Kategorie-Archiv: Interviews

Der Masterplaner

Der Holländer Kees Christiaanse ist Architekt, Städtebauer und ETH-Professor. Stadtfragen traf ihn an einem grauen 9. März in seinem Ferienhaus im bündnerischen Feldis auf 1500 Meter ü.M. Wir sprachen über seine Arbeit, den Zustand der  Raumplanung und «Desakota» – über das urbanistische Phänomen der Stadtlandschaft. Das Interview ist ohne die ergänzenden Kommentare in der Zeitschrift „Komplex Nr. 6 2013“ erschienen.

Fotos: Herbert Zimmermann, Luzern

sta. Wir sitzen in der offenen Wohnküche des von Kees Christiaanse selbst (um)gebauten Holzhauses. Von hier aus geht er auf Wanderungen und Skitouren. Es gibt Tee und Früchte, draussen ist es grau, die Atmosphäre für ein Gespräch ist entspannt, die umgebende Landschaft braun-weiss gefleckt: Sie scheint parat für den Frühling.

Thomas Stadelmann: Hinter Ihnen hängen Landschaftsbilder an der Wand. Sie malen in Ihrer Freizeit?

Kees Christiaanse: «Das mache ich, um meinen Kopf leer zu bekommen. Jeden Tag sind es zwei oder drei Aquarelle im Postkartenformat. Dabei verwende ich absichtlich nur eine Technik und nur einen Pinsel.»

Die Aquarelle sind in Reih und Glied an die Wand gepinnt. Christiaanse verschenkt sie gerne an Freunde und Verwandte, wie er verrät – jedoch nicht an Journalisten. Trotz der privaten Umgebung nutzt mein Gegenüber die erste Gelegenheit, um von seiner Arbeit zu sprechen: präzis, gradlinig und schlüssig. Seine Gedankengänge scheinen einem sicher ausgelegten Pfad entlang von urbanistisch bedeutsamen Wegmarken dieser Welt zu folgen. Und dann: Unerwartet aber umso passender zu meiner zweiten Einstiegsfrage lichten sich über Feldis die Nebelbänke. In der Ferne sind Berggipfel zu sehen:

Denken Sie mit Blick auf die Berge auch über die Stadt nach?

«Natürlich. Dieser Ort besteht nicht nur aus Aussicht und Erholung. Er ist auch der beste Arbeitsplatz, den man sich vorstellen kann. Hier arbeite ich an Vorlesungen und Entwürfen.»

Welche Themen treiben Sie denn bei Ihrer Arbeit besonders an?

«Vor allem ein urbanistisches Phänomen, das wir in Holland ‹Desakota› nennen. Der Begriff stammt aus dem Indonesischen und steht für ‹Stadtland› oder ‹Landstadt›. Man muss sich vorstellen: Auf Java lebt über die Hälfte der Indonesier in einem Netz aus Städten, Dörfern und Landwirtschaft. ‹Desakota› sehe ich auch in der Schweiz. Die Täler im Graubünden oder das Mittelland sind urbanisierte Landschaften. Zu deren Wandel gehört der Rückgang der Landwirtschaft und eine veränderte, fein vernetzte Ökonomie. In Feldis waren die Menschen bis 1960 mehrheitlich Bergbauern, heute gibt es noch eine Handvoll. Gäste oder Ferienhausbesitzer, die hier arbeiten, bilden die Mehrheit. Zum Beispiel hilft eine Ex-Stewardess von Pan Am, die sich hier zur Ruhe gesetzt hat, beim Skiliftbetrieb, und ein holländischer Banker betreibt seine Geschäfte hier online. Diese neue Ökonomie hat sich nicht nur in den Städten und am Rand der Städte breit gemacht, sondern ebenso in den Bergen.»

Neben Feldis ist auch Zürich für Christiaanse zu einer Art Heimat geworden, wie er sagt. Zudem arbeitet er regelmässig in Singapur: Christiaanse ist ein Global Player des Städtebaus. Mich interessiert, wie dieses Leben funktioniert:

Sie leben und arbeiten hauptsächlich in Zürich und Singapur. Wie geht das?

«Zürich ist mein neues Zuhause, dort wohne und arbeite ich. Es erinnert mich an das frühere Amsterdam: eine kleine Stadt mit einem metropolitanen Kulturleben. Dann gibt es Singapur. Als Programmleiter des ‹Future Cities Laboratory› habe ich die Möglichkeit, in einem Moment eine aktive Rolle einzunehmen, da Asien sich zum global wichtigsten Wirtschaftsfaktor wandelt. Für mich als Holländer ist die Nähe Singapurs zu Indonesien zudem nicht nur historisch, sondern auch familiär von grosser Bedeutung. Mein Vater wurde in Indonesien geboren. Meine Arbeitszeit in Singapur widme ich hauptsächlich der intensiven Urbanisierung und Wirtschaftsentwicklung, die dort gerade stattfindet.»

Was interessiert Sie als Europäer in Asien am meisten?

«Der Unterschied zu Nordwesteuropa. Die Städte in Asien zählen zwischen 1 und 10 Millionen Einwohner und liegen 1000 Kilometer auseinander. In Europa sind es 100 000 bis eine Million Leute und 100 Kilometer Distanz. Hinzu kommt, dass mit dem Erfolg der Billigflieger in Asien das Flugzeug jene Entwicklungskraft erhält, die in Europa die Eisen- bahn einmal hatte. Als Forscher beschäftigen mich die Themen Stadt und Flughafen sowie die transnationalen Verbindungen zwischen den Städtenetzen. Zudem erforsche ich die Gemeinsamkeiten von kulturell, politisch und geografisch unterschiedlichen städtischen Räumen überall in der Welt. Aktuell untersuchen wir die Wirkung von mikroökonomischen Strukturen und städtebaulichen Typologien auf Nachbarschaften. Vergleichbare Phänomene lassen sich in Zürich, Schanghai, Singapur, London oder Berlin beobachten und auswerten. Städtische Vielfalt und Veränderungsprozesse sind dadurch messbar, und wir wissen, an welchen Schrauben Planer und Politiker drehen können, um die Dynamik in einem Stadtquartier zu verbessern.»

An unterschiedlichen Orten zu arbeiten, erlaubt es Christiaanse, sehr schnell und dennoch spezifisch auf einzelne Städte einzugehen. Seine Heimat Holland ist dabei prägend: Wer mit Christiaanse spricht, muss deshalb keine Fragen zu den Niederlanden vorbereiten. Seine Antworten führen früher oder später dorthin. Trotz Lehrstuhl in Zürich und dem Feriendomizil in Feldis hat sich Christiaanse zudem die Freiheit bewahrt, offen über seinen persönlichen Eindruck zum Zustand des hiesigen Alpenlands Auskunft zu geben. Also frage ich ihn nach seinem Schweizbild:

Kommen wir zurück in die Schweiz. Aus Ihrer Sicht sollen die Städte hier besonders schön, gut organisiert und vergleichsweise sicher sein. Was machen wir denn besser als zum Beispiel die Holländer?

«Die Schweiz handelt nicht besser, sie hat lediglich die bessere Ausgangslage. In Holland leben mehr als doppelt so viele Leute, das Land ist flach und die Dichte entspricht etwa dem schweizerischen Mittelland. Als traditioneller Zufluchtsort für Menschen aus aller Welt ist die holländische Gesellschaft konfliktanfälliger, die Raumplanung komplexer als anderswo, und Stadterweiterungen sind oft von heftigem politischen Widerstand begleitet. In der Schweiz ist die Raumordnung auf Konsens ausgerichtet. Ich glaube, das Verhältnis zwischen unberührter Natur und der Siedlung ist hier eigentlich sehr entspannt, weil über 800 Meter über Meer auf einer grossen Fläche kaum gewohnt wird. Zudem sind es in den Zentren von Zürich, Basel oder Genf jeweils nur 15 Minuten zu Fuss in die Natur. Eine unglaubliche Qualität! Mich erstaunt, dass die Schweiz davon spricht, wie schlimm und gefährlich die Zersiedlung geworden ist. Aus meiner Sicht befindet sich die Schweiz in einem raumplanerisch gut beherrschbaren Zustand.»

Und wo gilt es dennoch anzusetzen?

«Bei den Fehlern. So führt die bäuerlich geprägte Bodenpolitik dazu, dass der Umgang mit Land zum Beispiel in Zug oder Wollerau aufgrund einseitiger ökonomischer Interessen ‹texanisch› anmutet. Der Steuerfuss ist niedrig, was Leute anzieht, die Steuern sparen wollen, was wiederum einen Bauboom auslöst, der als Selbstverständlichkeit hingenommen wird. Die Raumplanung in der Schweiz kann also genauso schlecht funktionieren wie anderswo. Eine zweite Herausforderung ist das Aus- ufern der Gewerbeaktivität im schweizerischen Mittelland. Im Umgang mit der aktuellen Nachfrage hat die Schweiz keine Tradition. Jedoch verfügt sie über weit entwickelte Planungsinstrumente. Rotterdam könnte sich einen Richtplan wie im Kanton Zürich nur wünschen. Baugebiete und Nichtbaugebiete sind darin ebenso festgelegt wie die Forderung, bestehende Siedlungen nach innen zu verdichten. Auf diese Art und Weise mit Wachstum umzugehen ist vorbildlich.»

Wie wirkt sich das ‹Ja› zur Revision des Raumplanungsgesetzes aus?

«Aus meiner Sicht ist der Volksentscheid vom 3. März eine Bestätigung dafür, was vorher – zum Beispiel mit dem Raumkonzept Schweiz – bereits erarbeitet wurde. Ich glaube, die Bevölkerung ist sich nach der Zweitwohnungsinitiative und der Raumplanungsgesetz -Revision ihrer Aufgabe sehr bewusst. Man muss aufpassen, dass die Landschaft nicht überbaut wird. Bei der Umsetzung werden konsensbasierte Konzepte sehr wichtig sein, weil Gesetze und Vorschriften zu wenig flexibel sind.»

Das Wallis hat Christiaanse – politisch korrekt und belesen wie er ist – von seiner allgemeinen Einschätzung der schweizerischen Befindlichkeit in Sachen Raumentwicklung ausgenommen. Und er erwähnt, dass aus Sicht einer nachhaltigen Entwicklung sogar in Zürich Fehler begangen werden, etwa bei der Entwicklung von Grosssiedlungen in Glattbrugg oder Affoltern, die, so Christiaanse, hauptsächlich die Nachfrage im Massenwohnungsbau befriedigen würden. Trotzdem: Beim Zuhören schleicht sich heimlich das Gefühle an, dass wir in der schweizerischen Raumplanung über Luxusprobleme debattieren: Es wird landauf und landab fleissig geplant, investiert und gebaut; Instrumente wie das „RES“ (Raumentwicklungsstrategie) für Zürich sind im Vergleich mit anderen europäischen Städten vorbildlich. Keine Anzeichen also von härteren Zeiten, alles im Butter. Ich frage nach.

Können wir uns, trotz Fehler, weiterhin auf eine stabile urbanistische Schönwetterlage einstellen?

«Die Frage ist, ob die schweizerische Insel der Prosperität bestehen bleibt. Als Schönwetter-Urbanismus würde ich die Situation im Städtebau nicht bezeichnen. Wir werden kaum eine endlose Wachstumsphase erleben, die in eine ebensolche Urbanisierung führt. Dazu ist die Weltlage für Europa zu schwierig: Die Industrie droht allmählich wegzubrechen, wenn sie nicht modernisiert, sprich automatisiert, wird. Die Chancen der Schweiz liegen im technologischen Vorsprung, zudem unter anderem in der Produktion von sauberer und günstiger Energie. Die Gebäudetechnologie ist heute so weit entwickelt, dass in wenigen Jahren zu normalen Baupreisen sämtliche Gebäude zu Energieproduzenten umgerüstet werden könnten. Ich persönlich glaube zudem an den Mythos, dass alles, was du hast, in der Schweiz am sichersten ist.»

Besser kann man den USP der Schweiz nicht auf den Punkt bringen und in die Zukunft denken: Eine Schweiz als urbane Stadtlandschaft, gespickt mit qualitativ hochstehenden, sprich rentablen Immobilienobjekten, die technisch sehr hochwertig sind. Christiaanse präzisiert, dass mit diesem Szenario der Trend in Richtung Urbanisierung einhergeht: Menschen ziehen wieder vermehrt in die Stadt. Jedoch nicht, weil sie genug vom Landleben haben, sondern weil sie die Ökonomie der Stadt dorthin zieht: feine Netzwerke, kurze Wege, Beziehungsmöglichkeiten, die Nachfrage nach immer neuen Dienstleistungen. Zudem sei es in der Stadt sauberer geworden, die Luft noch besser, die Ausbildungsmöglichkeiten vielfältiger, die Dichte an Erlebnissen höher. Für Christiaanse passe die Beschreibung derartiger urbaner Verhältnisse in unserem Land nicht nur für städtische Zentren, sondern zunehmend für die ganze Stadtlandschaft Schweiz: Freitag sei ja auch nach Oerlikon gezogen. Wieso also nicht von einer urbanisierten Schweiz träumen, die als rentable, sichere und erholsame „Desakota“ für Menschen aus aller Welt funktioniert? Die Idee ist nicht neu.

Was kann das für die Zukunft bedeuten?

«Rem Koolhaas hat einmal einen Plan von Europa gemacht. Darauf sind die Alpen mit der Schweiz als Central Park dargestellt. Das Stadtland Schweiz wäre demnach aus der Sicht von Europa ein urbanisierter Landschaftspark, eine ‹Desakota› mit privilegierten Erholungs-, Arbeits- und Wohngebieten.»

Apropos Rem Kohlhaas: Christiaanse ist nicht nur Professor für Städtebau, der Phänomene der Stadt erforscht und vermittelt. Als Architekt ist er im Büro von Rem Koolhaas gross geworden. Als Masterplaner realisiert er heute, was er dabei gelernt und erfahren hat. Die eigenen Büros sind in Amsterdam, Zürich und Shanghai stationiert.

Sprechen wir über Ihre Arbeit als Masterplaner. Wie bringen Sie die Anforderungen an Planungen und Ihre fachliche Offenheit mit den menschlichen Bedürfnissen nach Ordnung und Orientierung zusammen?

«Mit Erfahrung und einer eigenen Herangehensweise. Anders als die traditionelle Stadtplanung sichern wir zuerst die räumliche und bauliche Substanz, von der wir meinen, dass sie nicht berührt werden darf. Was dann übrig bleibt, überführen wir schrittweise in eine vernünftige Raum- und Baustruktur. Diese Strategie ist sehr effektiv, und der Masterplan hat sich als Instrument bewährt. Architekten können am besten damit umgehen, weil ein guter Städtebauer ein Ex-Architekt ist. Anders als ein Architekt, der sich für sein schönes Objekt interessiert, setze ich als Masterplaner den kollektiven Mangel an Geschmack so um, dass etwas Schönes daraus entsteht. Dabei nehmen wir in unserem Büro raumplanerische Themen aus den Sozial- und Ingenieurwissenschaften in unsere Arbeit auf. Wir sind deshalb keine Soziologen, haben aber ein Wissen über die Stadtsoziologie. Ein Masterplan ist zu 50 Prozent ein städtebaulicher Entwurf und zu 50 Prozent Prozessentwicklung. Derjenige, der einen Masterplan macht, muss demzufolge Prozesse moderieren können.»

Als Moderator haben Sie eine starke Position und die Macht des Planers.

«Die Position des Planers und Moderators ist eine Machtposition, die manchmal in die Ohnmacht führt.“

Und wieder kennt Christiaanse ein Zitat von „Kollege“ Rem Koolhaas: „Die Position des Architekten bewegt sich zwischen Omnipotenz und Impotenz“. Und weiter:

„Als Masterplaner bin ich nur einer von mehreren Akteuren und deshalb nie alleine wirksam. Wer dies verstanden hat, weiss eher, wo eine Weiche erfolgreich zu stellen ist, damit eine gewünschte Wirkung erreicht wird. Wer denkt, er könne alles kontrollieren, wird hoffnungslos scheitern. Die Macht des Masterplaners oder des Masterplans liegt in der Möglichkeit, den Prozess der Raum- und Bauentwicklung zu moderieren. In dieser Rolle bin ich die Vertrauensperson der Öffentlichkeit und nicht des Stadtpräsidenten, des Investors oder des Gestalters.»

