dem Ruhestand

1986 installierte die Deutsche Bank AG vor dem Haupteingang ihrer Zwillingstürme in Frankfurt die Kontinuität, eine für diesen Ort realisierte Plastik von Max Bill. Im Zuge der Sanierung der Türme wurde der Monolith im Februar 2008 temporär umplatziert. Die Skulptur passe nicht mehr auf den Vorplatz, sie soll vor weiteren Erschütterungen durch die unterirdische S-Bahn geschützt werden und künftig die Parkanlage neben der Bank aufwerten, so die Bank. Im Juli erhält die Kontinuität ihren neuen Standort. Die Geschichte klingt nach einem Ruhestandort für ein Kunstwerk.

Bilder: Büro für Stadtfragen (Frankfurt, 5. April 2011)

(sta) Das Hochhaus der Deutschen Bank AG (DB) in Frankfurt entstand zwischen 1979 und 1984 nach den Entwürfen von Walter Hanig, Heinz Scheid und Johannes Schmidt. Im Anschluss an den Wettbewerb für die umfassende Sanierung 2007 wurde die Kontinuität von Max Bill, die 1986 vor dem Haupteingang der Bank installiert wurde, im Februar 2008 entfernt. Seither wird sie 100 Meter südwestlich, im Vorgarten der Villa Sander an der Mainzer Strasse, zwischengelagert, aus mehreren Gründen, wie Pressesprecher Klaus Thoma erklärt: „Die Logistik für den Umbau erforderte vor dem Haupteingang genügend Platz für den Baustellenbetrieb.

Zudem wurden an der Kontinuität kleine Risse festgestellt, die aufgrund der zunehmenden Erschütterungen durch die unterirdischen S-Bahn-Fahrten entstanden sind.“ Die interne Diskussion habe auch aufgezeigt, dass die Skulptur von Max Bill, so Thoma, in ihrer Dimension aus heutiger Sicht nicht mehr an den Standort vor dem Haupteingang passe. Welche Argumente in welcher Reihenfolge, wann und unter welchen Vorzeichen nun tatsächlich zum Entscheid für einen Standortwechsel geführt haben, bleibt dennoch nicht ganz nachvollziehbar.

Zeichen stehen auf Veränderung

Das Sanierungsprojekt war der Bank Anlass genug, um neben der Leistung und Wahrnehmung des Gebäudes auch die Umgebung aufzufrischen und dadurch den Wert der Immobilie zu steigern. Die Bank hat den dreijährigen Umbau ihrer Zentrale genutzt, um eine Vielzahl zukunftsgerichteter Ideen vor allem im Bereich der Ökologie zu realisieren, die Ressourcen- und Energieeffizienz der Türme wurde mit den jeweils höchstmöglichen Zertifikaten LEED-Platin und DGNB-Gold prämiert: Der Energiebedarf wurde um die Hälfte, der Verbrauch von Wasser um über 70 Prozent und die CO2-Emissionen um fast 90 Prozent verringert. Im Werbeprospekt zu den Greentowers, wie die Zwillingstürme nun in der Marketingsprache genannt werden, ist nachzulesen, unter welchen Vorzeichen die Bank intern über die Zukunft von Max Bills Skulptur argumentiert haben könnte: „Dank einer besseren Einbindung (Anm: der Greentowers) in das städtebauliche Umfeld und zahlreicher neuer attraktiver öffentlicher Angebote wird das urbane Umfeld aufgewertet.“ Am 24. Februar 2011 wurden die beiden 155 Meter hohen Türme wiedereröffnet. Fast auf den Tag genau vor 26 Jahren, im Februar 1985, war der Hauptsitz der Bank an der Taunusanlage 12 eingeweiht worden.

Wertvolles Wahrzeichen

Die Türme der DB sind ein Wahrzeichen der Stadt Frankfurt und des Finanzplatzes Deutschland. Josef Ackermann, Vorsitzender des Vorstands der Deutsche Bank AG liess sich anlässlich der Feierlichkeiten zum Abschluss der Gebeäudesanierung so verlauten: „Diese Türme sind ein Markenzeichen (…) und stehen im wahrsten Sinne des Wortes für die Deutsche Bank. Hier sind wir im besten Sinne des Wortes zuhause.“ Und Mario Bellini, der für die Sanierung und den Umbau verpflichtete Designer und Architekt aus Mailand, ergänzte in ähnlicher Tonlage: „Die Türme stehen symbolisch für ein über viele Jahre gewachsenes und sehr solides Unternehmen, das auf festen Beinen steht, zugleich aber hoch dynamisch ist.“ Bemerkenswert: In seinem siegreichen Wettbewerbsbeitrag, der u.a. den nun realisierten, neuen Eingangsbereich im Sinne einer offenen Vitrine vorsah, durfte Max Bills Kontinuität an ihrem Standort vor dem Haupteingang bestehen bleiben.

Auch wenn Bill’s Plastik über 20 Jahre lang an ihrem ursprünglichen Standort vor dem Haupteingang gewirkt hat: Angesichts der Aufgabe, den Wert der Immobilie durch den Umbau und die Neupositionierung zu steigern, dürfte Max Bills Skulptur, trotz ihrem historischen bzw. künstlerischen Beitrag zur Unternehmenskultur und zur Reputation der Bank, bei der internen Gesamtbetrachtung somit, alles in allem, ein Randthema dargestellt haben. Am 14. März 2011, weniger als einen Monat nach der Wiedereröffnung, gab die Bank dann bekannt, dass sie ihre Doppeltürme, Ackermanns „Zuhause“, an einen Immobilienfonds verkaufen wird. Der Verkaufspreis liegt bei rund 600 Millionen Euro. Die Deutsche Bank wird ihre Konzernzentrale somit langfristig als Mieter nutzen.

Neuer Standort im Park

Dass die Skulptur von Max Bill nach der Sanierung 2010 wieder vor dem Haupteingang installiert werden würde, war in verschiedenen Webtexten nachzulesen. Der Pressesprecher dazu: Dass die Kontinuität wieder an ihren ursprünglichen Standort vor dem Haupteingang zurückkehrt, habe man vielleicht in der Öffentlichkeit angenommen, eine solche Information sei jedoch nie offiziell kommuniziert worden. Richtig hingegen sei, dass die Plastik im Juli im neu gestalteten Park direkt neben dem Bankgebäude nun einen etwas ruhigeren Standort erhält. Geht die Kontinuität, kräftiges Symbol für Harmonie und Dauerhaftigkeit, in den Augen der Bank dort in den verdienten Ruhestand? Nein, teilt die Bank mit. Als Teil der Parkanlage soll sie den bisher wenig genutzte Park aufwerten und mithelfen, dass in der direkten Umgebung der Bank mehr Öffentlichkeit und Aufenthaltsqualität entsteht. Ob die gefundenen Risse im Stein saniert wurden, konnte Pressesprecher Thoma nicht sagen.