Und woran messen Sie in dieser Rolle Ihren Erfolg?

«An den realisierten Projekten. Für mich war immer entscheidend, Projekte zu implementieren und so lange wie möglich am Prozess hängen zu bleiben, auch wenn das oft schwierig und manchmal sogar frustrierend ist. Die Bauaufträge und Honorare gehen ja dann letztlich an die Architekten. So gesehen ist die Disziplin Städtebau zu Unrecht schlecht bezahlt und die rechtliche Position als Autor eines Masterplans leider oft sehr schwach.»

Ich habe extra nachgefragt, ob ich über die schlechte Bezahlung im Städtebau schreiben darf: „Natürlich“, so Christiaanse, der schon über zehn Jahre bei der Entwicklung der Hafencity in Hamburg mit dabei ist. Beim Masterplan für die Europaallee sei die Bezahlung allerdings in Ordnung gewesen.

Wie beurteilen Sie das Resultat an der Europaallee in Zürich?

«Ich bin zu 100 Prozent überzeugt,  dass  die Europaallee als Quartier und Ergänzung zum Stadtzentrum funktionieren wird. Für unseren Masterplan ist typisch, dass die Qualität und die Ausgestaltung der Übergänge zwischen Öffentlich und Privat stimmen. Der Raum muss dazu sehr gut strukturiert und die Zwischenräume so organisiert sein, dass die Menschen sie sich aneignen und Aktivitäten entfalten. Wenn die Erdgeschosse im Übergang zwischen Öffentlich, Halböffentlich und Privat stimmen, ist dies ein positiver Indikator für das ganze Stadtquartier.»

Natürlich interessiere ich mich für seine bisher besten Arbeiten: Christiaanse empfiehlt mir, seine ECO-Siedlung in Amsterdam anzuschauen, die dortige Qualität und Ausgestaltung der Übergänge zwischen Privat und Öffentlich, die Struktur und Anordnung der Baufelder. Christiaanse ist dann besonders stolz auf seine Entwürfe, wenn die Erdgeschosse gut funktionieren. Aktuell ist er vor allem mit dem TGV-Quartier in Montpellier beschäftigt. Und in der Schweiz? Sein Ferienhaus in Feldis ist bisher sein einziges Bauwerk als Architekt. Wie ist das möglich? Für Christiaanse sind Masterpläne sein Hauptberuf und die Architektur „ein Hobby“, wie er sagt. Dass sein Zürcher Büro mit Wettbewerbsbeiträgen in der Schweiz (z.B. für Würth in Rorschach) bisher erfolglos war, sieht der Architekt dennoch selbstkritisch. Zuwenig ökonomisch effizient, zuwenig programmtreu und gegenüber der Schweizer Konkurrenz in der Gestaltung zu romantisch-plastisch, seien die Entwürfe bisher wohl gewesen. Oder liegt es einfach daran, dass für den an „Amerika orientierten“ Städtebauer in der Schweiz zu wenig Hochhäuser gebaut werden?

Wir haben bis jetzt noch gar nicht über Hochhäuser gesprochen.

«Für mich sind Hochhäuser nichts Besonderes, sie sind normal. Was damit zu tun hat, dass ich im Office of Metropolitan Architecture (OMA) aufgewachsen bin und mich eher an Amerika orientiere. In der Schweiz wundert mich die Aufregung über Hochhäuser immer wieder. Der Prime Tower in Zürich ist mit seinen 126 Metern doch nur ungefähr ein Viertel so hoch wie der Uetliberg! Andererseits zeigt man sich gegenüber höheren Bauten dann doch offen, sonst gäbe es die neuen Hochhäuser in Zug und auf der Luzerner Allmend nicht.»

In Luzern sind sie architektonisch jedoch zu kurz geraten.

«Stimmt. Es ist oft so, dass die Höhe letztlich einen politischen Konsens darstellt. Bei der Europaallee waren am Anfang Höhen bis zu hundert 100 Metern geplant, der Kompromiss lag letztlich bei 40 bis 60 Metern. Die Herausforderung von Hochhäusern ist jedoch die Art und Weise, wie sie auf den Boden treffen. Mischnutzungen in den Sockeln sind wichtig – und Schlankheit. Zudem sind Hochhäuser städtebauliche Zeichen und dienen der Orientierung, so wie auf meinem Weg nach Feldis die beiden neuen Hochhäuser in Chur: Die finde ich ganz ok».

Biografie

Prof. Kees Christiaanse (60) studierte Architektur und Stadtplanung an der TU Delft. Bis 1989 arbeitete er für das OMA in Rotterdam, 1983 wurde er dort Partner. Fünf Jahre später gründete er das Büro Kees Christiaanse Architects & Planners mit Sitz in Rotterdam, Shanghai und Zürich. 1996 bis 2003 lehrte er an der TU Berlin, seit 2003 ist er Professor an der ETH Zürich. 2009 war Christiaanse Kurator der Internationalen Architektur Biennale Rotterdam. Seit 2011 vertritt er die ETH als Programmleiter des Future Cities Laboratory in Singapur. Neben seiner Arbeit als Architekt gilt sein Fokus urbanen Prozessen in komplexen städtebaulichen Situationen. Beispiele sind die Hafenrevitalisierung Pakhuizen Oostelijke Handelskade, das Raumplanungskonzept Flughafen Schiphol in Amsterdam, der Masterplan HafenCity in Hamburg, die Nachnutzung des Olympischen Dorfes 2012 in London und der Masterplan für die Europaallee in Zürich. www.kcap.eu.

Feldis, 9. März 2013

Winy Maas über die unternehmerische Stadt

Was macht die Identität, das Wesen einer Stadt aus? Das Büro für Stadtfragen hat dazu Winny Maas befragt. Der Holländer ist Mitgründer der Rotterdamer Architekten MVRDV. Das Interview ist 2012 im Buch «Stadtidentität der Zukunft» erschienen (M.L. Hilber, G. Datko (Hrsg.): Stadtidentität der Zukunft. Wie uns Städte glücklich machen, Berlin, 2012).

Bilder: Büro für Stadtfragen, Barcelona 2009

Thomas Stadelmann (sta): Was wir bei Menschen allgemein unter «Identität» verstehen, handelt von der Wahrnehmung des eigenen Wesens. Verrätst du uns mit einem Bild, wie du hier und jetzt aussehen würdest, wenn du ein Haus wärst?

Winny Maas: Wie ein holländischer Wohnwagen: klein, kompakt, mobil und nur mit dem Notwendigsten ausgestattet.

Die räumliche Identität einer Region, einer Stadt oder eines Ortes handelt ebenfalls von Wesentlichem. In welcher Form existiert die «Identität einer Stadt», über die wir hier sprechen wollen?

Das Wesen der Stadt ist ein unglaubliches Wort. Wir Architekten suchen danach, weil es den Kern der urbanistischen Identitätsfrage trifft: Worin besteht die Eigenartigkeit, der Charakter, die Substanz eines Ortes, einer Aufgabe? Mögliche Antworten suchen und finden wir mithilfe von Untersuchungen und Experimenten. Für mich steht fest, dass das, was wir unter Stadt verstehen und antreffen, heute ein anderes Wesen hat als vor hundert Jahren. Städte denken und handeln unternehmerischer, wollen sich unterscheiden und engagieren deshalb Büros wie MVRDV, um ihr Wesen als «Stadt.inc» zu identifizieren, in die Zukunft zu denken und zu vermarkten. Bei der Herangehensweise fallen mir drei Ähnlichkeiten auf: Städte haben durch ihre Bedeutung, Wahrnehmung und Wirkung heute eine Zentrumsfunktion, die das eigene Hoheitsgebiet weit überragt, und sie verstehen sich meistens als Einstiegsportal für das Hinterland. Zudem gibt sich beinahe heute jede Stadt grün.

Trotz dieser Ähnlichkeiten: Um zu Wesentlichen einer Stadt vorzudringen, besteht die wichtigste Aufgabe darin, jene Verschiedenheiten zu untersuchen und zu gewichten, die eine Identität letztlich ausmachen.

Stadtidentität ist demnach eine gedankliche Abstraktion, ein Wunschbild von Stadt, dass politisch-planerisch, baulich und durch Kommunikation mobilisiert wird?

«Abstraktion», «Wunschbild»: beides sind passende Worte. Der eigentliche Motor in einem Identitätsprozess ist jedoch die Hypothese zur Wirkung einer inhaltlich-räumlichen Spezialisierung. Sie geht davon aus, dass ein Raum erst dann konkurrenzfähig ist, wenn er sein eigenes Wesen, kennt, eigene Standpunkte vertritt und dadurch Spezialitäten für das Wohnen und Arbeiten, für Industrie und Gewerbe oder für die Kultur anbieten kann. Die Abstraktion in der Analyse und im Entwurf von Stadt ist also nur das Mittel, um entsprechende Wunschbilder, Planungen, Projekte und Aktivitäten zu definieren. Wie wahr und richtig der Ansatz der Spezialisierung bzw. der Differenzierung in der Stadtentwicklung ist, gilt es in jedem Fall einzeln zu beobachten und in der Theorie kritisch zu untersuchen (Anm: Winy Maas verweist auf die Arbeit von Saskia Sassen).

Die Globalisierung hat dazu beigetragen, dass traditionelle Bild- und Raumkonzepte für die Arbeit an der Stadt in Frage gestellt werden. MVRDV ist gerade deshalb zu einem weltweit in der Architektur- und Stadtproduktion tätigen Büro geworden. Kannst du das erklären?

Die Frage lautet: Warum braucht man in China ein holländisches Büro wie MVRDV? Meine Antwort lautet: für zwei Dinge. Erstens, um vor Ort mithilfe einer Aussenperspektive darüber reden zu können, was an einer Stadt, an einer Aufgabe in Peking, Melbourne, Bordeaux oder Zürich speziell ist. Wie bereits gesagt, geht es dabei um die Positionierung im Konkurrenzkampf zwischen Standorten. Zweitens ist das Phänomen weit verbreitet, dass Städte und Standorte weltweit anerkannte Kunst- und Kulturgüter und damit auch Städtebau und Architektur sammeln. So wollen Stadtoberhäupter in ihrer Kollektion nicht nur einen Picasso haben, sondern zudem vielleicht noch ein Gebäude von Zaha Hadid. MVRDV ist nicht aufgrund der Ähnlichkeit und Erkennbarkeit einzelner Gebäude zu einem weltweiten Sammlungsobjekt geworden. Im Rahmen der urbanistischen Globalisierung haben wird uns durch die Kombination von Architektur- und Identitätsproduktion eine spezielle Rolle und spezielle Marktchancen erarbeitet. Dass wir weltweit angefragt werden, wenn es darum geht, die Zukunft einer Stadt zu definieren, hat auch damit zu tun, dass Städte offener geworden sind, weil sie gleichzeitig in verschiedenen Betrachtungsräumen denken und handeln müssen. Das gilt auch für die Schweiz: Zur Identität von Basel gehört ebenso die traditionelle Fasnacht, die Entwicklung als Metropolitanraum, der Auftritt der Stadtregion und als Standort der globalen pharmazeutischen Industrie. Gewiss hatten viele Städte diese unterschiedlichen Rollen schon früher. Mit der Globalisierung und dem zunehmenden Wettbewerb um Märkte und um Aufmerksamkeit hat sich jedoch das Bewusststein für die Bedeutung und die Struktur dieser Rollen deutlich verstärkt.

…und damit die Konkurrenz untereinander. Geht es bei der Stadtplanung und beim Entwurf von Architektur deshalb weniger um Funktionen und mehr um die Darstellung von Marktvorteilen und Reputation?

Nein, aber die Konkurrenz ist immer der Motor für räumliche Veränderungen. Ohne Konkurrenz gibt es die Furcht nicht, zu spät zu sein. Sie sorgt deshalb für einen gewissen Druck, für Neugier, eine gewisse Beschleunigung im Denken und Handeln und dafür, dass neue Ideen die notwendige Anziehungskraft erhalten. Erst dann können unternehmerisch denkende Städte und Standorte produktiv werden. Und für uns und unsere Auftraggeber werden städtebauliche und architektonische Themen und Aufgaben ebenfalls zu Unternehmen. Unter dem Primat der Konkurrenz ist Stadtplanung gewissermassen als Stadtproduktion zu verstehen.

Rem Koolhaas Ende hatte Ende der 1990er Jahre die Aufgabe, der sich die Architektur mit der Dominanz der Weltökonomie stellen muss, als «manufacturing identities» bezeichnet und den Zeitgeist mit dem Claim Y€$ auf den Punkt gebracht. Heute befindet sich das globale Finanzsystem in der Krise. Steckt das Konzept der Identitätsproduktion durch global tätige Architekten ebenfalls in der Krise?

Ich bin mir nicht sicher, ob die Weltökonomie in der Krise steckt. Für mich persönlich ist der Prozess der wirtschaftlichen Globalisierung nicht zu Ende. Zudem bedaure ich, dass aktuelle Analysen und Vergleiche etwa mit der Krise in den 1920er Jahre oft Angstmacherei sind und nicht den Versuch unternehmen, über die Zukunft nachzudenken. Aus meiner Sicht droht Europa nicht zu implodieren, die europäische Krise führt nicht zu einer De-Globalisierung, Ich denke eher, dass die gegenwärtigen Veränderungen der Globalisierung noch mehr Aufwind verleihen. Wenn ich selbst erlebe, wie Banken z.B. in Südamerika aktuell mehr Land kaufen als zuvor, dass Regierungen in Afrika mehr investieren als noch vor kurzer Zeit, schliesse ich daraus, dass an neuen Orten, neue Chancen und Wege gesucht werden, um Siedlungsgebieten eine zukunftsfähige Identität zu geben. Rem Koolhaas’s urbanistisches Programm «manufacturing identities» ist deshalb aus meiner Sicht immer noch gültig – und es ist der falsche Zeitpunkt, um eine Wende herbeizureden.

Vor zehn Jahren standen für MVRDV die Themen «Mobilität», «Verdichtung» und «Vernetzung» von realen und virtuellen Welten im Vordergrund; futuristische Projekte wie die Einmillionenstadt «MIXMAX»; räumliche Visualisierungen von Mediengalaxien, Datensätzen und Diagrammen zur Zukunft der Stadt. Was hat sich an deiner Arbeit seither verändert?

Augenfällig ist, dass sich durch die ökologische Bewegung das Ausmass der Datenerhebung erweitert hat und uns in unserer eigenen Arbeit zusätzliche Daten zur Verfügung stehen. Heute können wir messen, welches die grünste Stadt Europas ist. Die grössere Nachfrage nach Daten vor allem in Europa ist ein Indiz dafür, dass die Konkurrenz unter dichten, wirtschaftlich prosperierenden Gebieten grösser geworden ist. Damit ist auch die Nachfrage nach einem möglichst sicheren Gefühl bei der Positionierung und dem Entscheid für oder gegen Zukunftsprojekte gestiegen. Monitoring in raumrelevanten Fragen ist in den letzten zehn Jahren zum Normalfall geworden. Zudem haben wir die Art und Weise, wie wir aus Daten räumlich relevante Kriterien ableiten können, in den letzten Jahren deutlich verbessert. So misst und vergleicht heute der ökologische Fussabdruck das, was wir bereits vor zehn Jahren als Architekten visualisiert haben.

Im direkten Umfeld unserer Arbeit ist zudem die nächste Generation von Architektinnen und Architekten herangewachsen. Sie ist weniger an den grossen Perspektiven, Visionen und Projekten wie «Meta City Datatown» interessiert. Irritiert durch die Macht der Medien, den Kult um weltweit tätige Stararchitekten konzentriert sich ein beträchtlicher Teil dieser Generation reaktionär auf lokale Aufgaben und hat dazu eine klare Botschaft: „Lass uns auf dem Boden der Realität arbeiten“. Aus meiner Sicht ist es deshalb eine aktuelle Aufgabe im Städtebau und in der Architektur, gleichzeitig mit gegenläufigen Tendenzen argumentieren zu können.

Würden die Zukunftsszenarien zur Schweiz, die MVRDV 2003 an die Publikation «Stadtland Schweiz» (Avenir Suisse, 2003) beigetragen hat, deshalb heute anders ausfallen?

Das ist eine gute Frage, weil ich die Arbeit in meinen Präsentationen immer noch als gutes Beispiel für den urbanistischen Umgang mit Daten zeige. Interessant ist, zu sehen, welche Reaktionen unsere Provokationen von damals in der Diskussion zur Zukunft der Schweiz ausgelöst haben. Eine davon ist in der Arbeit ablesbar, die das Studio Basel um Jacques Herzog, Pierre de Meuron und Marcel Meili seither geleistet hat. Unsere Zukunftsszenarien haben bestimmt mitgeholfen, räumlich auf eine neue Art und Weise über die Schweiz zu debattieren. Aus heutiger Sicht könnte ich mir für die Schweiz zusätzliche zu den bereits 2003 formulierten Thesen denken und entsprechende Projekte präziser visualisieren.


«Kommunikation ist der einzige Weg, um Städtebau und Architektur zu betreiben» ist ein Satz von dir. Im Zusammenhang mit der Identitätsdiskussion im Städtebau und in der Architektur kennen wir weitere Schlüsselbegriffe. Was fällt dir zu «Branding» als Kommunikationsprozess ein?

Branding ist zunächst ein gefährliches Wort, das bei vielen Berufskolleginnen und -kollegen negative Gefühle auslöst. Ich verbinde damit zuerst Werbeleute in schwarzen Anzügen und schlimmen Hemden, die grosse Worte ohne Inhalt machen. Im Städtebau wird Branding deshalb dann gefährlich, wenn Architekten ihre Konzepte mit einem einzigen Schlagwort zu erklären versuchen. Branding erhält sogar demagogische Züge, wenn damit Inhalte verkürzt oder unterdrückt, polarisiert und letztlich popularisiert werden. Branding als Kommunikationsprozess kann dann Realitäten verhüllen und wesentlichen Inhalten im Städtebau und in der Architektur widersprechen. Branding ist als Technik aus meiner Sicht ein Gewinn, wenn sie eingesetzt wird, um gemeinsame Standpunkte zu klären, zu vermitteln und räumlich umzusetzen. Dies gilt vor allem für die Erneuerung von öffentlichen Räumen in einer Zeit, in der wir als mobile Menschen unsere eigene Realität immer stärker und gleichzeitig individuell und räumlich zersplittert erleben.

Branding ist als baukultureller, sozialer und ökonomischer Identitätsbildungsprozess sehr sinnvoll, wenn gemeinschaftliche Zwecke fachlich wie emotional zugänglich gemacht und realisiert werden können. Im Städtebau und in der Architektur kann ein professionelles Branding daran gemessen werden, ob und in welchem Ausmass Planungen und Projekte eine höhere Qualität erhalten, d.h. für einen Ort authentisch sind und bessere Chancen für die Umsetzung erhalten.

Weil die Werbung mit austauschbaren Bildern arbeitet, haben Architekten in Brandingprozessen eine wichtige Aufgabe. Nur der Städtebau und die Architektur können räumlich zeigen, wie eine Stadt aussieht oder aussehen könnte, wenn man einer Hypothese, einer Botschaft bzw. einem Branding folgt.

Authentizität ist ein weiteres Zauberwort in der Identitätsdiskussion. Wie authentisch, d.h. auf ein Unternehmensziel, auf gemeinschaftliche Ziele oder auf sich selbst bezogen kann Städtebau und Architektur überhaupt sein, ohne autistisch, d.h. kommunikativ in sich selbst eingeschlossen zu werden?

Ich verstehe gut, dass von Projekten, die den Menschen Orientierung und Sicherheit in einer prinzipiell chaotischen Welt geben sollen, gefordert wird, dass die städtebaulichen und architektonischen Inhalte stimmig auf einen Ort, einen Zeitpunkt bzw. auf die Interessen und Wünsche von Zielgruppen abgestimmt sind, sprich: authentisch sind. Gleichzeitig ist Authentizität ein schwieriger Anspruch, weil sich die Wahrnehmung von Echtheit und Glaubwürdigkeit schnell und kontinuierlich verändert. Authentizität kann ich deshalb weniger als Qualitätsmerkmal eines Produkts oder eines Projekts beschreiben, sondern eher als Fähigkeit und Funktion von Personen oder Gruppen, sich mit der nötigen Geschwindigkeit auf Veränderungen in der eigenen Umwelt einzulassen. Ein authentisches Projekt oder Produkt bietet in diesem Sinn eine Art Hilfestellung für Menschen an, Veränderung in einer Mischung von Widerstand und dem absoluten Gefühl, Teil des Neuen zu sein, erleben zu können.

«Freitag» ist für mich z.B. eine sehr authentische Marke. Sie hat ein eigentliche «Freitag-Generation» geprägt, an die wir bei unserer Planung auf dem Basler Dreispitz-Areal gedacht haben. In Seoul wurden wir beauftragt, das Erscheinungsbild unseres Hochhausprojekts an die künftige Generation anpassen, d.h. authentischer zu gestalten. Grund? Unser Kunde hatte Bedenken, dass der architektonische «Wolkenbügel» die Bedeutung des Ortes derart steigern könnte, dass die Preise für die Freitag-Generation zu hoch ausfallen würden und deshalb zu viele zwar vermögende, jedoch ältere Leute einziehen.

Autistisch, d.h. in der Kommunikation mit der Umwelt gestört, sind Eingriffe in die Stadt dann, wenn Konzepte und Bauten mehr und lauter über den Entwerfenden sprechen als über die Stadt, ihre Zukunft, ihr Programm und die vielfältigen Wünsche der Bewohnerinnen und Bewohner.

Das Hochhaus als «Wolkenbügel» ist ein starkes Bild. Bei MVRDV tragen andere Projekte Namen wie «pig city», «mountain book» oder «city sofa». Welche Rolle spielen sprachliche und räumliche Bilder in der Produktion von Stadtidentität?

Eine zentrale Rolle. Als Architekt interessiert mich die Herausforderung, mehr als das nutzungsneutrale, architektonisch und städtebaulich integrierte Gebäude zu machen. MVRDV entwirft und produziert städtebauliche Konzepte und Gebäude, die innovative Bilder für die Neuinterpretation einer Stadt anbieten. Unsere Architektur kann dadurch ikonisch für das Neue, vielleicht für das Zauberhafte oder sogar für ein Weltwunder stehen. Uns ist es recht, wenn Bilder dazu verwendet werden. Selbstverständlich kenne ich die Bedenken, dass mittels Architektur stilisierte Zukunftsbilder eine zeitlich und inhaltlich beschränkte Wirkung und Legitimation besitzen. Uns beschäftigt die Frage sehr, mit welcher Botschaft, mit welcher Architektur wir es schaffen, unmittelbar und nachhaltig Wirkung zu erreichen. In diesem Spannungsfeld verfügt die Architektur über ein fantastisches und zeitgemässes Thema. Unser Ziel sind Bauten und Projekte, die beispielhaft einen Beitrag an die kritische Diskussion um Urbanität und Architektur ermöglichen. Dazu wünsche ich mir als Gegenüber wieder die entsprechenden Architekturkritiker in der NZZ oder in der New York Times. Ich meine, dass der Spagat zwischen dem inhaltlich zugespitzten Temporären und dem langfristig Gesicherten und Nutzungsneutralen einer Stadt oder einer Architektur ein grundlegendes Thema unserer Zeit darstellt, das mehr Öffentlichkeit verdient.

Stadtidentitäten gibt es so viele wie Stadtwahrnehmungen und Menschen. Entsprechende Konzepte sind jedoch oft für eine gewisse Zielgruppe und temporär gültig. Welchen Stellenwert hat die temporäre Stadt für die Diskussion über Identität?

Die temporäre Stadt ist heute eigentlich kein Thema. Es wird viel und intensiv über zeitgenössische Architektur, über den urbanistischen Zeitgeist und darüber, wie die Zukunft der Stadt aussehen soll, geredet. Während Bauten vielerorts für die Ewigkeit gebaut werden, können wir im Städtebau ebenso wie in der Wirtschaft nicht über die nächsten 100 Jahre reden, sondern im besten Fall über die nächsten 20 bis 30 Jahre. Das Spielfeld in unserer Arbeit ist deshalb durch die Kombination von Zeitgeist und naher Zukunft definiert. Städtebau und Architektur schlagen die Brücke zwischen heute und morgen. Aktuell ist die entsprechende Nachfrage nach der Restrukturierung bestehender Siedlungsgebiete in Europa enorm. Vielleicht erleben wir in den kommenden Jahren deshalb den letzten Versuch, das erfolgreiche europäische Modell der Kleinstadt mit 500’000 bis zu einer Million Menschen weltweit zu verwirklichen.


Kommen wir zu einzelnen Beispielen aus der Praxis. Welche würdest du in einer Vorlesung zum Thema «Identität im Städtebau und in der Architektur» erwähnen?

Ich würde niemals eine Vorlesung zu diesem Thema halten. Aber ich kann Beispiele aus unserer Praxis nennen, die von Stadtidentität handeln. Momentan bereiten wir im Auftrag der EU einen städtebaulichen Projekt- und Kriterienkatalog vor, der darüber Auskunft geben soll, wie sich das künftige Europa im Vergleich zu China, Asien oder Amerika profilieren kann. Themen wie Kleinmassstäblichkeit, Durchmischung, Vielfalt, Verdichtung und Identität werden darin eine Rolle spielen. Vielleicht werden wir vorschlagen, Strassen wieder sechs, statt 40 Meter breit zu bauen. Zudem werden wir das Konzept der «Spiegelstadt» thematisieren; Kriterien und städtebauliche Ansätze für spezielle Orte in Europa, die im Gegensatz zum erwähnten Modell der Kleinstadt stehen: uneuropäisch fremd in der Gestalt, grossmassstäblich und besonders liberal in der Gesetzgebung. Es gehört zur Methode unserer Arbeit, Stadtidentität in Gegensätzen zu denken und zu realisieren – auch wenn es um die räumliche Zukunft von Europa geht.

Ein holländisches Beispiel, das du gut kennst, ist die Retortenstadt Almere ausserhalb von Amsterdam. Sie hat sich vor Jahren mit grossem Aufwand als Pionierstadt positioniert.

Almere ist in den 1960er und 1970er Jahren für die ärmere Bevölkerung Amsterdams gebaut worden. Die Freitag-Generation, die nach Berlin zieht, trifft man dort nicht an: Die Stadt ist langweilig, sozialräumlich problematisch, die Preise sind tief. Das Wesen von Almere ist das Pioniergefühl. Das über Jahre aufgebaute Label «Pionierstadt» ist zugleich die einzige Zukunftschance geblieben. Hinsichtlich der vorhandenen städtebaulichen Vielfalt und der Standortqualität ist Almere für mich nicht interessant. Trotzdem veranschaulicht die Stadt gut, was Stadtidentität bedeuten kann. Zudem ist der Ort ein gutes Beispiel für die Zusammenarbeit von Soziologen, Politikern und Investoren, wenn es die dort noch gibt. Wie lange Almere das über Jahre aufgebaute Image der Pionierstadt noch weitertragen kann, ist eine interessante Frage. Wir haben dort Projekte vorgeschlagen, die das Pioniergefühl und die Freiheit der Einwohner/innen weiterentwickeln. Im Sinn eines organischen Städtebaus sollen die Menschen in Almere künftig nicht nur ihre Wohnungen selbst einrichten und gestalten können, sondern auch ihre Strassen und Wege in der Stadt, ihre Wasserlandschaft und vielleicht sogar ihre eigene Energieversorgung.

Welche Städte beschäftigen dich gegenwärtig am meisten?

Die Stadt Bordeaux. Hintergrund ist das politische Ziel der Stadt, sich gegenüber der Hauptstadt, nur zwei Bahnstunden von Paris entfernt, als Wohnstadt neu zu positionieren. Das Ziel unserer Arbeit ist ein Prototyp für eine zeitgemässe, konkurrenzfähige, südeuropäische Wohnstadt für den Mittelstand. In Oslo zeigen wir auf, welche städtebaulichen Antworten aktuelle Formen der sozioökonomischen Reurbanisierung erfordern. Oslo wird in den nächsten zwanzig Jahren zur reichsten Stadt Europas. Ein gutes Beispiel für eine Stadt, welche die Freitag-Generation durch gezielte Erneuerungen erreicht hat, ist Kopenhagen.

In der Schweiz finde ich Basel interessant, eine Stadt mit grosser Ausstrahlung, die ähnlich wie Rotterdam und Amsterdam, die Polarität zu Zürich braucht, um sich mit eigenen Standpunkten zu profilieren. Basel zeigt, dass sie als Stadt urbanistisch offener und experimenteller sein will als die Konkurrenz in Zürich. Ich weiss nicht so recht, was ich über Lausanne und Genf denken soll. Wichtig ist zu verstehen, dass wir als mobile und neugierige Einwohnerinnen und Einwohner von Europa – ich als Rotterdamer – heute für unsere Bedürfnisse grössere Gebiete als nur eine einzige Stadt brauche, um das Gefühl zu haben, ein Teil der Welt zu sein. Seinen eigenen Grossraum zu spüren, heisst, für ein Freizeiterlebnis nicht nach Nevada abreisen zu müssen. Ich bin überzeugt, dass eine Mehrzahl der Leute in Europa solche Gefühle und Bedürfnisse hat. Wir leisten unseren Beitrag, in dem wir diese einmalige Situation an einzelnen Orten in Europa räumlich definieren. Aus dieser Perspektive erhalten auch lokale Entwicklungen und Projekte in kleinen Städten, in der Bourgonne, im Engadin oder in der UNESCO Biosphäre Entlebuch eine andere Bedeutung und neue Chancen, wenn es darum geht, ihre eigene Identität in die Zukunft zu denken.


Kommen wir zurück zu Winy Maas. Bist du nun mehr Stadtentwickler oder mehr Architekt?

Das habe ich mir heute im Flugzeug überlegt. Ich liebe das Bauen, besonders Projekte wie das «unglückliche Haus», das wir für den in London lebenden Philosophen Alain de Botton gebaut haben. Das Haus schwebt und stellt die Frage, was wichtiger ist, das Wohnen, oder ein Haus, dass den kleinsten ökologischen Abdruck aufweist und den Hasen und Frösche nicht im Weg steht. Mir gefällt auch die landschaftliche Idee, die darin eingeschlossen ist. Städtebau und Architektur: Das eine geht nicht ohne das andere. Besonders wichtig ist mir, dass über Städtebau nicht nur geredet, sondern dass er gezeigt wird. Wir bei MVRDV bauen, worüber wir reden.

Gilt das auch für den holländischen Wohnwagen, als den du gerade in der Schweiz unterwegs bist?

Natürlich nicht. Ich habe in der Schweiz bereits ein eigenes Haus. Der Wohnwagen, den ich als Bild für meine aktuelle Identität eingangs genannt habe, sieht sowieso eher wie ein Sessel in der Businessklasse eines Flugzeugs aus. Und gerade jetzt ist der Tisch, an dem wir sitzen, so etwas wie ein Zuhause. Für mich liegt das Einmalige unseres Zeitalters darin, das wir überall und jederzeit die Freiheit haben, uns ein eigenes Zuhause einzurichten.

Heisst das, dass MVRDV in absehbarer Zeit in der Schweiz bauen wird?

Nein, obwohl wir in Basel und Zürich Wettbewerbe gewonnen haben und ich zeitweise in der Schweiz wohne. In Basel arbeiten wir an einer länderübergreifenden Planung weiter. Enttäuscht bin ich, dass es in Zürich Leutschenbach mit dem Projekt für die SRG nicht weitergegangen ist. Ich vermute, ein Grund, wieso wir in der Schweiz bisher nicht gebaut haben, ist der, dass die Schweiz sich gleichzeitig politisch offen zeigt, jedoch im Städtebau und in der Architektur aus europäischer Sicht letztlich doch zuerst introvertiert denkt und handelt.