Endlose Schlaufe

Max Bill (1908 bis 1994) schuf die Kontinuität 1986 im Direktauftrag durch die Deutsche Bank. Die Plastik ist ein sardinischer Granitmonolith, 4.5m hoch und 80 Tonnen schwer. Die Idee und das Kunstwerk Kontinuität sind älter. Bills Auseinandersetzung mit der Endlosen Säule Constantin Brancusis (1918/38) führte bereits 1935 zur plastischen Idee einer Endlosen Schlaufe. Die Plastik besteht aus einem ringförmig verbundenen (zweiseitigen) Band. Eine flächigere, provisorische Version der Kontinuität aus Stahl, Gips und Kalkputz wurde 1947 in Zürich ausgestellt und 1948 von Vandalen zerstört. Als die Deutsche Bank Max Bill Anfang der 1980er Jahre auf ihr Ansinnen ansprach, eine Skulptur vor der Konzernzentrale aufzustellen, soll Bill zunächst vorgeschlagen haben, den Platz leer zu lassen (Werner Spiess). An ihren ursprünglichen Aufstellungsort kehrt die Kontinuität nicht mehr zurück.

Spiegel statt Monolith

Der Vorplatz zum Haupteingang bleibt deswegen jedoch nicht leer. Anstelle der Skulptur von Max Bill wurde bereits eine Neue installiert: ein Wasserspiegel in Form von zwei ineinandergreifenden, dreieckigen Steinplatten, die mit einem Wasserfilm bedeckt sind: Spiegelt sich die Deutsche Bank AG darin selbst? In Zeiten der Bankenkrise wäre ein derart narzistischer Antrieb für die Neugestaltung des Vorplatzes eine noch heiklere Botschaft als jene der Kontinuität, die mit den Worten von Max Bill genau genommen auch nicht so recht zur Strategie des grenzenlosen Wachstums im Bankenwesen zu passen scheint: „konkrete kunst ist in ihrer letzten konsequenz der reine ausdruck von harmonischem maß und gesetz“ [Max Bill 1949].

Die Entwicklung, die Ausführung, der Transport und die Aufstellung des Granit-Monolithen hat Werner Spiess umfassend dokumentiert, in: Werner Spiess: Kontinuität – Granit-Monolith von Max Bill, Deutsche Bank AG, Dortmund, 1986.

PS: Die Deutsche Bank hat dem Büro für Stadtfragen eine Einladung zur offiziellen Neusetzung von Max Bills Kontinuität im Park versprochen. Fortsetzung folgt…

 

Bocksprung in Sevilla

Metropol Parasol ist gebaut, Sevilla erhält mitten in der wirtschaftlichen Krise des Landes ein neues Wahrzeichen. Jürgen Mayer H. hat es entworfen. Der Rundflug findet am Ende des Artikels statt.

(sta) Metropol Parasol auf der Placa de la Encarnacion in Sevilla – ein Entwurf des deutschen Architekten Jürgen Mayer H. – ist bereits am 27. März 2011 feierlich eröffnet und nun auch baulich fertiggestellt worden. Vor zwei Jahren hat mir Jürgen Mayer am Flughafen Zürich in einem Interview erzählt, wieso das symbolträchtige Bauwerk auf einem ehemaligen, jahrzehntelang provisorisch genutzten Parkplatz mitten in der Altstadt von Sevilla aufgrund seiner Nutzung als Markt, archäologisches Museum, Event-Raum und als städtebauliche Reparatur einen urbanistischen Bocksprung darstellt und architektonisch als „demokratische Kathedrale“ interpretiert werden kann: So wurde der Entscheid für das Projekt in der Wettbewerbsphase durch eine öffentliche Mitwirkung positiv beeinflusst und Mayer’s Formfindung spielt mit Analogien zu vor Ort vorgefunden sakralen Architekturformen und Landschaftselementen (Bäume).

Positionierung als Kulturstandort

Für die Stadt Sevilla handelt Metropol Parasol politisch-planerisch von der Positionierung als Kultur- und Tourismusstandort. Die nationalen Konkurrenzobjekte im Wettbewerb um die Gunst der Aufmerksamkeit und Reputation stehen in Barcelona, Bilbao, San Sebastian und Porto. In Sevilla soll ein weiterer Nachhall des berühmten Bilbao-Effekts erklingen. Eine aus diesen Beweggründen politisch und globalistisch aufgeladene Architektur benötigt – neben einer aussergewöhnlichen Formensprache – die Wirkung der Superlative: Beim Werk Metropol Parasol sind es die Dimensionen des räumlich gestapelten Eingriffs in den historischen Stadtkörper und die technische Innovation bei der Planung und Realisierung der Holzkonstruktion (Beratung durch Arup).

Rundflug

Ein Teil der Dachlandschaft über den gebauten Sonnenschirmen ist begehbar: hier findet Sightseeing statt. Wie sich ein Flug um das Bauwerk herum kurz vor seiner Fertigstellung anfühlt und anhört, hat der lokale Fernsehsender giraldatv mit Hilfe einer Drone in einem Video festgehalten:

 

Wieso leistet sich Actelion Architektur?

Gute Architektur benötigt gute Bauherren. Business-to-business geht es in dieser Beziehung um spezifische unternehmerische Mehrwerte, um Reputation und damit um den Kampf im Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Herzog & de Meuron (HdM) verfolgen in ihrer architektonischen Arbeit deshalb „keine ästhetischen Vorlieben, keinen Geschmack, keine Tabus“, wie sie selbst sagen. Als Autoren des spezifischen Konzepts sind die Architekten legitimiert, gleichermassen ohne Stil gleichzeitig für die Konkurrenten Roche, Novartis und Actelion zu bauen. Das Büro für Stadtfragen hat bei beim Bauherrn Actelion in Allschwil nachgefragt, ob diese These in diesem Fall stimmt, und wie es beim neuen Business Center in Allschwil (2007-2010) zum Direktauftrag an HdM gekommen ist. Fazit aus dem Interview mit Louis de Lassence: Actelion will und kann es sich leisten, mit den besten Architekten für die besten Mitarbeitenden zu bauen.

(sta) Interview mit Louis de Lassence, Vizepräsident, Leiter Corporate Services, Actelion Pharmaceuticals Ltd, Allschwil. 2005 bis 2010 Bauherrenvertreter beim Bau des Business Centers von Herzog & de Meuron Architekten, Basel:

Herr de Lassence: Hat Actelion eine Unternehmensphilosophie, die besagt, dass die Marke und die Unternehmenskultur durch architektonische Zeichen – durch eine Corporate Architecture – zu verdeutlichen ist?

Nein, wir haben keine Corporate-Architecture-Strategie niedergeschrieben. Das sieht man daran, dass wir in der noch jungen Firmengeschichte architektonisch auf Vielfalt gesetzt haben. Das Forschungsgebäude hier in Allschwil wurde zwischen 2002 und 2006 von Burckhardt+Partner AG geplant und realisiert, das Gebäude für die klinische Entwicklung von einem anderen Architekturbüro, ebenfalls aus Basel. Beim Business Center haben wir uns 2005 dazu entschieden, ein besonders innovatives Schlüsselgebäude zu realisieren. Auch dazu gab es keine formulierte Strategie. Entscheidend war der Anspruch, dass die Architektur unsere Unternehmenskultur abbilden sollte. Es ist also nicht etwa so, dass die Architektur uns diktiert, wie wir uns darzustellen haben.

Bei Unternehmen, die ohne ausformulierte Strategie zur Firmenarchitektur auskommen, ist das architektonische Gewissen oft personalisiert. Wer sagt bei Actelion, was für die Firma die richtige, gute Architektur ist?

Am Ende ist es der CEO Jean-Paul Clozel, der entscheidet. Er war von Beginn an involviert, als die Architekten Herzog & de Meuron ihre ersten Entwürfe präsentiert haben.

Wie hat Actelion über die vorgeschlagene Architektur diskutiert?

Sobald die ersten Skizzen vorlagen, wurden der Verwaltungsrat und das Management in den Entscheidungsprozess einbezogen. Wir realisieren ein Schlüsselgebäude nicht einfach top down ohne eine Diskussion. Es wurde von Anfang an viel über die Architektur diskutiert. Interessant war, dass wir alle vom präsentierten Projekt überzeugt waren, weil es genau unseren Anforderungen und der Unternehmensidentität von Actelion entspricht: Das Business Center handelt von Innovation und verkörpert baulich, was Kommunikation für das Unternehmen und unsere Mitarbeitenden bedeutet.

Und die Kosten?

Was das Budget angeht, so können wir uns das Business Center, so wie es geplant und realisiert wurde, leisten.

Gemäss Jacques Herzog ist Actelion ein Unternehmen, das „seine Identität gerade entwickelt und architektonisch an einem Ort festmachen möchte“ (NZZ, 14.2.2010). Hatte Actelion in den ersten zehn Jahren der Firmengeschichte demnach noch keine eigene Identität?

Actelion hatte selbstverständlich schon lange vor dem Business Center eine starke Identität. Schliesslich sind wir das grösste Biotechnologieunternehmen in Europa, und wir wachsen sehr schnell. Deshalb sage ich es nochmals: Bei Actelion kommen zuerst die Unternehmensziele und dann die Architektur. Mit dem Business Center von Herzog & de Meuron ist es uns gelungen, die bestehende Identität des Unternehmens gewissermassen baulich zu spiegeln.

Wie der CEO Jean-Paul Clozel und Sie selbst haben einige Führungskräfte bei Actelion zuvor langjährige Erfahrungen bei Roche gesammelt. Worin unterscheiden sich die Identitäten von Actelion und Roche?

Actelion ist viel kleiner als Roche. Wir haben allerdings mehr Raum und legen Wert auf eine schlanke Organisation mit flachen Hierarchien, einen möglichst direkten Zugang zur Führung und auf ein hohes Mass an Interaktion und Durchlässigkeit. Dadurch leisten wir uns für unsere Mitarbeitenden viel Freiraum zur Entfaltung von Eigeninitiative und Kreativität. Es herrscht eine ganz andere Stimmung. Bei uns kennen sich die Mitarbeitenden noch weitgehend persönlich, obwohl wir bald 2400 Beschäftigte zählen.

Das heisst, die Mitarbeitenden haben bei Actelion in vergleichbaren Positionen mehr Platz in ihren Büros als bei Roche?

Ja, das ist wohl so, weil das Raumangebot bei uns weniger standardisiert ist. Allerdings kann sich Roche bestimmt auch grössere Büros leisten, wenn die Firma das will. Der Komfort am Arbeitsplatz ist jedoch nicht eine Frage der Firmengrösse, sondern die direkte Antwort auf die Frage, wie wichtig es dem Unternehmen ist, dass die Mitarbeitenden einen für sie möglichst idealen Arbeitsplatz vorfinden.

Das Business Center ist ein flacher Gebäudestapel, der vielfältige Raum- und Sichtbezüge und einen zentralen Innenraum schafft. Roches neustes Projekt Bau1, ebenfalls ein Entwurf von Herzog & de Meuron, ist ein städtisches Hochhaus, das einen für Basel neuen städtebaulichen Massstab setzen will. Bringt diese Beschreibung den Unterschied zwischen den beiden Firmen auf den Punkt?

Ja, vielleicht. Nur muss man anmerken, dass wir in Allschwil (in Flughafennähe) ohnehin nicht höher als 20 Meter bauen durften. So gab es im wahrsten Sinn des Wortes überhaupt keinen Raum für eine Turmdiskussion. Zudem ist bei Roche die Aufgabe eine andere als beim Business Center: Beim Projekt Bau1 von Roche geht es darum, sehr viele Leute, die heute an verschiedenen Orten arbeiten, räumlich zu konzentrieren. Wenn wir darüber hinaus von der Architektursprache sprechen wollen, dann stand beim Business Center immer im Vordergrund, dass Form und Gestalt des Baukörpers unsere Offenheit und Transparenz widerspiegeln sollten.

 

Woran erkennen Sie, dass Sie das richtige Gebäude gebaut haben?

Das Business Center ist ein Bürogebäude für 350 Mitarbeitende. Der Einzug ist soeben erfolgt. Es wird  eine gewisse Zeit dauern, bis wir sehen können, wie das Gebäude ankommt. Aber ich bin überzeugt, dass es durch seine Struktur und Offenheit so funktioniert und auf die Mitarbeitenden wirkt, wie wir uns das vorgestellt haben. Das Personalrestaurant wurde jedenfalls bereits vor dem offiziellen Bezug der Büros rege benutzt.

 

Welche Rolle und Aufgaben hat das neue Business Center in der künftigen Unternehmenskommunikation, inhaltlich und visuell?

Das Gebäude hat jetzt kurz nach der Eröffnung in den Medien natürlich einen gewissen Aktualitätswert. Frau Bundesrätin Leuthard hat es bei der Eröffnungsfeier mit einem Leuchtturm verglichen. Allein deshalb wird das Business Center jedoch nicht zum neuen Aufhänger für die Unternehmenskommunikation: Bei Actelion geht es um Medikamente, nicht um Immobilien, und wir betreiben Wissenschaft. Man kann es einfach formulieren: Beim Business Center handelt es sich um ein schönes Gebäude, das unseren Mitarbeitenden die richtigen Arbeitsplätze bietet.

Actelion bezeichnet sich selbst als special type of company, Offenheit und Innovation sind die beiden zentralen Werte. Wieso entschied man sich bei der Firmenarchitektur dennoch für den Direktauftrag an die Hausarchitekten von Roche und gegen eine Auswahl von mehreren architektonischen Vorschlägen?