Stadtidentitaet der Zukunft, Beispielseiten

Höhenweg auf Pilatus Kulm

Niklaus Graber & Christoph Steiger haben auf Pilatus Kulm die neue Panoramagalerie gebaut. In einem Gespräch erzählen die Architekten von den Hintergründen der Architektur, der eigenen Arbeitsweise als Autoren und dem kritischen Blick auf die Stadt Luzern. Das Interview mit dem Büro für Stadtfragen ist begleitend zu einer Fotoreportage im Kulturmagazin „041“, Ausgabe November 2011, erschienen.

Bilder: Dominique Marc Wehrli.Die Alten, die den Pilatus fürchteten, wurden mit ihm fertig, indem sie Gipfel und Klüfte mit den Gestalten der Sage bevölkerten (…). Wir Moderne, (…), die wilde Berge lieben, werden mit ihm fertig, indem wir ihn besteigen, entweder zu Fuss oder mit der Kletterbahn.“ J. C. Heer, in: Führer für Luzern, 1911

Thomas Stadelmann: Die „Alten“ fürchteten den Pilatus, wir modernen Touristen und Freizeitlerinnen und Freizeitler lieben den Berg. Wie werdet ihr mit dem Pilatus fertig?

G & S: Wir erklimmen den Pilatus am liebsten von Alpnachstad aus mit der Zahnradbahn  nahe den Felsen entlang. Für uns ist es eher eine romantische Vorstellung, dass hier oben noch Natur im ursprünglichen Sinn stattfindet. Deshalb müssen wir den Pilatus nicht unbedingt zu Fuss hochsteigen. Die Bahn ist eine technische Errungenschaft, dank der wir die Besteigung auf eine zeitgemässe und faszinierende Art und Weise geniessen können. Seien wir doch ehrlich: Das Bergerlebnis auf dem Pilatus ist durch die Technisierung der Alpen sogar noch gesteigert worden.

Die Panoramagalerie auf Pilatus Kulm sitzt auf einem zweiseitig exponierten Berggrat, d. h. auf den Mauern eines Festungsgebäudes der Schweizer Armee und zwischen zwei bestehenden Hotelbauten. Das klingt nach einer architektonischen Gratwanderung – wie seid ihr damit fertig geworden?

Zuerst einmal haben wir die zweiseitige Situation vor Ort tatsächlich im physischen und im übertragenen Sinn als Gratwanderung wahrgenommen. Das Armeegebäude haben wir von Anfang an als Sockel für den geplanten Neubau angesehen und als Gebäude eher ausgeblendet. Es ging uns deshalb nie um ein Um- oder Weiterbauen des bestehenden Gebäudes. Auf diese Weise entstand der zweiseitig auskragende Neubau der Panoramagalerie direkt über dem Armeegebäude, das wir so behandelt haben, als wäre es Fels.

Und der Anschluss an die bestehenden Hotels Pilatus-Kulm und Bellevue?

Wie immer bei unseren Entwürfen haben wir uns zuerst ein Grundthema vorgegeben. Auf dem Pilatus ging es uns um die räumliche Kontinuität zwischen den bestehenden Bauten, unserem Neubau, dem touristischen Ort und der alpinen Bergwelt. Mit der Halle, den Foyers, der Terrasse, den Treppen und Rampen bietet die Panoramagalerie verschiedene Bewegungs- und Aufenthaltsräume, die nicht Widerstände und Barrieren zum Bestehenden schaffen, sondern unterschiedliche neue Orte und Verbindungen. Zum historischen Hotel Pilatus-Kulm sind wir möglichst auf Distanz gegangen. Dadurch hatten wir genügend Platz für die offene Treppenanlage. Sie ist gleichzeitig Bühnenraum und Arena für die Gäste und führt hinauf zur Panoramaterrasse. Beim Hotel Bellevue und den Bahnstationen stand der präzise bauliche Anschluss im Vordergrund. Dazu mussten wir zwei Gebäudeebenen auf engem Raum überwinden und miteinander verbinden. Interessant war, dass beim Bellevue das Thema Auskragung bereits bestand.

Für die Sanierung bzw. Erneuerung der beiden Hotels waren andere Architekten zuständig. Ist das Ensemble auf Pilatus Kulm aus eurer Sicht trotzdem gelungen?

Es gab zu Beginn eine klare Aufgabenstellung für die Sanierung bzw. Erneuerung der beiden Hotels und für den Neubau. Das Konzept mit zwei Häusern und einer Verbindungsgalerie wurde auch so umgesetzt und ist leicht ablesbar. Innenräumlich kann man darüber diskutieren, wie gut es gelungen ist, die verschiedenen Nutzungen und Ziele des Bahnbetriebs, der Gastronomie und der Hotellerie gestalterisch aufeinander abzustimmen. Unsere Aufgabe bestand lediglich darin, einen eigenständigen Neubau zu erstellen. Rückblickend haben wir jedoch schon den Eindruck, dass einzelne Schnittstellen nicht ganz logisch festgesetzt wurden. Ein Beispiel dafür ist die zusätzlich gebaute Innentreppe, die von der Panoramagalerie aus hinauf zum Restaurant des Hotels Bellevue führt. Wir haben vorgeschlagen, den Anschluss zur Panoramagalerie über den bestehenden Treppenkern zu lösen. Durch den Bau der neuen Innentreppe hat der Anschluss nun leider an Grosszügigkeit verloren und ist nicht nahtlos geglückt. Dennoch: Das Ensemble mit dem Hotel Pilatus-Kulm aus der Zeit der Jahrhundertwende, dem Hotel Bellevue aus den 1960er-Jahren und unserem Neubau besteht aus zeitlich und inhaltlich erkennbaren Architekturen, die sinnfällig zusammenfinden und funktionieren.

Die Architektur der Panoramagalerie sieht so aus, als wolle sie der schroffen Bergwelt am Pilatus gleichzeitig trotzen und mit ihr verschmelzen. Ihr nennt das Prinzip „form follows mountain“. Könnt ihr das näher erklären?

Die karstige Bergwelt am Pilatus hat uns tatsächlich auf den ersten Blick fasziniert. Wie der Fels vor- und zurückspringt und erodiert ist besonders ausdrucksstark. So hat uns das Pilatusmassiv Mons fractus – „der gebrochene Berg“, wie er im Mittelalter genannt wurde – dazu angeregt, entsprechende Analogien in der Form, in der Materialisierung nahe am Kalkgestein und in der Gestaltqualität der Architektur zu finden. Uns gefällt besonders gut, wie sich die Panoramagalerie an einem Ort um eine Felsnase herumbewegt und an einem anderen Ort über die Felsen hinausragt. Wir glauben, dass es uns gelungen ist, mit dem Gebäude architektonisch zum Ausdruck zu bringen, was wir als Themen an diesem speziellen Ort vorgefunden und interpretiert haben, eben im Sinn von: form follows mountain.

Die Panoramagalerie leistet dadurch mehr als die ursprüngliche Aufgabe lautete, nämlich für die Touristen eine Verbindungsgalerie zwischen den Bahnen und Hotels zu bauen. Wann wurde aus der Verbindungsgalerie eine Panoramagalerie?

Diese Bezeichnung hat sich unseres Wissens erst spät in der Projektphase ergeben. Zunächst ist zu erwähnen, dass bereits ein Bauprojekt für ein Verbindungsbauwerk bestand. Im Masterplan von Steiner Sarnen, der schliesslich zu einem Studienauftrag führte, war bereits angedacht, dass eine Verbindungsgalerie an dieser exponierten Stelle auf Pilatus Kulm den Gästen unbedingt auch das beidseitige Panorama freigeben muss. Das Hauptthema „Aussicht“ war somit vorgegeben. Mit unserem Wettbewerbsbeitrag von 2008 haben wir dann offensichtlich am überzeugendsten aufgezeigt, wie diese Aufgabe architektonisch überhöht und standortgerecht gelöst werden kann. Schliesslich haben Marketingüberlegungen dazu geführt, dass sich der Begriff der Panoramagalerie offiziell durchgesetzt hat.

Welche Atmosphäre erwartet die jährlich 350’000 Gäste, wenn sie nach der Bahnfahrt in der Panoramagalerie ankommen? Was sehen sie genau? Was tun sie?

Das ist für uns nicht leicht zu beantworten, weil wir keine Touristen sind. Dennoch: Wir haben das Verhalten der Gäste nach Fertigstellung des Neubaus beobachtet – es ist abhängig vom Wetter, vom Besuchszeitpunkt, von der jeweiligen Stimmung am Berg. Besonders aufgefallen ist uns, wie direkt die Gäste schon in der Ankunftshalle der Bahn von den Panoramafenstern bzw. der Aussicht angezogen werden: Man sieht nur überraschte Gesichter. Wer vom Flachland mit der Seilbahn oder von Alpnachstad mit der Bahn auf den Pilatus kommt, für den oder die ist der offene Blick auf die jeweils andere Seite neu und überraschend offen. Dieser erste Augenblick bewirkt jenen visuellen und emotionalen Effekt, der dem Panorama als Wahrnehmungsmaschine historisch zugrunde liegt: Man sieht auf einmal alles. Gesteigert wir die Überraschung durch die Tatsache, dass die Menschen den Blick in die Berggipfel und ins Flachland in diesem Moment in einem geschützten Innenraum erleben, in einer Art Dia-Projektion, real – und irgendwie doch nicht ganz.

Worum geht es euch bei der Raumwahrnehmung an diesem speziellen Ort? Wie soll die Architektur der Panoramagalerie wirken?

Die zentrale Idee in unserem Entwurf ist die Inszenierung des Panoramaerlebnisses. Umgesetzt haben wir sie durch die Art und Weise, wie und an welcher Stelle das Gebäude auskragt und den Blick durch unterschiedlich hohe Fensteröffnungen und Brüstungen freigibt. Die Fenster haben dadurch eine szenografische Funktion bekommen. So sind sie in der Halle dort am grössten, wo die Auskragung am grössten ist. Es entstehen dadurch sowohl geborgene wie auch sehr exponierte Aufenthaltsorte. Die Bewegung in der Architektur macht dadurch jeden Ort, an dem man steht, speziell, was für uns ein wichtiges Ziel war. Die Besuchenden werden dazu angeregt, sich in der Halle oder auf der Terrasse wie auf einem Höhenweg zu bewegen und dabei den eigenen besten Standpunkt zu finden. Mit der sichtbaren, zickzackförmigen Dachtragstruktur und den unterschiedlich weit aufgespreizten V-förmigen Stützen haben wir die Idee der Bewegung in der Längs- und in der Querrichtung der Halle auch konstruktiv umgesetzt.

Ist es demnach richtig, die Panoramagalerie als künstliche, mit architektonischen Mitteln stilisierte Bergwelt zu bezeichnen?

Ja, wenn wir damit versuchen, das Gebäude als Erlebnisraum zu beschreiben, der, wie schon gesagt, einem alpinen Höhenweg gleicht. Falsch in unserem Sinn wäre, den Neubau als gebauten künstlichen Fels zu bezeichnen, nur weil er formal im Grundriss und Schnitt und mit der strukturierten Betonfassade die felsige Umgebung spiegelt. Die Panoramagalerie ist kein gebauter Berg. In unseren Augen haben wir mit dem Neubau eine architektonische Verwandtschaft zur Bergwelt erreicht, nicht eine bildhafte Umsetzung eines Felsens – was im Umfeld der globalen Tourismusindustrie auf dem Pilatus ja auch eine Möglichkeit gewesen wäre. Allerdings nicht für uns, weil wir in unserer Arbeit ohne postmoderne Zeichenhaftigkeit auskommen. Uns hat die Aufgabe geleitet, das inhaltliche Gefüge, die Beschaffenheit und Wahrnehmung der alpinen Bergwelt an diesem Ort räumlich abzubilden.

Also passt das Bild des gebauten Höhenwegs ganz gut zur Panoramagalerie?

Ja. Das Raumerlebnis in der Panoramagalerie, mit verschiedenen Anschlüssen an die Hotels, die Bahnen und an die umliegende Bergwelt, kann mit den Erfahrungen auf einem Höhenweg recht passend umschrieben werden. Als Erklärung für die Analogie hilft zudem der Vergleich mit der Situation vor dem Neubau: Wir haben auf Pilatus Kulm eine sehr unaufgeräumte Situation vorgefunden. Heute, nach der Fertigstellung des Neubaus, trifft die gleiche Menge Gäste auf dem Pilatus ein, allerdings sind die Menschen nun besser verteilt. Die Atmosphäre ist nicht mehr die einer Bahnhofshalle, die Bewegungen und Anschlüsse auf den unterschiedlichen Niveaus sind weniger hektisch, kontinuierlicher und dadurch kontrollierter. Wer zu Fuss oder mit der Bahn den Pilatusgrat erreicht, sich dort kurz oder als Hotelgast aufhält, kann die atemberaubende Aussicht – die Natur auf einen Blick individueller und von mehreren, ganz unterschiedlichen Standpunkten aus sicher geniessen und nebenbei auch noch ein Souvenir kaufen. So gesehen ist der architektonische Höhenweg, den die Panoramagalerie nachbildet, gleichzeitig ein zeitgemässer Ort für den Konsum unserer touristisch wertvollen Alpenwelt. Mit unserer Arbeit haben wir ebenso präzis versucht, die übergeordneten Marketing- und Verkaufsziele des Bauherrn 1:1 einzulösen, unmittelbar und ohne Klischees. Wir meinen, dass sich die Situation für die 350’000 Gäste, die pro Jahr auf den Pilatus kommen, dadurch magischer und entspannter präsentiert. Der Mehrwert, den unsere Architektur schafft, liegt darin, dass die Panoramagalerie gleichzeitig als Infrastruktur, als Verkaufsraum, als Wahrnehmungsmaschine und als individueller Ort für die kurzzeitige Erholung im Liegestuhl funktioniert.

Könnt ihr aus der Erfahrung auf dem Pilatus spezielle Vorgaben für Tourismusbauten, für eine Tourismusarchitektur nach dem Motto „Architektur macht gute und zufriedene Gäste“ ableiten?

Nein, nicht direkt. Die Panoramagalerie ist primär ein hochgradig öffentlicher Ort für Einheimische und Gäste aus aller Welt, der als Standort funktionieren muss. Die touristische Nutzung stand bei unseren Überlegungen nicht alleine im Vordergrund. Obwohl wir mit den Pilatus Bahnen einig waren, dass es sich beim Neubau nicht um eine austauschbare Tourismusarchitektur handeln darf, musste die Diskussion aber trotzdem immer wieder geführt werden: Wie viel Swissness mit Innendekoration, Fahnen und Alphorn ist notwendig und zulässig? Offensichtlich ist es uns nicht schlecht gelungen, der Klischee-Falle traditioneller, austauschbarer Tourismusarchitektur zu entkommen und dafür das Erlebnis der Destination ins Zentrum zu rücken. Argumentiert haben wir u. a. damit, dass der Pilatus urbanistisch als ein sehr attraktiver Ort und sogar als Teil der Stadt Luzern betrachtet werden kann – und deshalb nicht Disneyland ist. Im Planungsprozess haben wir entsprechende Nutzungen und regionale Bedürfnisse sogar angesprochen. Wieso sollten auf dem Pilatus künftig nicht auch Sonntags-Talks, Essen oder regionale Ausstellungen stattfinden?

Wo und in welche Themen wurden beim Bau der Pilatusgalerie am meisten Ideen, Zeit und Geld investiert? Worin liegt die Innovation?

Die grösste Herausforderung bestand darin, die Idee einer möglichst grossen und offenen Halle mit Auskragungen und einer Lastabtragung am Rand in eine statische Konstruktion mit Spannweiten bis zu 18 Metern zu übersetzen – und das bei einer angenommenen Schneelast auf der Panoramaterrasse von bis zu neun Metern. Um dies möglich zu machen, mussten die Bauherrschaft, die Planer und wir Architekten die Ressourcen vor allem in den architektonischen Raum und weniger in die Veredelung von Oberflächen investieren. Technisch innovativ ist sicher die Kombination von Hohlträgern aus Stahl mit eingegossenem, vorgespanntem Beton bei den einzelnen Deckenträgern und Stützen. Natürlich musste die Lösung trotzdem möglichst kostengünstig sein.