Wenn Sie unser Gebäude anschauen, werden Sie keinerlei Ähnlichkeiten mit einem Roche-Gebäude erkennen. Der Grund dafür ist – und das sagen Herzog & de Meuron von sich selbst –, dass die Architekten keinen eigenen Baustil pflegen. Anders als etwa bei Bauten von Richard Meyer oder Frank Gehry, die man auf den ersten Blick zuordnen kann, passen sich Herzog & de Meuron den Kunden und dem jeweiligen Ort an. Aus Sicht des Bauherrn sind sie dadurch sehr flexibel und erfinden etwas Neues, statt Variationen von etwas bereits Bestehendem zu bauen. So bestand also gar nie die Gefahr, dass beim Business Center von Actelion der Effekt „typisch Roche“ eintreten würde. Das Gleiche gilt auch für das zweite Gebäude von Herzog & de Meuron, das auf unserem Firmengelände in Allschwil entsteht. Auch für dieses Projekt wurde eine ganz eigene Architektursprache entwickelt.

Dennoch: War beim Bau des Business Centers die Durchführung eines Konkurrenzverfahrens – zum Beispiel ein Studienauftrag – nie ein Thema?

Doch. 2005 haben wir intern kurz darüber gesprochen. Wir hatten ja auch bisher mit verschiedenen Basler Büros zusammengearbeitet. Dann kam vor allem von Jean-Paul Clozel die Idee, mit Herzog & de Meuron darüber zu sprechen. Und Herzog & de Meuron hatten uns nach ersten Kontakten eine Projektskizze zu den bereits definierten Raumvolumen vorgelegt, die uns so überzeugte, dass wir von einem Wettbewerb Abstand nahmen.

So, wie andere Chefs ihren Mercedes, hat Jean-Paul Clozel einen Herzog & de Meuron bestellt.

Nein, die Angelegenheit war schon komplexer. Pierre de Meuron musste mit dem Projekt zuerst den Verwaltungsrat überzeugen. Zudem war die Tatsache, dass Herzog & de Meuron ihr Büro in Basel haben, ein sehr wichtiges Kriterium. Während der Planung und Ausführung hatten wir fast täglich Kontakt – und dies ohne unnötigen Zeitaufwand. Die Zusammenarbeit mit einem ausländischen Architekten wäre diesbezüglich viel komplizierter gewesen.

Am 10. Dezember 2010 wurde das Gebäude nicht etwa nur feierlich eröffnet, sondern gemäss Medienmitteilung offiziell „den Mitarbeitenden übergeben“. Actelion betont, dass die Mitarbeitenden für die Firma wichtig sind. Wann und wie sind deren Bedürfnisse in die Planung und den Bau des Business Centers eingeflossen?

Wir haben auf Stimmen aus der Mitarbeiterschaft gehört. So konnte jede Abteilung zwischen individuellen Büros oder einem Grossraumbüro wählen. Zwei Abteilungen, Business Operations und IT, haben sich für Grossraumbüros entschieden, alle anderen für individuelle Büros. Diese Einteilung ist nun allerdings bautechnisch mehr oder weniger fix. Allein schon wegen der Lüftung wäre es zu aufwendig, einzelne Wände zu verschieben. Zudem haben wir mit den Mitarbeitenden die Flächenanforderungen erarbeitet und spezielle Bedürfnisse wie Archivräume, Sitzungszimmer oder privacy rooms für Business Operations evaluiert.

Und wer hat über die Einrichtung bestimmt?

Das Thema der Einrichtung hat tatsächlich zu einer längeren Diskussion geführt, weil wir eine ganz andere Meinung hatten als Herzog & de Meuron. Vier Hersteller wurden deshalb eingeladen, um uns ihre Einrichtungsvorschläge zu präsentieren. Jede Abteilung konnte ein paar Mitarbeiter bestimmen, welche die eingerichteten Musterbüros besuchen und ihre Stimme für ein Mobiliarkonzept abgeben konnten. Diese Art der Mitwirkung war uns sehr wichtig, und sie hat den Entscheid beeinflusst. Nicht im Sinn einer Basisdemokratie  – schliesslich sind wir eine private Firma –, aber immerhin so, dass die Mitarbeitenden die Entscheidung mittragen konnten. Und so kam es, dass wir uns letztlich für ein eigenes Einrichtungskonzept entschieden haben.

 

Das Gebäude bietet rund 350 Arbeitsplätze an. Nach welchem Prinzip sind die Arbeitsplätze im Gebäude verteilt worden?

Eigentlich sollten im Business Center mehr Abteilungen untergebracht werden. Nicht alle haben aber Platz gefunden, weil wir zwischen 2005 und 2008 zu schnell gewachsen sind. Hinsichtlich der Belegung haben wir die jeweiligen Geschossflächen mit der Grösse der einzelnen Abteilungen verglichen und diese entsprechend im Gebäude verteilt. Wichtig war das Prinzip, die einzelnen Abteilungen nach Möglichkeit auf einer einzigen Ebene unterzubringen und die Büroanordnung durch sogenannte Kommunikationszonen zu unterbrechen. Hierarchische Kriterien spielten bei der Raumverteilung keine Rolle.

Gibt es für diese Kommunikationszonen Verhaltensregeln?

Zuerst möchte ich betonen, dass wir von der Notwendigkeit informeller Aufenthaltsbereiche überzeugt sind: Hier können sich die Mitarbeitenden spontan treffen und miteinander austauschen – und zwar nicht nur innerhalb der eigenen Abteilung. Deshalb haben wir die Kommunikationszonen in jedem Stockwerk zusätzlich mit je zwei Teeküchen ausgestattet. Für den Aufenthalt an diesen Orten gibt es keine internen Regeln, weil Regeln für mehr oder weniger spontane Begegnungen einfach keinen Sinn machen. Um den Austausch unter den Mitarbeitenden zusätzlich zu fördern, haben wir im Business Center auch ein Personalrestaurant und eine Cafeteria eingerichtet.

 

Woher kommen die Mitarbeitenden von Actelion hauptsächlich?

Rund 55 Prozent leben in der Schweiz, 45 Prozent im benachbarten Ausland. Schweizerinnen und Schweizer sind unter den Mitarbeitenden insgesamt eine Minderheit.

Wäre es für Actelion ohne das Business Center künftig schwieriger geworden, die besten Leute nach Allschwil zu holen, weil diese – in der Mehrheit ausländische Mitarbeitenden – ein urbanes Arbeitsumfeld, wie dasjenige im Campus von Novartis, doch eher bevorzugen?

Wir rekrutieren Leute mit ähnlichen Profilen wie Roche und Novartis. Im Wettbewerb um die besten Mitarbeitenden können und wollen wir nicht mehr bezahlen als unsere direkte Konkurrenz vor Ort. In einem Vergleich haben wir festgestellt, dass die Architektur am Arbeitsplatz mitunter einen grossen Einfluss auf den Entscheid der einzelnen Bewerberinnen und Bewerber hat. Deshalb haben wir bei Rekrutierungsgesprächen schon ab 2005 immer die Bilder des geplanten Business Centers gezeigt. Beinahe alle Kandidaten waren davon beeindruckt und haben positiv reagiert. Wir haben zudem festgestellt, dass eine attraktive Architektur für potenzielle Mitarbeitende insgesamt eine grössere Rolle spielt als etwa die Ausstattung mit luxuriösen Materialien.

Wie gross ist die Rolle der Architektur konkret, ist sie planbar?

Ich kann nur sagen, was wir den Kommentaren von Stellenbewerberinnen und -bewerbern entnehmen können. Wir machen uns natürlich fortlaufend ein Bild. Man darf auch nicht vergessen, dass bei Actelion immer noch die Strahlkraft des jungen, innovativen Biotech-Unternehmens anzieht. Das Gebäude ist ein zusätzlicher Aspekt in der Personalrekrutierung, den andere Firmen schon vor uns erkannt haben. In der Frühphase der Planung für das Business Center nahm ich an einer Präsentation zum Novartis Campus-Projekt teil. Der Projektmanager erklärte uns damals, die Idee, einen Campus unter Mitwirkung internationaler Architekten zu erstellen, gehe auf Erfahrungen von Sandoz zurück. Dort hatte man während einiger Jahre zu wenig in die Bausubstanz investiert und infolgedessen einige der besten Kandidaten verloren. Bei Actelion ist heute allen klar, dass die Arbeitsumgebung und die Architektur der Firmengebäude eine Rolle für den Erfolg der Firma spielen. Das gilt auch für den Bereich der Labors, die bei uns viel Licht haben, relativ gross, modern und deshalb für die Wissenschaftler attraktiv sind.

 

Sprechen wir nochmals über die Architektur: Das Business Center sendet eine formal aussergewöhnliche, nennen wir sie extravagante Botschaft in die Umgebung des Allschwiler Gewerbegebiets. Wie offen bzw. zugänglich ist im Gegenzug das Business Center für seine unmittelbare Umgebung?

Eigentlich ist es gar nicht offen. Das Gebäude steht nur Mitarbeitenden und Geschäftspartnern offen, sonst hätten wir ein Sicherheitsproblem. Vielleicht veranstalten wir für die Nachbarschaft und Interessierte einmal einen Tag der offenen Tür. Was die Botschaft der Architektur betrifft, so haben wir ausdrücklich nie die Absicht verfolgt, extravagant zu sein. Wir wollten lediglich ein aussergewöhnliches Gebäude realisieren.

Extravaganz ist auch für die Architekten Herzog & de Meuron ein Reizwort. Worin liegt für Sie, als Vertreter der Bauherrschaft, denn der Unterschied zwischen extravagant und aussergewöhnlich?

Aussergewöhnlich meint die Qualität einer Architektur, die ein Gebäude von anderen abhebt. Extravaganz hingegen verfolgt hauptsächlich den Zweck, sich zu exponieren. Menschen tun es, indem sie sich extravagant kleiden, um dadurch auf sich aufmerksam zu machen. Beim Business Center geht es nicht um Zurschaustellung. Der Neubau bildet unsere Innovationskraft und Offenheit ab, verkörpert sie gewissermassen räumlich und gestalterisch. Dieses Angebot schätzen unsere Mitarbeitenden, dadurch wird die interne Kommunikation gefördert und die Architektur leistet einen Beitrag an den Firmenerfolg – mehr nicht.

Herzog & de Meuron sind dennoch unbestritten internationale Stararchitekten mit grossem Markenwert, einem hohem Aufmerksamkeitspotenzial bei gleichzeitig globaler Reputation. Das kostet die Auftraggeber etwas. Wie verträgt sich die Zusatzinvestition in öffentliche Prominenz und mediale Aufmerksamkeit mit der wissenschaftlich-medizinischen Forschungskultur von Actelion?

Auf dem Gebäude steht das Logo von Actelion und nicht das von Herzog & de Meuron. Ich habe Pierre de Meuron zudem sehr oft getroffen und hatte nie den Eindruck, es mit einem Star zu tun zu haben. Am Anfang standen unsere Bedürfnisse, die von den Architekten aufgegriffen und umgesetzt wurden. Auch wenn wir uns nicht immer einig waren: Aus den Diskussionen sind immer innovative Lösungen entstanden. Das gelingt nur, wenn sich zwei gleichberechtigte Partner, die zueinander passen, gegenseitig zuhören.

 

Das Business Center (104’000 m3) hat 130 Millionen Franken gekostet. Können Sie den finanziellen Mehraufwand für die Zusammenarbeit mit den Stararchitekten abschätzen?

Die Kosten sind bei Herzog & de Meuron nicht grundsätzlich höher als bei anderen Architekten. Natürlich verursacht ein so ungewöhnlich ausgelegtes Gebäude mehr Arbeitsstunden als ein herkömmliches. Die teuersten Posten waren der Stahlbau und die Fassade. Wir haben den Stahl zu einem Zeitpunkt gekauft, als dieser am teuersten war. Das war Pech und hat uns einige Mehrkosten beschert.

Für das Business Center waren 6000 Seiten Konstruktionsbeschriebe, 1500 Detailpläne und ein beträchtlicher Mehraufwand aufgrund der enormen Gebäudeoberflächen notwendig. Wieso ist es nicht gelungen, gleichzeitig den baulichen Minergie-Standard zu erreichen?

In der Energiediskussion kommt es darauf an, was man genau unter Minergie versteht. Da wir in der Gesundheitsbranche tätig sind, haben wir eine Verpflichtung gegenüber der Umwelt. Das ist uns sehr bewusst. Dass wir das bauliche Minergie-Label dennoch nicht erreicht haben, war für uns schon ein Thema. Wir konnten u. a. bei der Energiegewinnung nicht das geplante System der Grundwassernutzung verwenden. Dennoch: Wir nutzen Sonnenenergie und werden auf dem Dach noch zusätzliche Solarzellen anbringen.

 

Actelion kommuniziert und lebt eine Wachstumsstrategie. Auf wie viele Jahre hinaus sind der Betrieb und der Unterhalt des neuen Business Centers ausgerichtet?

Das Gebäude ist für ungefähr 80 Jahre gebaut. Die Fassade werden wir nach 15 Jahren prüfen müssen. Wie sich das Gebäude mit dem personellen Wachstum von Actelion verträgt, werden wir sehen.

 

Welche baulichen Entwicklungsschritte sind bei Actelion in der Pipeline?

Zuerst werden wir unser nächstes Projekt, ein kombiniertes Forschungs- und Entwicklungszentrum, beenden. Der erste Teil des ebenfalls von Herzog & de Meuron erstellten Gebäudes für die klinische Entwicklung ist kürzlich bezogen worden. Der Forschungsteil soll Anfang 2012 bezugsbereit sein. Sonst haben wir zurzeit kein Bauvorhaben in der Pipeline.

Sind Herzog & de Meuron nun die Hausarchitekten von Actelion?

Hausarchitekten? Sie setzen zunächst einmal zwei Projekte für uns um – und dann werden wir sehen. Es können auch andere Architekten für Actelion bauen.

Was machen Sie mit den Architekturtouristen, die künftig mit der Nase an der Scheibe Einlass verlangen?

Das wissen wir noch nicht genau, aber wir werden wohl hin und wieder Führungen anbieten.