Sprechen wir über euren Erfolg als Architekten. Wer als Einheimischer auf dem Luzerner Hausberg für Gäste aus der ganzen Welt bauen darf, hat es geschafft. Wie definiert ihr für euch selbst Erfolg?

Unseren Erfolg messen wir an der Qualität unserer eigenen Arbeit. Wir wollen nach den oft mühsamen und intensiven Schritten vom Entwurf bis zum fertigen Bau selbst mit unseren Bauten zufrieden sein, unsere Begeisterung für die Architektur auch in den eigenen Bauten erleben können. Wenn wir sagen können, „es gefällt uns“, dann sind wir zufrieden. Das heisst auch, dass es an uns als Raumspezialisten liegt, zu bestimmen, was bei einer bestimmten Aufgabe gute Architektur ist. Gute Architektur entsteht bei uns dann, wenn uns eine Aufgabe vom Gedachten interessiert, wenn uns die entwerferische Umsetzung der Idee in Konstruktion und Materialisierung möglichst präzis gelingt und die räumliche Wahrnehmung den eigenen Vorstellungen entspricht. Zudem muss gute Architektur im Betrieb funktionieren. Natürlich freut es uns, wenn unsere Bauten durch eine breite, positive Resonanz eine gewisse Allgemeingültigkeit erhalten oder wenn wir erfahren, dass die Menschen unsere Architektur nach kurzer Zeit in Besitz nehmen oder schön finden. Es ist wie bei einem guten Koch: Wenn das Essen den Gästen schmeckt, hat er seine Arbeit gut gemacht und ist hoffentlich auch mit sich selbst zufrieden.

Das klingt nach viel Selbstvertrauen und erinnert an Aussagen zeitgenössischer Architekten, die sich Autoren nennen, um sich vom Berufsbild des Architekten als Dienstleister des Bauherrn abzugrenzen. Sind Niklaus Graber & Christoph Steiger Architekten auch solche Autorenarchitekten?

Wir sind der Meinung, dass hinter jedem Bau ein Autor steckt. Die Frage ist nur, ob überhaupt und wie die Autorschaft ablesbar ist. Weil wir daran interessiert sind und es wagen, unsere subjektive Wertung, eigene Ideen in die Umsetzung einer Aufgabe einzubringen und sie im Bauwerk lesbar zu machen, kann man uns auch als Autoren bezeichnen. Wichtig ist uns dabei nicht, wer als Person hinter einem Werk steht, dass wir als Personen im Bau sichtbar sind, sondern dass überhaupt jemand, eine persönliche Position, eine subjektive und tragfähige Idee im fertigen Bauwerk spürbar und erlebbar ist. Unsere Autorschaft ist also nicht eine Frage des erkennbaren Stils, sondern immer ein persönlicher Ausdruck einer gestalterischen Absicht im Umgang mit verschiedenen Aufgaben und Orten. Deshalb suchen wir nicht unbedingt nach jenen Aufgaben, die ein Generalunternehmer lösen kann.

Welcher Traumauftrag oder Wunschbauherr fehlt euch bisher?

Die Art der Aufgabe ist für uns weniger entscheidend. Es gibt in vielen Bereichen der Architektur herausfordernde Aufgaben. Wichtig sind uns die inhaltliche Herausforderung im Entwurf und eine vertrauensvolle Beziehung zu Bauherren, die unsere Arbeitsweise und Ziele möglichst unterstützen. Wir träumen eher davon, dass wir unabhängiger und freier von Normen und Vorgaben arbeiten können. Nur so wird es uns und anderen Berufskolleginnen und -kollegen in Zukunft weiterhin möglich sein, auf spezielle Aufgaben die architektonisch stimmige Antwort zu finden.

Eine heilpädagogische Schule in Altdorf, ein Einfamilienhaus am See, ein Fabrikgebäude auf dem Land: Was ist das Verbindende in den verschiedenen Bauten von Niklaus Graber und Christoph Steiger?

Unser grosses Interesse gilt dem Thema der Öffentlichkeit in der Architektur. Es liegt in der Natur der Sache, dass öffentliche bzw. grössere private Bauten mehr Möglichkeiten und Herausforderungen bieten, um das Thema Öffentlichkeit zu bearbeiten. Trotzdem haben wir uns dazu auch schon bei Einfamilienhäusern Gedanken gemacht, etwa bei unserem ersten Haus Stucki in Meggen, das mit seiner Nachbarschaft kommuniziert und dadurch eine gewisse Öffentlichkeit herstellt. Jedes Einfamilienhaus hat bestimmte Anteile an der Öffentlichkeit. Unsere Arbeiten verbindet zudem das Interesse an Vorbildern wie etwa den alten Meistern Louis Kahn und Ludwig Mies van der Rohe. Von ihm stammt übrigens die Aussage „Mit den Füssen auf dem Boden, mit dem Kopf in den Wolken“, die wir als Titel für unseren Wettbewerbsbeitrag zum Pilatus verwendet haben.

Das eigentliche Metier der Architektur haben wir im Studium an der ETH Zürich und bei Hans Kollhoff in Berlin gelernt, vor allem den analytisch scharfen Blick auf die Stadt und den Umgang mit der Frage des architektonischen Erbes und der städtebaulichen Kontinuität. Die Freude an der architektonischen Welt der Wunder, die Lust am Erforschen von neuen Aufgaben und Lösungen haben uns Jacques Herzog und Pierre de Meuron beigebracht. In ihrem Studio in Basel haben wir die Begeisterung dafür mitgenommen, dass Architektur nicht einfach eine Dienstleistung am Bauherrn ist, sondern dass sie sich als eigene Welt selbst erklären muss.

Wie arbeitet ihr als Team zusammen, oder anders gefragt: Seid ihr euch immer einig?

Wir haben in unserem Büro eine pragmatische Aufgabenteilung: Die Aufgaben werden halbiert. Dabei ergänzen wir uns deshalb sehr gut, weil wir beide eine eigene Vehemenz mitbringen, mit der wir die Aufgaben vom Entwurf bis zur Umsetzung immer wieder befragen und so lange bearbeiten, bis die Lösung für uns beide stimmt. Intern verhandeln und reden wir deshalb viel über die Stimmigkeit und Sinnfälligkeit von Ideen, Lösungen und Entwurfsvarianten. Dass wir bei jeder Aufgabenstellung zuerst ein konzeptionelles Grundthema setzen, macht es uns leichter, einzelne Fragen vom Entwurf bis zur Ausführung auch im Kleinen immer wieder zu überprüfen.

Werfen wir noch einen Blick auf Luzern. Nach Einbruch der Dunkelheit hat der Pilatusgipfel dank der beleuchteten Panoramagalerie eine neue Silhouette erhalten. Was seht ihr, wenn ihr vom Gipfel auf die Stadtlandschaft Luzern schaut?

Das Lichtermeer der Stadtlandschaft Luzern erinnert uns immer wieder an eine Studie, die wir 1996 zum Thema „Grossraum Luzern, ein polyzentrisches Modell“ gemacht haben. Vom Pilatus aus erkennt man sehr gut, dass der amöbenartige Stadtkörper, der sich nicht an die Stadtgrenze hält, durch mehrere kleinere Zentren gebildet wird und sich entlang der hügeligen Topografie entwickelt hat. Wir haben damals die Studie den Luzerner Behörden präsentiert, wurden aber noch eher belächelt. Heute sind die Themen von damals und die Art und Weise, wie die Stadt als zusammenhängender Raum zu lesen ist, längst akzeptiert: Wir reden selbstverständlich über Agglomerationsprojekte oder über die Stadtregion Luzern.

Der Blick vom Pilatus auf die Stadt ist zudem deshalb ein besonderer Anblick, weil er vor allem nachts eine gewisse Festlichkeit ausstrahlt. Dass die Sterne etwas Schönes sind, das wissen wir. Auf dem Pilatus sieht man, dass auch Stadt etwas Schönes sein kann. Geradezu phänomenal einmalig ist hier die Nähe von Stadt und Berg.

Die Frage können wir nicht beantworten, weil wir uns nicht als Luzerner Architekten verstehen, obwohl wir seit 15 Jahren unser Büro in Luzern haben. Unsere Bauten stehen an verschiedenen Orten in der Schweiz. In der Stadt Luzern haben wir bisher noch nicht gebaut. Sicher ist: Die Panoramagalerie ist ebenso wenig eine rein einheimische Architektur wie der Pilatus nur zu Luzern gehört. Sie könnte in ähnlicher Form auch an einem anderen Ort im alpinen Raum stehen. Und der Pilatus ist eine eigenständige Destination mit einer globalen Ausstrahlung. Schade ist, dass sich die Stadt Luzern ihrer weiten Ausstrahlungskraft nicht stärker bewusst ist und sich im Städtebau und in der Architektur entsprechend grosszügiger zeigt.

Ist das so zu verstehen, dass Luzern seine architektonischen Möglichkeiten nicht oder zu wenig nutzt?

Ja, durchaus. Wie glauben, dass aktuelle Planungen und Bauvorhaben zu wenig grosszügig sind und der geografischen Ausstrahlung von Luzern als Stadt und Standort hinterherhinken. Das liegt wohl daran, dass Planer und Politiker nach wie vor in der Mehrheit eher mit der räumlichen Kleinheit der Stadt Luzern und nicht mit der urbanistischen Ausstrahlung des Standorts argumentieren: „Wir sind nicht Basel, wir sind nicht Zürich, wir sind Kleinstadt.“ Dadurch gehen aus unserer Sicht architektonische Möglichkeiten verloren oder werden übersehen, wie sie Kirchenbauten, das 19. Jahrhundert und zuletzt das KKL am Europaplatz bis heute eindrücklich und wirkungsvoll repräsentieren.


Wieso leistet sich Actelion Architektur?

Gute Architektur benötigt gute Bauherren. Business-to-business geht es in dieser Beziehung um spezifische unternehmerische Mehrwerte, um Reputation und damit um den Kampf im Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Herzog & de Meuron (HdM) verfolgen in ihrer architektonischen Arbeit deshalb „keine ästhetischen Vorlieben, keinen Geschmack, keine Tabus“, wie sie selbst sagen. Als Autoren des spezifischen Konzepts sind die Architekten legitimiert, gleichermassen ohne Stil gleichzeitig für die Konkurrenten Roche, Novartis und Actelion zu bauen. Das Büro für Stadtfragen hat bei beim Bauherrn Actelion in Allschwil nachgefragt, ob diese These in diesem Fall stimmt, und wie es beim neuen Business Center in Allschwil (2007-2010) zum Direktauftrag an HdM gekommen ist. Fazit aus dem Interview mit Louis de Lassence: Actelion will und kann es sich leisten, mit den besten Architekten für die besten Mitarbeitenden zu bauen.

(sta) Interview mit Louis de Lassence, Vizepräsident, Leiter Corporate Services, Actelion Pharmaceuticals Ltd, Allschwil. 2005 bis 2010 Bauherrenvertreter beim Bau des Business Centers von Herzog & de Meuron Architekten, Basel:

Herr de Lassence: Hat Actelion eine Unternehmensphilosophie, die besagt, dass die Marke und die Unternehmenskultur durch architektonische Zeichen – durch eine Corporate Architecture – zu verdeutlichen ist?

Nein, wir haben keine Corporate-Architecture-Strategie niedergeschrieben. Das sieht man daran, dass wir in der noch jungen Firmengeschichte architektonisch auf Vielfalt gesetzt haben. Das Forschungsgebäude hier in Allschwil wurde zwischen 2002 und 2006 von Burckhardt+Partner AG geplant und realisiert, das Gebäude für die klinische Entwicklung von einem anderen Architekturbüro, ebenfalls aus Basel. Beim Business Center haben wir uns 2005 dazu entschieden, ein besonders innovatives Schlüsselgebäude zu realisieren. Auch dazu gab es keine formulierte Strategie. Entscheidend war der Anspruch, dass die Architektur unsere Unternehmenskultur abbilden sollte. Es ist also nicht etwa so, dass die Architektur uns diktiert, wie wir uns darzustellen haben.

Bei Unternehmen, die ohne ausformulierte Strategie zur Firmenarchitektur auskommen, ist das architektonische Gewissen oft personalisiert. Wer sagt bei Actelion, was für die Firma die richtige, gute Architektur ist?

Am Ende ist es der CEO Jean-Paul Clozel, der entscheidet. Er war von Beginn an involviert, als die Architekten Herzog & de Meuron ihre ersten Entwürfe präsentiert haben.

Wie hat Actelion über die vorgeschlagene Architektur diskutiert?

Sobald die ersten Skizzen vorlagen, wurden der Verwaltungsrat und das Management in den Entscheidungsprozess einbezogen. Wir realisieren ein Schlüsselgebäude nicht einfach top down ohne eine Diskussion. Es wurde von Anfang an viel über die Architektur diskutiert. Interessant war, dass wir alle vom präsentierten Projekt überzeugt waren, weil es genau unseren Anforderungen und der Unternehmensidentität von Actelion entspricht: Das Business Center handelt von Innovation und verkörpert baulich, was Kommunikation für das Unternehmen und unsere Mitarbeitenden bedeutet.

Und die Kosten?

Was das Budget angeht, so können wir uns das Business Center, so wie es geplant und realisiert wurde, leisten.

Gemäss Jacques Herzog ist Actelion ein Unternehmen, das „seine Identität gerade entwickelt und architektonisch an einem Ort festmachen möchte“ (NZZ, 14.2.2010). Hatte Actelion in den ersten zehn Jahren der Firmengeschichte demnach noch keine eigene Identität?

Actelion hatte selbstverständlich schon lange vor dem Business Center eine starke Identität. Schliesslich sind wir das grösste Biotechnologieunternehmen in Europa, und wir wachsen sehr schnell. Deshalb sage ich es nochmals: Bei Actelion kommen zuerst die Unternehmensziele und dann die Architektur. Mit dem Business Center von Herzog & de Meuron ist es uns gelungen, die bestehende Identität des Unternehmens gewissermassen baulich zu spiegeln.

Wie der CEO Jean-Paul Clozel und Sie selbst haben einige Führungskräfte bei Actelion zuvor langjährige Erfahrungen bei Roche gesammelt. Worin unterscheiden sich die Identitäten von Actelion und Roche?

Actelion ist viel kleiner als Roche. Wir haben allerdings mehr Raum und legen Wert auf eine schlanke Organisation mit flachen Hierarchien, einen möglichst direkten Zugang zur Führung und auf ein hohes Mass an Interaktion und Durchlässigkeit. Dadurch leisten wir uns für unsere Mitarbeitenden viel Freiraum zur Entfaltung von Eigeninitiative und Kreativität. Es herrscht eine ganz andere Stimmung. Bei uns kennen sich die Mitarbeitenden noch weitgehend persönlich, obwohl wir bald 2400 Beschäftigte zählen.

Das heisst, die Mitarbeitenden haben bei Actelion in vergleichbaren Positionen mehr Platz in ihren Büros als bei Roche?

Ja, das ist wohl so, weil das Raumangebot bei uns weniger standardisiert ist. Allerdings kann sich Roche bestimmt auch grössere Büros leisten, wenn die Firma das will. Der Komfort am Arbeitsplatz ist jedoch nicht eine Frage der Firmengrösse, sondern die direkte Antwort auf die Frage, wie wichtig es dem Unternehmen ist, dass die Mitarbeitenden einen für sie möglichst idealen Arbeitsplatz vorfinden.

Das Business Center ist ein flacher Gebäudestapel, der vielfältige Raum- und Sichtbezüge und einen zentralen Innenraum schafft. Roches neustes Projekt Bau1, ebenfalls ein Entwurf von Herzog & de Meuron, ist ein städtisches Hochhaus, das einen für Basel neuen städtebaulichen Massstab setzen will. Bringt diese Beschreibung den Unterschied zwischen den beiden Firmen auf den Punkt?

Ja, vielleicht. Nur muss man anmerken, dass wir in Allschwil (in Flughafennähe) ohnehin nicht höher als 20 Meter bauen durften. So gab es im wahrsten Sinn des Wortes überhaupt keinen Raum für eine Turmdiskussion. Zudem ist bei Roche die Aufgabe eine andere als beim Business Center: Beim Projekt Bau1 von Roche geht es darum, sehr viele Leute, die heute an verschiedenen Orten arbeiten, räumlich zu konzentrieren. Wenn wir darüber hinaus von der Architektursprache sprechen wollen, dann stand beim Business Center immer im Vordergrund, dass Form und Gestalt des Baukörpers unsere Offenheit und Transparenz widerspiegeln sollten.