Interview, 14.1.2011 : Thomas Stadelmann

Abbildungsnachweise: Actelion / SFDRS / Büro für Stadtfragen / Web

Landgasthof für ZUGWEST

Das Aparthotel (2010) der Architekten Martin und Monika Jauch-Stolz hinter dem Bahnhof in Risch Rotkreuz ist ein urbaner Landgasthof, der ortsbaulich vor allem für sich selbst dasteht. Urban bedeutet hier, zum Wirtschaftsraum ZUGWEST gehörend.

Fotos: Reinhard Zimmermann

Vollständige Architekturkritik, in: werk, bauen+wohnen, Heft Nr. 4 /2011.

(sta) Das eigentlich Spannende an der Sache ist: Trotz der am Standort Risch Rotkreuz offensichtlich vorhandenen Standortgunst für geschäftliches und bezahlbares Hotelwohnen ist das Aparthotel keine Corporate Architecture einer Hotelkette, sondern local business, von der Idee bis zur Ausführung eine lokale Angelegenheit. Dem Bauträger (Rotkreuzhof-Immobilien AG) und den Architekten ist dadurch ein Unikat gelungen, das im Wirtschaftsraum ZUGWEST auf reges Interesse stösst. Die Architektur macht den Spagat zwischen traditionell ländlichen Rundschindeln (Fassade), den Anforderungen an einen Zweckbau und einer formal modernistischen Gestaltung.

Hybride Herberge

Das Aparthotel steht für den baulichen Trend hin zu hybriden Formen der Beherbergungsart, wie er von der Hotelbranche schweizweit festgestellt wird: Das Hotelzimmer ist auch Arbeitsplatz, Küche, Fitnessstudio, und es bietet einen möglichst direkten ÖV-Anschluss an das nächste Stadtzentrum an. Das Gebäude bietet Platz für 50 Hotelzimmer, vier Loftwohnungen, einen Gastrobetrieb mit Saal für 120 Personen, Seminarräume und ein Fitnesscenter.

Der vollständige Kommentar mit Plänen und Projektdaten wird im werk, bauen+wohnen, Heft Nr.4 /2011, werk-material (April) publiziert.

Freie Fahrt am Reussquai

Stadtansichten halten historische Stadtwahrnehmungen fest. Der Krienser Fotograf Max A.Wyss hat dokumentiert, dass es 1951 möglich war, mit dem Auto direkt an den Reussquai zu fahren, um dort Kaffee zu trinken. Der Nachlass Max A. Wyss wird durch die Stiftung Fotodokumentation Kanton Luzern verwaltet und ist nun in Zusammenarbeit mit dem Staatsarchiv Luzern teilweise digitalisiert worden.

(sta) Max A. Wyss wurde am 18. Juli 1908 in Kriens geboren. Nach dem Erwerb des Sekundarlehrerpatentes an der Universität Zürich studierte er in Genf, Neuenburg und Paris Romanistik. Es folgte 1931 ein einjähriger Aufenthalt in Tanganjika (Afrika) als Hauslehrer beim Schweizer Konsul. Danach arbeitete er von 1935 bis 1965 als freier Journalist und Fotograf für zahlreiche Zeitungen, Wochenblätter und Periodika. 1952 war er als Hauptsekretär am Zustandekommen und dem Erfolg der Weltausstellung der Photographie 1952 Luzern beteiligt. In den frühen 1950er Jahren erregte er überdies mit surrealistischen Fotomontagen aufsehen. 1965 heiratete er Zita Keller. Im gleichen Jahr wurde er Redaktor der Fotozeitschrift Camera und betreute das Ressort Fotografie beim C.J. Bucher Verlag, Luzern. Als Autor, Herausgeber und Redaktor stand er ausserdem hinter vielen Bildbänden über die Natur, die im C.J. Bucher Verlag erschienen sind. Max A. Wyss starb am 12. September 1977 in Luzern. Textquelle und Copyright: Fotodok.ch.

Misty – people met in architecture

Alle zwei Jahre im November geht die Architekturbiennale in Venedig zu Ende. Die 12. Ausgabe hat die Architektur sinnbildlich in den selbst geschaffenen Nebel sinnlicher Erlebnisse gestellt – und das ausgerechnet in der Lagunenstadt. Darüber hinaus gab es einzelne kritische Sätze, Gebäudesensationen und den gewohnten Mix aus Spannendem und Langweiligem in den Länderpavillons. Dennoch geht nichts über die Vorfreude auf 2012: Es wird dann die 13. Mostra Internazionale di Architettura sein.

Bilder: Stadtfragen

(sta) Die Weitsicht ist halb durchsichtig, das Blau über der Lagunenstadt herbstlich gedämpft, die verschiedenen Farben der Häuserzeilen entlang dem Canale Grande wirken ohne die harten Schatten der Sommersonne wohlwollend aufeinander abgestimmt. In den Giardini, dem berühmten Ausstellungspark Venedigs, sind nicht etwa nur die Architekt/innen, sondern auch das übrige Publikum meist dunkel gekleidet: Ähnliche Szenen und Eindrücke gehören zum Ende der Architektur-Biennale in Venedig, die alle zwei Jahre von Juli bis November stattfindet. Die Kombination von internationaler Architekturshow und der sich selbst darstellenden, unendlich schön sterbenden Stadt Venedig bietet im Spätherbst ganz besondere Erlebnisreize an.

Sinnliches und Währschaftes

People meet in architecture. Den Ausstellungstitel setzte Kazuyo Sejima, die 2010 als erste Frau die Architekturbiennale von Venedig leitete. Der Besuch der Hauptausstellungen in den Giardini und im Arsenale hinterliess dann auch tatsächlich der Eindruck, dass es eine Antwort auf die Frage gibt, was es denn eigentlich an Zutaten braucht, damit Menschen in der Architektur aufeinander treffen können. Die Antwort könnte lauten: Einen Cocktail aus sinnlichen Erlebnissen. Derartige Momente waren in Venedig einige zu sehen, etwa: die überzeugende monumental-konstruktivistische Installation von Garcia-Abril & Ensamble Studio (phantastisch), der Pirelli-Boden als Kunstwerk an der Wand des belgischen Pavillons (na ja), das holländische Architektur-Netzwerke aus Nägeln und Fäden (hübsch), die knallenden Wasserblitze aus Licht im Arsenale oder Modelle von Aires Mateus e associados (Modellbild oben). Auch mit dabei, aber eher währschaft und deshalb auf den zweiten Blick sinnlich, präsentierte sich die im Schweizer Pavillon ausgestellte heimische Brückenkunst. 2012 ist es nun wirklich Zeit für einen nationalen Wettbewerb.

Disziplinierter Gänsemarsch im Nebel

In der Lagunenstadt Venedig einen künstlichen Nebel auszustellen, muss man als mutiges Unterfangen bezeichnen. Transsolar + Tetsuo Kondo haben es mit ihrer minimalistischen Installation in der Hauptausstellung gewagt. Der Aufstieg durch verschiedene, künstlich hergestellte Kilmazonen bot durchaus ein architektonisches Erlebnis an. Akos Moravansky nannte das Thema jüngst Meteorologische Architektur (Tec 21, 42/43 2010); ein Bauen von Atmosphären statt Bildern, wenn Umwelt nicht mehr nur betrachtet, sondern auch als eingeatmet gedacht wird. Wer jedoch das Blur Building, eine begehbare Wassersprühwolke über dem Neuenburger See, entworfen von Diller + Scofidio 2002 für die Schweizerische Landesausstellung Expo.02 erlebt hat, konnte der Nebelarchitektur in Venedig kaum viel abgewinnen. Die Skulptur liess die Besuchenden im Gänsemarsch und mit Fotoapparat im Anschlag in die künstlichen aber sicheren Höhen bis zum höchsten aber harmlosen Wendepunkt über dem Boden der Realität der Halle aufsteigen. Nach dem Abstieg fand man sich wieder am Ausgangsort. Kein aussergewöhnliches Erlebnis, eher hatte die Begehung eine gewisse Symbolkraft für den Gänsemarsch der Ideen und Formen in der aktuellen architektonischen Produktion. Die eigene Disziplin Architektur in den eigenen Nebel gestellt; rückblickend passt dieses Leitmotiv eigentlich ganz gut zur 12. Mostra: misty – people met in architecture.

Kritische Beiträge

Wer regelmässig nach Venedig reist, kann sich kaum davor hüten, einzelnen Länderpavillons aufgrund früherer Besuche schon im Vorfeld mehr Wohlwollen und Interesse entgegen zu bringen. Bei mir gehört jeweils der Pavillon Japans dazu. Mehrmals war der Beitrag durch klar formulierte und gestalterisch überzeugende Statements eine Klasse für sich. Auch in diesem Jahr wurde ich nicht enttäuscht: Public urban spaces are authorithan devices for suppressing people lautete der Titel der Ausstellung, und er stand als einer der wenigen kritischen Sätze zur Lage des Urbanen, die an der Ausstellung zurecht nach Aufmerksamkeit verlangten. Zudem war es der Katalog Tokyo Metabolizing von Kitayama, Tsukamoto und Nishizawa wert, gekauft zu werden: Ein schön gemachter, interessanter Versuch, 50 Jahre nach der Gründung der Metabolisten-Bewegung über die urbanistische Theory und Praxis in der Stadt Tokyo zu berichten.

Mobilität für alle können wir uns nicht leisten, lautete ein kritischer Fetzen im Auftritt von Rem Koolhaas. Der Niederländer wurde mit dem Goldenen Löwen für sein bisheriges Lebenswerk ausgezeichnet. Seine journalistisch vereinfachte und sich auf Zahlenreihen und Fakten abstützende Selbstdarstellung als global denkender und bauender Baumeister wirkte jedoch etwas vom eigenen Erfolg überholt.

Erfrischend naiv: rethinking happiness

Bereits die 11. Biennale 2008 (me, myself and I) hinterliess den Eindruck, dass sich der Mensch als Objekt der Architektur zunehmend allein auf dieser Welt befinden will. 2010 schien es, dass die Architekten und ihre Disziplin es im speziellen auch sein wollen. Ganz im Sinn des Autorenarchitekten und seiner Grundhaltung ist die Essenz architektonischen Schaffens dann zuerst deren Sinnlichkeit: Die Wahrheit ist weder schön noch hässlich, weder chaotisch noch ordentlich, weder ökologisch noch unökologisch, sondern sinnhaft. Sie (die Form) ist die Konsequenz aus der Idee. Das was ich mache, verstehe ich als Kunst (Valerio Olgiati, „Der Architekt ist kein Dienstleister“, in: tec 21, 41/52 2010).

Es erstaunt daher nicht, dass People meet in architecture im Vergleich zu den letzten Biennalen eher noch weniger Hörbares, Lesbares und Wahrnehmbares darüber berichtete, wo und wie die Disziplinen Architektur und Städtebau in der Welt stehen. Bevorzugt im eigenen Nebel? Als Antwort auf diese Frage präsentierte Aldo Cibic seinen auf den ersten Blick naiven aber im Kern doch erfrischenden Beitrag rethinking happiness mit vier urbanistisch-architekonischen Beiträgen zur Zukunft eines glücklicheren Zusammenlebens. Sein idealer Siedlungsentwurf auf der Grundlage gemeinschaftlicher Selbstversorgung (Ernährung und Energie) geht davon aus, dass Idealprojekte keine Ideallösungen, sondern lediglich Annäherungen an die sozial, ökonomisch und umweltbedingte Forderung nach einer besseren Lebensqualität sind; neue Realitäten, um Lebensstile zu verändern: Rural Urbanism als Antithese zu Masdar City. Erfrischend an diesem Gedanken ist der Hinweis, dass die Nachhaltigkeitsforderung in der Planungs- und Baupraxis nicht mit der Vergabe von Labels erledigt ist: Eher erfordert aktuelles Wissen im Umgang mit Ressourcen und gesellschaftlichen Herausforderungen eine andauernde räumlich-gestalterische Annäherung an verbesserte Lebensformen, die das Glück der Menschen in den Vordergund stellen. Die Publikation dazu: Aldo Cibic, rethinking happiness, Corraini 2010.

Gebäudesensationen

Toyo Itos Bauten sind nicht einfach Bauten, sondern sinnlich motivierte Gebäudesensationen, und sie gehörten in Venedig zu den Höhepunkten unter den traditionellen Projektpräsentationen. Im gewohnten Mix aus Spannendem und Langweiligen, den die Biennale einmal mehr auszeichnete, hatten die ausgestellten Modelle und Zeichnungen ihre eigene, sogar touristische Wirkung: Das muss man in gebautem Zustand sehen! Diese Wirkung schafft die Biennale allein durch die Substanz der gezeigten Inhalte nicht mehr. Ein Mangel, der jedoch durch die Vorstellung der jeweils zu erwartenden Menge und mit zeitlichem Abstand auch durch die Vorfreude auf die nächste Venedig-Reise längst kompensiert werden kann, deshalb: 2012 wird es für das Büro für Stadtfragen die Reise zur 13. Mostra Internazionale di Architettura sein.

Casa Poli, Pezzo von Erlichhausen, Coliumo, Chile

Bau1: Stairway To Heaven

There’s a lady who’s sure // All that glitters is gold // And she’s buying a stairway to heaven // Led Zeppelin

Die Bilder zum Roche-Turm „Bau 1“ von HdM wirken besonders, weil es (einmal mehr) um Superlativen geht: Die Kräftigsten lassen sich von den Besten das Höchste bauen. Und Basel macht mit. Bei der neuen Roche-Konzernzentrale geht es aus urbanistischer Sicht auch darum, das schweizerische Hochhausdefizit zu bereinigen.