 

Woran erkennen Sie, dass Sie das richtige Gebäude gebaut haben?

Das Business Center ist ein Bürogebäude für 350 Mitarbeitende. Der Einzug ist soeben erfolgt. Es wird  eine gewisse Zeit dauern, bis wir sehen können, wie das Gebäude ankommt. Aber ich bin überzeugt, dass es durch seine Struktur und Offenheit so funktioniert und auf die Mitarbeitenden wirkt, wie wir uns das vorgestellt haben. Das Personalrestaurant wurde jedenfalls bereits vor dem offiziellen Bezug der Büros rege benutzt.

 

Welche Rolle und Aufgaben hat das neue Business Center in der künftigen Unternehmenskommunikation, inhaltlich und visuell?

Das Gebäude hat jetzt kurz nach der Eröffnung in den Medien natürlich einen gewissen Aktualitätswert. Frau Bundesrätin Leuthard hat es bei der Eröffnungsfeier mit einem Leuchtturm verglichen. Allein deshalb wird das Business Center jedoch nicht zum neuen Aufhänger für die Unternehmenskommunikation: Bei Actelion geht es um Medikamente, nicht um Immobilien, und wir betreiben Wissenschaft. Man kann es einfach formulieren: Beim Business Center handelt es sich um ein schönes Gebäude, das unseren Mitarbeitenden die richtigen Arbeitsplätze bietet.

Actelion bezeichnet sich selbst als special type of company, Offenheit und Innovation sind die beiden zentralen Werte. Wieso entschied man sich bei der Firmenarchitektur dennoch für den Direktauftrag an die Hausarchitekten von Roche und gegen eine Auswahl von mehreren architektonischen Vorschlägen?

Wenn Sie unser Gebäude anschauen, werden Sie keinerlei Ähnlichkeiten mit einem Roche-Gebäude erkennen. Der Grund dafür ist – und das sagen Herzog & de Meuron von sich selbst –, dass die Architekten keinen eigenen Baustil pflegen. Anders als etwa bei Bauten von Richard Meyer oder Frank Gehry, die man auf den ersten Blick zuordnen kann, passen sich Herzog & de Meuron den Kunden und dem jeweiligen Ort an. Aus Sicht des Bauherrn sind sie dadurch sehr flexibel und erfinden etwas Neues, statt Variationen von etwas bereits Bestehendem zu bauen. So bestand also gar nie die Gefahr, dass beim Business Center von Actelion der Effekt „typisch Roche“ eintreten würde. Das Gleiche gilt auch für das zweite Gebäude von Herzog & de Meuron, das auf unserem Firmengelände in Allschwil entsteht. Auch für dieses Projekt wurde eine ganz eigene Architektursprache entwickelt.

Dennoch: War beim Bau des Business Centers die Durchführung eines Konkurrenzverfahrens – zum Beispiel ein Studienauftrag – nie ein Thema?

Doch. 2005 haben wir intern kurz darüber gesprochen. Wir hatten ja auch bisher mit verschiedenen Basler Büros zusammengearbeitet. Dann kam vor allem von Jean-Paul Clozel die Idee, mit Herzog & de Meuron darüber zu sprechen. Und Herzog & de Meuron hatten uns nach ersten Kontakten eine Projektskizze zu den bereits definierten Raumvolumen vorgelegt, die uns so überzeugte, dass wir von einem Wettbewerb Abstand nahmen.

So, wie andere Chefs ihren Mercedes, hat Jean-Paul Clozel einen Herzog & de Meuron bestellt.

Nein, die Angelegenheit war schon komplexer. Pierre de Meuron musste mit dem Projekt zuerst den Verwaltungsrat überzeugen. Zudem war die Tatsache, dass Herzog & de Meuron ihr Büro in Basel haben, ein sehr wichtiges Kriterium. Während der Planung und Ausführung hatten wir fast täglich Kontakt – und dies ohne unnötigen Zeitaufwand. Die Zusammenarbeit mit einem ausländischen Architekten wäre diesbezüglich viel komplizierter gewesen.

Am 10. Dezember 2010 wurde das Gebäude nicht etwa nur feierlich eröffnet, sondern gemäss Medienmitteilung offiziell „den Mitarbeitenden übergeben“. Actelion betont, dass die Mitarbeitenden für die Firma wichtig sind. Wann und wie sind deren Bedürfnisse in die Planung und den Bau des Business Centers eingeflossen?

Wir haben auf Stimmen aus der Mitarbeiterschaft gehört. So konnte jede Abteilung zwischen individuellen Büros oder einem Grossraumbüro wählen. Zwei Abteilungen, Business Operations und IT, haben sich für Grossraumbüros entschieden, alle anderen für individuelle Büros. Diese Einteilung ist nun allerdings bautechnisch mehr oder weniger fix. Allein schon wegen der Lüftung wäre es zu aufwendig, einzelne Wände zu verschieben. Zudem haben wir mit den Mitarbeitenden die Flächenanforderungen erarbeitet und spezielle Bedürfnisse wie Archivräume, Sitzungszimmer oder privacy rooms für Business Operations evaluiert.

Und wer hat über die Einrichtung bestimmt?

Das Thema der Einrichtung hat tatsächlich zu einer längeren Diskussion geführt, weil wir eine ganz andere Meinung hatten als Herzog & de Meuron. Vier Hersteller wurden deshalb eingeladen, um uns ihre Einrichtungsvorschläge zu präsentieren. Jede Abteilung konnte ein paar Mitarbeiter bestimmen, welche die eingerichteten Musterbüros besuchen und ihre Stimme für ein Mobiliarkonzept abgeben konnten. Diese Art der Mitwirkung war uns sehr wichtig, und sie hat den Entscheid beeinflusst. Nicht im Sinn einer Basisdemokratie  – schliesslich sind wir eine private Firma –, aber immerhin so, dass die Mitarbeitenden die Entscheidung mittragen konnten. Und so kam es, dass wir uns letztlich für ein eigenes Einrichtungskonzept entschieden haben.

 

Das Gebäude bietet rund 350 Arbeitsplätze an. Nach welchem Prinzip sind die Arbeitsplätze im Gebäude verteilt worden?

Eigentlich sollten im Business Center mehr Abteilungen untergebracht werden. Nicht alle haben aber Platz gefunden, weil wir zwischen 2005 und 2008 zu schnell gewachsen sind. Hinsichtlich der Belegung haben wir die jeweiligen Geschossflächen mit der Grösse der einzelnen Abteilungen verglichen und diese entsprechend im Gebäude verteilt. Wichtig war das Prinzip, die einzelnen Abteilungen nach Möglichkeit auf einer einzigen Ebene unterzubringen und die Büroanordnung durch sogenannte Kommunikationszonen zu unterbrechen. Hierarchische Kriterien spielten bei der Raumverteilung keine Rolle.

Gibt es für diese Kommunikationszonen Verhaltensregeln?

Zuerst möchte ich betonen, dass wir von der Notwendigkeit informeller Aufenthaltsbereiche überzeugt sind: Hier können sich die Mitarbeitenden spontan treffen und miteinander austauschen – und zwar nicht nur innerhalb der eigenen Abteilung. Deshalb haben wir die Kommunikationszonen in jedem Stockwerk zusätzlich mit je zwei Teeküchen ausgestattet. Für den Aufenthalt an diesen Orten gibt es keine internen Regeln, weil Regeln für mehr oder weniger spontane Begegnungen einfach keinen Sinn machen. Um den Austausch unter den Mitarbeitenden zusätzlich zu fördern, haben wir im Business Center auch ein Personalrestaurant und eine Cafeteria eingerichtet.

 

Woher kommen die Mitarbeitenden von Actelion hauptsächlich?

Rund 55 Prozent leben in der Schweiz, 45 Prozent im benachbarten Ausland. Schweizerinnen und Schweizer sind unter den Mitarbeitenden insgesamt eine Minderheit.

Wäre es für Actelion ohne das Business Center künftig schwieriger geworden, die besten Leute nach Allschwil zu holen, weil diese – in der Mehrheit ausländische Mitarbeitenden – ein urbanes Arbeitsumfeld, wie dasjenige im Campus von Novartis, doch eher bevorzugen?

Wir rekrutieren Leute mit ähnlichen Profilen wie Roche und Novartis. Im Wettbewerb um die besten Mitarbeitenden können und wollen wir nicht mehr bezahlen als unsere direkte Konkurrenz vor Ort. In einem Vergleich haben wir festgestellt, dass die Architektur am Arbeitsplatz mitunter einen grossen Einfluss auf den Entscheid der einzelnen Bewerberinnen und Bewerber hat. Deshalb haben wir bei Rekrutierungsgesprächen schon ab 2005 immer die Bilder des geplanten Business Centers gezeigt. Beinahe alle Kandidaten waren davon beeindruckt und haben positiv reagiert. Wir haben zudem festgestellt, dass eine attraktive Architektur für potenzielle Mitarbeitende insgesamt eine grössere Rolle spielt als etwa die Ausstattung mit luxuriösen Materialien.

Wie gross ist die Rolle der Architektur konkret, ist sie planbar?

Ich kann nur sagen, was wir den Kommentaren von Stellenbewerberinnen und -bewerbern entnehmen können. Wir machen uns natürlich fortlaufend ein Bild. Man darf auch nicht vergessen, dass bei Actelion immer noch die Strahlkraft des jungen, innovativen Biotech-Unternehmens anzieht. Das Gebäude ist ein zusätzlicher Aspekt in der Personalrekrutierung, den andere Firmen schon vor uns erkannt haben. In der Frühphase der Planung für das Business Center nahm ich an einer Präsentation zum Novartis Campus-Projekt teil. Der Projektmanager erklärte uns damals, die Idee, einen Campus unter Mitwirkung internationaler Architekten zu erstellen, gehe auf Erfahrungen von Sandoz zurück. Dort hatte man während einiger Jahre zu wenig in die Bausubstanz investiert und infolgedessen einige der besten Kandidaten verloren. Bei Actelion ist heute allen klar, dass die Arbeitsumgebung und die Architektur der Firmengebäude eine Rolle für den Erfolg der Firma spielen. Das gilt auch für den Bereich der Labors, die bei uns viel Licht haben, relativ gross, modern und deshalb für die Wissenschaftler attraktiv sind.

 

Sprechen wir nochmals über die Architektur: Das Business Center sendet eine formal aussergewöhnliche, nennen wir sie extravagante Botschaft in die Umgebung des Allschwiler Gewerbegebiets. Wie offen bzw. zugänglich ist im Gegenzug das Business Center für seine unmittelbare Umgebung?

Eigentlich ist es gar nicht offen. Das Gebäude steht nur Mitarbeitenden und Geschäftspartnern offen, sonst hätten wir ein Sicherheitsproblem. Vielleicht veranstalten wir für die Nachbarschaft und Interessierte einmal einen Tag der offenen Tür. Was die Botschaft der Architektur betrifft, so haben wir ausdrücklich nie die Absicht verfolgt, extravagant zu sein. Wir wollten lediglich ein aussergewöhnliches Gebäude realisieren.

Extravaganz ist auch für die Architekten Herzog & de Meuron ein Reizwort. Worin liegt für Sie, als Vertreter der Bauherrschaft, denn der Unterschied zwischen extravagant und aussergewöhnlich?

Aussergewöhnlich meint die Qualität einer Architektur, die ein Gebäude von anderen abhebt. Extravaganz hingegen verfolgt hauptsächlich den Zweck, sich zu exponieren. Menschen tun es, indem sie sich extravagant kleiden, um dadurch auf sich aufmerksam zu machen. Beim Business Center geht es nicht um Zurschaustellung. Der Neubau bildet unsere Innovationskraft und Offenheit ab, verkörpert sie gewissermassen räumlich und gestalterisch. Dieses Angebot schätzen unsere Mitarbeitenden, dadurch wird die interne Kommunikation gefördert und die Architektur leistet einen Beitrag an den Firmenerfolg – mehr nicht.

Herzog & de Meuron sind dennoch unbestritten internationale Stararchitekten mit grossem Markenwert, einem hohem Aufmerksamkeitspotenzial bei gleichzeitig globaler Reputation. Das kostet die Auftraggeber etwas. Wie verträgt sich die Zusatzinvestition in öffentliche Prominenz und mediale Aufmerksamkeit mit der wissenschaftlich-medizinischen Forschungskultur von Actelion?

Auf dem Gebäude steht das Logo von Actelion und nicht das von Herzog & de Meuron. Ich habe Pierre de Meuron zudem sehr oft getroffen und hatte nie den Eindruck, es mit einem Star zu tun zu haben. Am Anfang standen unsere Bedürfnisse, die von den Architekten aufgegriffen und umgesetzt wurden. Auch wenn wir uns nicht immer einig waren: Aus den Diskussionen sind immer innovative Lösungen entstanden. Das gelingt nur, wenn sich zwei gleichberechtigte Partner, die zueinander passen, gegenseitig zuhören.

 

Das Business Center (104’000 m3) hat 130 Millionen Franken gekostet. Können Sie den finanziellen Mehraufwand für die Zusammenarbeit mit den Stararchitekten abschätzen?

Die Kosten sind bei Herzog & de Meuron nicht grundsätzlich höher als bei anderen Architekten. Natürlich verursacht ein so ungewöhnlich ausgelegtes Gebäude mehr Arbeitsstunden als ein herkömmliches. Die teuersten Posten waren der Stahlbau und die Fassade. Wir haben den Stahl zu einem Zeitpunkt gekauft, als dieser am teuersten war. Das war Pech und hat uns einige Mehrkosten beschert.

Für das Business Center waren 6000 Seiten Konstruktionsbeschriebe, 1500 Detailpläne und ein beträchtlicher Mehraufwand aufgrund der enormen Gebäudeoberflächen notwendig. Wieso ist es nicht gelungen, gleichzeitig den baulichen Minergie-Standard zu erreichen?

In der Energiediskussion kommt es darauf an, was man genau unter Minergie versteht. Da wir in der Gesundheitsbranche tätig sind, haben wir eine Verpflichtung gegenüber der Umwelt. Das ist uns sehr bewusst. Dass wir das bauliche Minergie-Label dennoch nicht erreicht haben, war für uns schon ein Thema. Wir konnten u. a. bei der Energiegewinnung nicht das geplante System der Grundwassernutzung verwenden. Dennoch: Wir nutzen Sonnenenergie und werden auf dem Dach noch zusätzliche Solarzellen anbringen.

 

Actelion kommuniziert und lebt eine Wachstumsstrategie. Auf wie viele Jahre hinaus sind der Betrieb und der Unterhalt des neuen Business Centers ausgerichtet?

Das Gebäude ist für ungefähr 80 Jahre gebaut. Die Fassade werden wir nach 15 Jahren prüfen müssen. Wie sich das Gebäude mit dem personellen Wachstum von Actelion verträgt, werden wir sehen.

 

Welche baulichen Entwicklungsschritte sind bei Actelion in der Pipeline?

Zuerst werden wir unser nächstes Projekt, ein kombiniertes Forschungs- und Entwicklungszentrum, beenden. Der erste Teil des ebenfalls von Herzog & de Meuron erstellten Gebäudes für die klinische Entwicklung ist kürzlich bezogen worden. Der Forschungsteil soll Anfang 2012 bezugsbereit sein. Sonst haben wir zurzeit kein Bauvorhaben in der Pipeline.

Sind Herzog & de Meuron nun die Hausarchitekten von Actelion?

Hausarchitekten? Sie setzen zunächst einmal zwei Projekte für uns um – und dann werden wir sehen. Es können auch andere Architekten für Actelion bauen.

Was machen Sie mit den Architekturtouristen, die künftig mit der Nase an der Scheibe Einlass verlangen?

Das wissen wir noch nicht genau, aber wir werden wohl hin und wieder Führungen anbieten.