(sta) Der neue Roche-Turm „Bau 1“ von Herzog & de Meuron ist publiziert, mindestens die Bilder davon. Aus diesem Anlass beklagte jüngst das Hochparterre ausgerechnet von Zürich aus die nicht stattfindende Architekturdiskussion in Basel. Die «NZZ» vom 4. Januar 2010 befragte die neusten Renderings fast schon beinahe auf rhetorische Art und Weise: «Wird Basel um eine Attraktion reicher, oder führt der geplante Büroturm des Pharmakonzerns zu einer gravierenden Veränderung der Stadtsilhouette? (…) Fast scheint es, als ob der weisse Riese mit den besonnten Terrassen für eine Metropole am Meer konzipiert worden sei». Soweit so gut. Aber Jacques Herzog hat wirklich oft genug wiederholt, wie seine urbanistische Vision für Basel auf den Punkt gebracht lautet: „Basel, die Stadt am Fluss“.

Unsinnige Diskussion?

Anhand von ein paar Renderings über Städtebau und Architektur zu diskutieren, ist unsinnig, da stimme ich Amanda Levete’s Bemerkung zu. Zumal es sich beim Roche-Turm um ein für die Schweiz aussergewöhnliches Hochhausprojekt von aussergewöhnlich erfolgreichen Autorenarchitekten handelt. Die Fakten: 178 Meter, 42 Geschosse, das wäre neuer schweizerischer Höhen-Rekord; eine halbe Milliarde Franken; 10’000 Arbeitsplätze; 2015 ist Eröffnung. Das Missverhältnis zwischen dem schieren baulichen und finanziellen Umfang, der städtebaulichen und wirtschaftlichen Bedeutung des Bauvorhabens und der Intensität, wie darüber öffentlich diskutiert wird, ist tatsächlich gross. Daran ändern einzelne Feuilletonbeiträge, Leserbriefe und dieser Blog wenig bis gar nichts. Ernst zu nehmende Öffentlichkeit entstünde erst dann, wenn sich in Basel (unter dem Eindruck der Protestbewegung „Stuttgart 21“) die gefühlte Ohnmacht des Souveräns gegenüber einem urbanistischen Bigness-Entscheid des Systems ihr eigenes politisches Gehör verschafft hätte. Wenn die psychopolitische Regulierung des Gemeinwesens derart aus dem Ruder gerät, kann der Traum der Systeme schnell seine Ungeheuer gebären, so hat es Peter Sloterdijk im Spiegel („Der verletzte Stolz“, 45/2010) formuliert:“Das erleben die Regierenden auf ihre Weise, sobald unzufriedene Bürger sich ihren Projekten und Prozeduren in den Weg stellen“. Das wird in Basel kaum mehr passieren. Die Baubewilligung für den „Bau 1“ liegt vielleicht schon im Februar vor. Und: Nur wer am verhungern ist, beisst sogar in die Hände der eigenen Ernährer. Um den Gedanken dennoch zu Ende zu führen: Würde der Roche-Turm so nicht realisiert, könnte immerhin noch Jacques Herzogs harte Beurteilung zur Lage der Schweiz am eigenen Projekt zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden: „Seien wir ehrlich: Ausser bei den global ausgerichteten Konzernen ist in der lokalen Schweiz (Anm: dazu gehört auch Basel) zwar alles irgendwie okay, aber eigentlich doch nur eher mikrig.“

Infrastruktur und Symbol

Basel, die Chemiestadt und der trinationale Wirtschaftsstandort sind sich mit Roche und deren Hausarchitekten HdM darüber einig, dass es nachhaltig, sinnvoll und vertretbar ist, mit einer vertikalen Konzernzentrale der Marke HdM einen Meilenstein in der Firmengeschichte und gleichzeitig eine neue Adresse auf die Karte der Vertikal-Super-Architekturen von globalen Unternehmen zu setzen. Dies wurde schon mit dem ersten Entwurf von HdM für Roche klar, der im Nachhall der globalen Finanzkrise von 2008/9 kurzfristig umgekippt ist, angeblich aus betrieblich-finanziellen Gründen. Aufgrund der Bilder zum „Bau 1“ kann man aus urbanistischer Sicht der in vergleichbaren Projekten mittlerweile gängigen Argumentation folgen, dass damit ein weiterer, sinnvoller Beitrag an die Bereinigung des hiesigen Hochhausdefizits geleistet wird. Der Entwurf im zweiten Anlauf wird als formal schlicht gemachter, aber auch formal austauschbarer und wohl genau deshalb als „guter Bürobau“ für den Roche-Konzern präsentiert. Dank der Handschrift von HdM wird der „Bau 1“ sowieso als bauliches Symbol für die ökonomische Potenz und baukulturelle Selbstdarstellung der Besteller, Ersteller und des Standorts Basel wahrgenommen. Der Rest ist Grundriss-, Schnittarbeit und integrierte Planung – Architektur, Städtebau, Bau- und Immobilienmanagement auf einem Niveau, das Firmen wie HdM und deren Kunden beherrschen und sie vom Rest der zahlreichen Early-Follower und Nachahmer unterscheidet.

Offen bleibt, ob und in welcher Weise mit dem Roche-Turm letztlich mehr resultiert als eine weitere, durch Marken, Formen, Material und Personen symbolisch aufgeladene aber architektonisch gut gemachte Firmen-Infrastrukturbaute mit dem Anspruch auf globalen Reputationsgewinn aller Beteiligten. Hoffentlich, denn sonst ist die wiederholte Erfolgsgeschichte von Mehrwert, Wachstum und Reputation im Städtebau und in der Architektur bald zu schlicht für spannende Architekturbücher, Filme und Feuilleton-Berichte: Dass die Besten und Berühmtesten für die Reichsten und Globalsten die grössten und teuersten Häuser bauen, wird als Erzählung auf die Dauer langweilig.

Ergänzung vom 7. Januar 2013: In seinem NZZ-Artikel „Bedürfnisse, Werte, Träume“ vom 5. Januar 2013 schreibt Carl Fingerhuth, seines Zeichens von 1979 bis 1992 Kantonsbaumeister von Basel und grosser Förderer der damaligen jungen Basler Architektenszene, zum Bau1: „Bei meiner Arbeit für europäische Städte werde ich heute immer wieder mit einer Flut von Projekten konfrontiert, die jeden Bezug zum Spezifischen des Ortes ignorieren. Sie zeigen sich mit ihren Vorhaben selbstreferenziell und haben den Fokus nur auf die Vision ihrer Bauherren und Architekten gerichtet, mit Verachtung für die Menschen des Ortes und ihre Herkunft. Es scheint mir, dass vieles, was die Menschen heute bewegt, in der elitären Architektur noch nicht angekommen ist. Exemplarisch für diese Situation ist das Projekt für den Bau eines banalen, 175 Meter hohen Bürogebäudes in Kleinbasel. In seiner städtebaulichen Haltung dominiert das Projekt der Architekten Herzog & de Meuron alle bestehenden Schichten der Bausubstanz von Basel und macht sich selbst zum Zentrum der Aufmerksamkeit. Nach seiner Realisierung ist die städtebauliche Identität von Basel nicht mehr die über 2000 Jahre lang gewachsene Stadt um den Münsterhügel, sondern der Turm der Firma Roche. Das Schweigen der Politik und der Fachwelt zu diesem Projekt ist unverständlich. Es handelt sich um die gewalttätigste und respektloseste Architektur, die bis jetzt in der Schweiz gebaut wurde.“