Interview, 14.1.2011 : Thomas Stadelmann

Abbildungsnachweise: Actelion / SFDRS / Büro für Stadtfragen / Web

Im O-Ton: Jacques Herzog über Politik und sich selbst

„Wohin treibt die Schweiz?“ Unter diesem Titel haben DIE ZEIT und das Theater Basel den Architekten Jacques Herzog (Herzog & de Meuron) am 3. Juni 2010 zu einem Vortrag und anschliessendem Gespräch mit dem Schweiz-Korrespondenten Peer Teuwsen in das Schauspielhaus Basel eingeladen. Das Büro für Stadtfragen ermöglicht den Vergleich zwischen dem Protokoll vor Ort (Vortrag und Interview) und der nachträglichen journalistischen Inszenierung des Events in die ZEIT – unautorisiert.

Quellen Büro für Stadtfragen: Vortrag // Interview // Artikel DIE ZEIT

Die Idee vom guten Diktator

(sta) Das journalistische Produkt des Events vom 3. Juni, den (Zitat) „Auszug aus einer Rede von Jacques Herzog“ hat DIE ZEIT in ihrer Ausgabe vom 17. Juni 2010 publiziert. Es handelt sich um eine Zusammenfassung aus dem Kurzvortrag von Jacques Herzog und dem anschliessenden Interview mit Peer Teuwsen. Die Verhaltensregel „Misch dich nicht ein!“ kritisierte der Basler Architekt an diesem Abend als eine typisch schweizerische Eigenart. Gleichzeitig gab er unter dem Eindruck der eigenen Arbeit in China seiner politischen Idee vom „guten Diktator“ Ausdruck (vgl. Interview). Das Büro für Stadtfragen mischt sich ebenso unschweizerisch in die verlegerische Inszenierung, das kommunikative CO-Branding von Zeitung und Stararchitekt ein und publiziert im O-Ton, was Jacques Herzog über Urbanität und Urbanismus, über Gemeindepolitik, die Macht der Bilder, China, Basel und Zürich, sich selbst und über die Schweiz gesagt hat: „Ich denke, die Demokratie, wie wir sie kennen, ist am Ende“, liess er u.a. verlauten.

Für das Protokoll: unautorisiert

Vortrag und Gespräch sind vor Ort aufgezeichnet und hier wohlwollend in Text übersetzt worden (vgl. Quellen). Dass Peer Teuwsen und Jacques Herzog die Abschriften auf Anfrage nicht autorisiert haben, ist durchaus verständlich. Dennoch: Ihre Reaktion spricht gleichzeitig dafür, die unmittelbare Form des Gespräch-Protokolls vor Ort gerade in Zeiten von Crossmedia-Strategien in der PR-Arbeit globaler Architekturunternehmen und den gleichzeitig schwindenen journalistischen Ressourcen in den Redaktionen weiterhin hoch zu halten – oder sie sogar wieder neu zu entdecken.

Architekt und Werk sind zweierlei

Als prominenter (Autor-)Architekt, Unternehmer und angesehener Lehrer hat Jacques Herzog bei seinem Auftritt das gemacht, was ihn selbst als Urbanist seit Jahren und zurecht auszeichnet, und was er selbst von „aufgeklärten, urbanen Menschen“ einfordert: Er hat sich in Basel gezeigt – einmal mehr und im O-Ton des Gesprächs über die Sache der Politik gefährlicher aber umso verständlicher und authentischer als später im Blatt. Beim Vergleich und der Bewertung der Texte und Aussagen gilt die Regel: Architekt und Werk sind zweierlei. „Dass Künstler und Kunstwerk nicht verwechselt werden dürfen, ist eine Proseminarweisheit“ (Nerdinger, Architektur, Macht, Erinnerung, Prestel 2004, S. 83).

«Gute Architektur ist nicht teurer als schlechte.»

Die Jugendherberge Scuol hat den Award für Marketing und Architektur 2010 gewonnen. Hinter dem Erfolg stehen die Verantwortlichen der Schweizerischen Stiftung für Sozialtourismus, ZürichDas Büro für Stadtfragen hat bei René Dobler, Architekt ETH und Geschäftsleiter der  Stiftung nachgefragt, was das genau bedeutet (Interview_Dobler_pdf):

Herr Dobler: Was hat Sozialtourismus mit den Vorstellungen von Produktemarketing gemeinsam?

Auch Sozialtourismus braucht Marketing. Bei den Schweizer Jugendherbergen versuchen wir sowohl beim Marketing wie auch bei der Architektur entsprechend den Wertvorstellungen unserer Organisation zu denken und zu handeln. Weder das eine noch das andere soll zum Selbstzweck werden oder sich vom Grundauftrag absetzen.

Wie äussert sich das im Umgang mit Architekturaufgaben innerhalb der Stiftung?

Unser Bauleitbild basiert auf dem Unternehmensleitbild. Die Ansprüche an die Architektur sind dieselben wie an die Dienstleistungen im Betrieb oder an das Marketing. Es werden dieselben Ziele verfolgt, nur mit andern Mitteln. Sie sehen das am Beispiel der Ökologie: Wir arbeiten mit den höchsten, messbaren und gängigen ökologischen Labels. Im Betrieb sind dies das EU-Umwelt- und das Steinbocklabel, beim Bauen sind dies Minergie- und Ecolabel. Das Marketing schreibt keine abgehobene Geschichte darüber, sondern berichtet bei Gelegenheit über die effektiven Leistungen.

Ihre Selbstdarstellung spricht von Werten wie «Vertrauen, Sicherheit und Geborgenheit». Die Jugendherbergen geben sich «lokal, sozial, nachhaltig, menschlich und preiswert». Woran erkennen Sie, dass ihre Architektur «grundehrlich» ist?

Ehrliche Architektur widerspiegelt in hohem Masse die Werte und Inhalte ihres eigentlichen Nutzens. Widerspricht oder überhöht die Architektur ihre Aufgabe, verselbständigt sie sich und gibt etwas vor, das nicht ist. Das kann in bestimmten Situationen angebracht sein, aber nicht beim Umbau oder Neubau einer sozialtouristischen Jugendherberge.

Was hat in den 90erJahren den neuen Qualitätsprozess beim Umbauen der Jugendherbergen ausgelöst. Welches waren die Hauptargumente?

Auslöser war die Fusion mehrerer regionaler Vereine zu einer gesamtschweizerischen Organisation. Damals initiierte der Präsident und ETH-Architekt Alain Paratte ein Bauleitbild. Dieses Bauleitbild wurde dann an der Jugendherberge Grindelwald getestet und wird seither durch ein stabiles Team kontinuierlich umgesetzt und weiterentwickelt. Das wichtigste messbare Hauptargument am Anfang war: Gute Architektur ist nicht teurer als schlechte. Seither beweist auch die wesentlich höhere Auslastung der einzelnen Jugendherbergen, dass dieses Argument stimmt. Finanzen sind immer ein schlagendes Argument: Was will man mehr als geringere Kosten bei höherem Ertrag?

Sehen Sie einen Unterschied zwischen Bauen und Architektur?

Ich denke, der Schritt vom Bauen zur Architektur passiert über die Auseinandersetzung mit Raum und Gestalt. Architektur bedarf eines klaren Gestaltungswillens, der vom Entwerfen bis zur Realisierung verfolgt wird. Ohne das planende Denken ist Bauen reine Funktionserfüllung und wird nie zu Architektur.

Wie finden Sie die richtigen ArchitektInnen? Welche Eigenschaften haben diese gemeinsam?

Mit Hilfe eines breiten und angemessenen Auswahlverfahrens. In Scuol haben wir alle regionalen und ein paar ausgewählte Büros aus dem übrigen Kantonsgebiet für eine Bewerbung eingeladen. Dann haben wir mit fünf Teams einen Wettbewerb durchgeführt. Unsere ArchitektInnen sind alle eher jung, und sie interessieren sich für aktuelle Werte und deren Übersetzung in gebauten Raum.

Kommen auch ausländische ArchitektInnen in Frage?

Wir setzen uns für eine moderne und regional verankerte Architektur ein. Die Authentizität des Ortes beginnt für uns bei regional verankerten Gestaltern, die den Ort kennen. Es gibt überall in der Schweiz genügend gute ArchitektInnen, womit sich eine Suche im Ausland für unsere Bauaufgabe erübrigt.

Mit welchen Architekt/innen möchten Sie unbedingt noch eine Jugendherberge bauen?

Mit uns noch unbekannten, jungen, visionären, engagierten ArchitektInnen, die von der Idee der Jugendherbergen überzeugt sind und die uns mit ihren Ideen überzeugen – so wie zuletzt Buchner Bründler Architekten bei der Jugendherberge in Basel.

Die neue Jugendherberge in Scuol erinnert, je nach Ansicht, an ein Stück Käse mit Löchern und Einschnitten oder an plakativ bündnerischen Heimatstil mit Engadinerfenstern – ein typisch schweizerischer Kompromissbau stilisiert in einem zeitgemässen Tourismus-Marketingkleid also. Lassen Sie diese Kritik gelten?

Ihre Beschreibung entspricht in keiner Art und Weise den gestalterischen Absichten. Die Jugendherberge Scuol ist ein moderner Bau, der traditionelle Elemente wie die Stüva oder das tief eingeschnittene Engadinerfenster spielerisch einbaut. Das ist kein Kompromiss, sondern ein gestalterischer Wille, welcher mit hohem Selbstvertrauen Tradition und Moderne verknüpft. Gerade deshalb kann sich der Bau von Ihrer Überzeichnung möglicher Assoziationen abgrenzen. Die Schweizer Jugendherbergen wollen in Bau und Marketing ihren unternehmerischen Zielen gerecht werden. Deshalb betreiben wir Marketing und Architektur ohne schreierisch zu werden, oder mehr zu versprechen als wir anbieten.

Die Unterkunftsbranche ist kurzlebig, sie muss sich schnellen Trends anpassen. Mit Preisen wie dem Marketing-Award bewegt sich die Stiftung nun in diesem Trendmarkt. Auf wie viele Jahre hinaus planen und realisieren Sie die Jugendherbergen?

Unsere Organisation besteht seit 86 Jahren, unser aktuelles Bauleitbild seit 17 Jahren, in Scuol vergingen von der Idee bis zur Fertigstellung zehn Jahre. Zeitgemäss zu sein, ist für eine Organisation mit so langer Geschichte wichtig; trendig zu sein, wäre für uns ein Eigentor. Unser Bauen ist langfristig, unsere Materialwahl ist langfristig. Unser Erneuerungszyklus von 25 Jahren verbietet uns geradezu, kurzfristig zu gestalten. Marketing hat den Ruf des Kurzfristigen, Kurzlebigen – der Award Marketing und Architektur zeigt nun aber, dass Architektur und Marketing auch dann gewinnen, wenn sie langfristig miteinandergehen.

Sie reden in Ihrem Auftritt von Aktivitäten in der Tourismusforschung. Was sagt die Forschung über die künftige Bedeutung der Architektur?

Forschung ist etwas hoch gegriffen. Wir versuchen in all unseren Tätigkeitsgebieten auf dem Stand der Dinge zu sein und dies mit einer visionären Haltung zu ergänzen. Die Bedeutung der Architektur im Tourismus, oder enger gefasst in der Hotellerie, war meiner Meinung nach immer gross, denn für das Zuhause auf Zeit bevorzugt jeder Gast ein authentisches, identifizierbares Gebäude, das ihn innert Kürze heimisch werden lässt. Die Globalisierung verstärkt dieses Bedürfnis mit Sicherheit. Fraglich ist jedoch, ob der grossen Nachfrage auch ein entsprechendes Angebot gegenübersteht. Die Hotellerie ist hier wohl oft betriebsblind und kann den eigentlichen Architekturaufgaben nicht gerecht werden.

Passt die Marketing-Architektur der Jugis eigentlich noch zum Image der günstigen Familien-Unterkunft? Bauen Sie künftig vor allem für internationale Single-Reisende?

Wir bauen für ein vielfältiges Publikum, das vom klassischen Backpacker, der inzwischen mit dem Rollkoffer vom Billigflug kommt, über Schulklassen und Familien bis zum wandernden Senioren reicht. Das schützt uns davor, für DEN GAST zu bauen. Wir bauen für weltoffene, kontaktfreudige, umweltbewusste, sozialverantwortliche Reisende mit kleinem Portemonnaie. Dies verlangt nach einer kostengünstigen Architektur, die ein hohes Mass an architektonischen und gesellschaftlichen Werten zum Ausdruck bringen muss.

Die Pressebilder zum Neubau in Scuol erinnern an ein Ambiente für Leserinnen und Leser der Annabelle. Ergänzen Sie ihre Unterkunftskategorien «simple», «classic» und «top» nun mit «Flagships»?

Unsere drei Kategorien sind vollkommen ausreichend, und wir haben bereits Flagships in top, classic und simple. Wenn sich auch Annabelle-Leser und -Leserinnen für unsere Jugendherbergen interessieren, ist das weniger unser Ziel, jedoch mehr Ausdruck dafür, dass sich ein enorm breites Publikum durch unser Angebot angesprochen fühlt.

Möchten Sie noch etwas anmerken?

Ich bedanke mich für die herausfordernden Fragen.

(Das Interview wurde per E-Mail durchgeführt.)

Firmenarchitektur by Würth: Gebaut wird, was dem Chef gefällt

Im Bild: Prof.Dr.h.c.mult. Reinhold Würth

Der Würth-Konzern hat es von der Zwei-Mann-Schraubenhandlung zum Weltkonzern geschafft und in Rorschach die Architektur für einen neuen Firmensitz bestellt. Für den Ort ist dies eine kleine Sensation. Gigon/Guyer haben den Wettbewerb gewonnen. Der CEO ist von der Umsetzung überzeugt.

Die Architektur, die Nähe zu Kunst und Kultur haben in der Firma lange Tradition. Dem Engagement von Würth eilt zudem der Ruf voraus, dass  gebaut wird, was dem Chef Reinhold Würth gefällt. Wer genauer hinsieht, sieht mehr: Die Firmenphilosophie eines Industrieunternehmens, die so bestellt und stilisiert wird, dass sie gezielt lokale Räume, Märkte (Kunden) und öffentliche Beziehungen aneignet. Der Entwurf von Gigon/Guyer für den neuen Firmensitz in Rorschach am Bodensee ist eine Meisterleistung im Umgang mit der Entwurfs-Vorgabe, eine „angemessene Selbstdarstellung“ für Würth zu entwerfen. Chipperfield; Libeskind; Krischanitz; Meili, Peter; Baumschlager, Eberle und KCAP haben u.a auch am Studienauftrag teilgenommen, nachzulesen in: Schweiztaugliche Firmenarchitektur, werk, bauen+wohnen, Nr. 11/09.

Das Büro für Stadtfragen hat Michel Kern, CEO Würth International AG zum privaten Studienauftrag für den neuen Firmensitz in Rorschach befragt:

Herr Kern: Gebaut wird bei Würth, was dem Chef (Reinhold Würth) gefällt, stimmt diese Rede?

Für den Architekturwettbewerb in Rorschach war eine Jury mit Mitgliedern der Würth-Führungsgremien sowie externen Experten und Behördenvertreter eingesetzt. Diese hat den Entscheid für das Siegerprojekt einstimmig und gemeinsam gefällt.

Wieso wurde ein Architekturwettbewerb durchgeführt?

Praktisch alle Würth-Bauten wurden über einen Architekturwettbewerb realisiert. Nur über ein Auswahlverfahren lässt sich auch das beste Projekt ermitteln. Das Thema Architektur hat einen hohen Stellenwert im Würth-Konzern.

Wieso haben Sie auf einen Wettbewerb nach SIA verzichtet?

Da es sich hier um einen privaten Studienauftrag im Einladungsverfahren handelt, wollten wir mit unserer internationalen Bauerfahrung die Wettbewerbsbedingungen selber formulieren. Im Übrigen haben wir uns aber weitgehend an die Vorgaben der SIA gehalten.

Wieso haben Sie als Veranstalter des Wettbewerbs auf die sonst übliche Rangierung der Arbeiten verzichtet, bzw. diese nicht kommuniziert?

Alle eingereichten Projekte waren sehr gut. Auf Empfehlung der Fachjuroren haben wir auf eine Rangierung verzichtet. Das Siegerprojekt steht für uns im Vordergrund.

Statt einer konkreten Stil-Vorgabe lautete die Aufgabe an die Architekten, eine „angemessene Selbstdarstellung“ zu realisieren. Was heisst das genau?

Diese Frage mussten sich die Architekten selber stellen. Verschiedenen Wettbewerbsteilnehmern ist die Umsetzung sehr gut gelungen. Die diversen Würth-Bauten geben vielleicht einen Planungshinweis, wie diese Formulierung zu verstehen ist.

Der Anspruch an die „Transparenz“ durchdringt die Firmenkultur von Würth. War es deshalb überhaupt sinnvoll, etwas anderes als Glasarchitektur vorzuschlagen?

Transparenz ist nicht zwingend nur mit Glas zu erreichen. Dies kann auch durch eine entsprechende Objektgestaltung erfolgen. Das Siegerprojekt LICHTSPIEL hat sowohl durch das Material sowie auch die Architekturumsetzung unsere Vorgaben am besten getroffen. Zudem ist die Projekteingabe in seiner Erscheinung sehr innovativ und trotzdem zurückhaltend.

Ist der Firmenstandort in Rorschach, mit See- und Bahnhofanstoss direkt am Bodensee, für Sie gleichbedeutend mit einem Schnäppchen?

Der Entscheid für das Grundstück in Rorschach ist aus verschiedenen Gründen gefällt worden. Die Seelage und Anbindung an den öffentlichen Verkehr waren sicherlich mit ausschlaggebend.

Welche Gründe sprachen noch für den Standort Rorschach?

Einerseits die zentrale Lage, die Anbindung an den öffentlichen Verkehr sowie die Autobahn wie auch an die Flughäfen Altenrhein und Zürich. Wichtig ist in diesem Zusammenhang ebenfalls die Nähe zur Universität St. Gallen als Top-Ausbildungsstätte. Weiter Einfluss hatte der zentrale und schöne Standort des Grundstückes sowie die gute Zusammenarbeit mit den Ämtern und Behörden.

In welcher Sache sind Ihnen die Stadt Rorschach und der Kanton am meisten entgegengekommen?

Ausschlaggebend war sicherlich die sehr gute Zusammenarbeit.

Wie hoch ist die finanzielle Investition von Würth in den Standort Rorschach?

Die Kosten werden sich in der Feinausarbeitung des Siegerprojektes sukzessive zusammenstellen lassen. Für den ersten Bauabschnitt erwarten wir einen Betrag von 100 Millionen CHF (70 Mio. Euro).

Welche Rolle spielen die Architektur und der Standort des Arbeitsplatzes bei der Akquisition von Kadermitarbeitenden?

Mitarbeitende verbringen einen grossen Teil ihrer Lebzeit am Arbeitsplatz. Es ist Teil der Firmenkultur bei Würth, dass wir den Mitarbeitenden einen tollen Arbeitsplatz und eine schöne Arbeitsumgebung bieten wollen. Dies hat sicherlich mit Einfluss auf den Entscheid, sich bei Würth zu bewerben.

Wie sicher ist es heute (in der Skala von 1-10), dass Würth International in Rorschach baut

Aus unserer Sicht ist es eine 10.

Wann beziehen Sie in Rorschach die ersten Räume?

Wir gehen jetzt in die Feinplanung des Projekt-Entwurfs. Die komplette Fertigstellung des Neubaus könnte innerhalb der nächsten vier Jahre, also bis 2013, erfolgen. Aus der Erfahrung von vielen anderen Projekten wissen wir, dass im Planungsprozess vom Modell bis hin zur Realisierung noch einiges zu tun ist.

Atelier WW lanciert Ideen

Wenn Architekturbüros mit Projektideen in die Medien gehen: Fördern Sie damit den öffentlichen Dialog, machen sie Politik oder bloss redaktionelle PR? Das Büro für Stadtfragen hat dazu Walter Wäschle, Mitinhaber des Atelier WW, Zürich befragt.

Walter Wäschle: Sie gehen mit eigenen Projekten und ohne Auftrag in die Medien? Haben Sie die besseren Ideen als alle anderen?

Walter Wäschle: Es scheint so. Bei der Duplex-Arena und beim Standort für das Kongresshaus Zürich haben wir Ideen, die andere offensichtlich nicht hatten.

Was wollen Sie mit Hilfe der Medien genau erreichen?

Die Projekte, besser deren Machbarkeit, soll bekannt gemacht werden und ein Dialog unter den Politikern und den Betroffenen entstehen. Klar haben wir im Fall des Kongresshauses vorher recherchiert, ob die Kongresshausgesellschaft diesen Standort überhaupt will. Der Verwaltungsrat fand die Idee genial. Erst dann haben wir gesagt: Das machen wir öffentlich und zeigen, dass es geht!

Glauben Sie, dass sich z.B. die Behörden diese Überlegungen nicht machen?

Doch schon. Ursprünglich war beim Kongresshau der Standort Carparkplatz auf einer Liste. Er ist aber dann kurzfristig weggefallen und niemand wusste, weshalb eigentlich. Vielleicht war es das schlechte Image dieses Ortes. Aus unserer Sicht gibt es jedoch kaum einen Grund, der gegen diesen Standort spricht.

Haben Sie die Idee, mit Projekten an die Medien zu gehen, von einem PR-Büro?

Nein, das machen wir selber. Wir beschäftigen kein PR-Büro.

Und wie funktioniert das konkret? Sie rufen beim Tagi an und sagen denen: Jetzt müsst ihr dieses Projekt lancieren.

So ist es. Der Tagesanzeiger ist dankbar für eine gute und aktuelle Geschichte. Und wir lösen damit etwas aus. So wie damals, als wir die Idee für das Seerestaurant lanciert habe.

Für eine PR-Aktion genügt also ein Anruf beim Tagi. Können das andere Architekten auch?

Sicher, das können andere auch. Sie sehen das aber zu einfach: Der Effekt alleine genügt nicht. Es muss um einen konkreten Inhalt gehen. Ob der gut ist, entscheidet die Zeitung, nicht wir.

Aber Sie treffen in der Redaktion auf offene Ohren.

Um das klar zu stellen: Wir fahren mit dem Tagesanzeiger keine Beziehungsgeschichte. Es reicht bei weitem nicht, mit einer netten Idee auf die Redaktion zu gehen. Ein gutes Thema muss die Leute interessieren, und die journalistische Qualität muss stimmen.

Liefern sie den Text gleich mit?

Nein, wir liefern nur das Projekt.

Bezahlen Sie für die Berichterstattung?

(lacht) Nein. Wir machen keine Publi-Reportagen. Das ist eine andere Schublade.

Es gibt aber grosse Architekturbüros, die im Tagi ganzseitige Werbeinserate geschaltet haben.

Das ist ‚Selbstbeweihräucherung’ und entspricht nicht unserem Stil.

Sie sprechen eine alte Verhaltensregel in der Branche an?

Ja, es ist noch nicht lange her, da war das Werbeverbot für uns Architekten eine klare Vorgabe. Ich meine, wir Architekten haben nach wie vor einen Status, der mit jenem von Juristen vergleichbar ist. Juristen machen keine Werbung.

Zurück zu den eigenen Machbarkeitsstudien. Leisten Sie sich den internen Aufwand dafür allein für die Stadt Zürich?

Natürlich ist das Vorgehen nicht ganz uneigennützig. Wir sagen uns: Vielleicht kann aus einer solchen Machbarkeitsstudie ein Anschlussauftrag entstehen; oder wertvolle Beziehungen, an die wir anknüpfen können. Es geht letztlich um die öffentliche Wahrnehmung unseres Büros. Für den Aufwand einer internen Machbarkeitsstudie verzichten wir z.B. auf eine Wettbewerbsteilnahme.

Was hat eine PR-Aktion mit ihrer Wettbewerbstätigkeit zu tun?

Wir sind eines der wenigen grossen Büros in Zürich, das noch an öffentlichen Wettbewerben teilnimmt. Für andere sind die Chancen auf einen Projektauftrag zu klein. Vielleicht hat dies noch einen anderen Grund: Einen dritten oder vierten Wettbewerbs-Preis nimmt die Öffentlichkeit kaum wahr.

Welche Bedeutung haben die Medien für die Architektur und die Stadtentwicklung?

Sie sind sehr wichtig, weil sie die Volksmeinung bilden.

Ist ein Dialog über Architektur in den Medien tatsächlich möglich?

Auf jeden Fall. Themen der Stadtentwicklung und der Architektur müssen alle interessieren.

Und wieso bedienen sie dann den Tagi exklusiv? Es gibt andere Medien.

Ja, aber dann müssten wir eine Pressekonferenz durchführen. Auf direktem Weg haben wir einen gewissen Einfluss auf den Artikel, wir können ihn gegenlesen. Unsere Erfahrung ist, dass eine gestreute Medieninfo nicht kontrollierbar ist. Es wird dann viel geschrieben, das nicht stimmt, und die Themen werden eher oberflächlich abgehandelt. Natürlich sind wir auch mit verschieden Medien im Dialog.

Schauen wir auf die Wirkung: Was haben Sie mit der Duplex-Arena und dem Vorstoss beim Kongresshausstandort konkret erreicht?

Die Ideen wurden gut aufgenommen und sind noch nicht vom Tisch. Ein paar Kollegen haben mir per Mail gratuliert, darunter namhafte Büros. Vor allem zum Kongresshaus erhielten wir eine breite Zustimmung. Natürlich gibt es auch Neider, obwohl das nicht nötig ist. Wir sagen immer deutlich, dass es bei wichtigen Aufgaben einen Architekturwettbewerb geben muss. Unser Vorgehen ist deshalb ganz im Sinn unserer Berufskollegen: Aus der richtigen Idee kann ein Wettbewerb entstehen, daraus ein realisierbares Projekt, gute Architektur und schliesslich profitiert die ganze Stadt.

Und die Politik?

Beim Kongresshaus waren wir sehr positiv überrascht von Frau Martellis Reaktion. Wichtiger ist aber, dass wir im Prozess einen Schritt weiter sind: So ist jetzt der Standort beim Carparkplatz, den wir vorschlagen, wieder im Gesamtpaket der Überlegungen enthalten.

Gemäss Tagi-Artikel vom 10. Juli stehen die Stadt, der ZSC und die CS einer Duplex-Arena eher ablehnend gegenüber?

Jetzt sind wir wieder bei Null. Wir haben eine gute Option aufgezeigt. Aus meiner Sicht will leider kaum jemand zugeben, dass die Duplex-Arena eigentlich eine gute Sache ist.

Reden wir nochmals über Politik: Sind Sie ein politischer Mensch?

Nein.

Aber Architektur ist doch eine öffentliche Angelegenheit und deshalb politisch. Sie machen mit Architektur-Lösungen Politik.

Wir versuchen eigentlich nicht, Lösungen anzubieten, sondern Ideen zu verkaufen. Und wenn man sie öffentlich verkaufen will, muss die Idee ein Gesicht haben. Das Kongresshaus wird nie so aussehen, wie wir es präsentiert haben. Wir haben die Idee für den Standort und die Machbarkeit aufgezeigt.

Meinen Sie, der oder die durchschnittliche Leser/in des Tagi versteht diese Art von bildlich überzeichneter Abstraktion?

Nein, aber die Politiker/innen verstehen es. Deshalb müssen wir bei der Vermittlung bildlich soweit gehen. Intern haben wir aber immer eine Diskussion darüber, wieweit eine Visualisierung gehen soll.

„Der Sieg der medial auftrumpfenden Architektur ist ihre bitterste Niederlage”, sagt Gerhard Matzig von der Süddeutschen Zeitung, stimmen Sie ihm zu?

Kann sein, dass Architektur heute auch durch die Medien gemacht wird – vor allem die internationale. Für ein Objekt von Zaha Hadid ist das in Ordnung. Wenn aber jedes Wohnhaus den Anspruch medialer Aufmerksamkeit erfüllen muss, um Architektur zu sein, dann haben wir, dann haben Städte und Orte ein Problem.

Medienarbeit ist nur ein Instrument in der Kommunikation. Was tun Sie sonst noch?

Wir machen eigene Publikationen, Broschüren, einen jährlichen Flyer mit den wichtigsten Projekten. Wichtig sind uns thematische Publikation wie waiting lands: Strategien für Industriebrachen. Damit können wir zusammen mit Partnern aktuelle Fragen aus der Praxis aufbereiten.

Walter Wäschle, welche Idee lancieren Sie als Nächstes?

Ich weiss es nicht. Und wenn ich es wüsste, würde ich es Ihnen nicht sagen.

Interview: Thomas Stadelmann

www.atelier-ww.ch

J. MAYER H. über die CH, Sevilla und Nachhaltigkeit

Das Büro für Stadtfragen traf den Architekten Jürgen MAYER H. zum Interview. Wir sprachen über die Schweiz, Sevilla und die Themen Nachhaltigkeit und Kommunikation.
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Herr Mayer, welchen Bezug haben Sie zur Schweiz?

Eines der ersten Wettbewerbsprojekte, für das wir einen Preis gewinnen konnten, war für Ascona. Es ging damals um die Neugestaltung der Uferzone als Ort für Infrastruktur und Tourismus. Wir haben eine vielfältig nutzbare, auch touristische und vor allem saisonale Lösung angeboten. Dieser Wettbewerb war für uns ein wichtiger Schritt, um zu verstehen, was der Tourismus als wirtschaftsfördernde Branche für die Architektur bedeuten kann. Wir haben daraus gelernt, mit unseren Entwürfen Möglichkeitsräume anzubieten und über das geforderte Raumprogramm und die vorgeschriebenen Funktionen hinauszudenken. Unter Flexibilität von Nutzungen verstehen wir jedoch nicht totale Offenheit. Es geht uns um mögliche künftige Anforderungen an den urbanen Raum, die wir mit entwerfen.

Bei welchem Architekturbüro in der Schweiz würden Sie gerne arbeiten?

Beim keinem (lacht). Ich habe mein eigenes Büro. Nein, ernsthaft: Ich glaube, dass die Schweiz international ein sehr eingeschränktes Bild von ihrer Architektur vermittelt. Ich selbst nehme die schweizerische Architektur vielfältiger wahr.

Was wird denn dabei eingeschränkt?

Verstehen Sie mich nicht falsch. Die schweizerische Architektur hat die Landesgrenzen schon längst und in einigen Fällen sehr erfolgreich überschritten. Dennoch scheint mir, dass die Schweiz gegen aussen ein eher eindimensionales Bild von ihrer Bauproduktion erzählt. Da geht es meistens um Materialgerechtigkeit, um Ernsthaftigkeit, um die Wahrheit in der Analyse des Orts und so weiter. Ich kenne einige jüngere Berufskollegen/innen, die arbeiten ironischer, komplexer, präsentieren sich internationaler und können freier mit der Interpretation des Ortes umgehen. Vielleicht fehlt dieser Generation einfach noch der richtige Kommunikationskanal.

Wann bauen Sie zum ersten Mal in der Schweiz?

Das weiss ich nicht. Ich würde aber sehr gerne hier bauen.

Ist das für Sie schwierig?

Ja, komischerweise geht es in anderen Ländern einfacher. Mir scheint, dass in der Schweiz gegen Teams zum Beispiel aus Holland, Spanien oder Deutschland zumindest eine gewisse Abwehrhaltung besteht. Aber das ist nur ein persönlicher Eindruck, den ich nicht weiter recherchiert habe. Wir haben uns deshalb jedenfalls nicht oft und bisher ohne Erfolg für Wettbewerbe in der Schweiz beworben. In Ascona gab es immerhin einen Preis.

In Ascona haben Sie etwas über den Tourismus gelernt. Ist er im Projekt Metropol Parasol für Sevilla auch ein Thema?

Ja, auch. Aber es geht dort hauptsächlich um einen Marktplatz als Zentrum eines jahrelang vernachlässigten Platzes mitten in der Stadt. In Sevilla gab der Wettbewerb vor, das archäologische Ausgrabungsfeld als Museum zu nutzen und zu erreichen, dass die Marktstände, und mit ihnen das nachbarschaftliche Leben, auf die Plaza de la Encarnacion zurückkommen. Unser Projekt Metropol Parasol ist deshalb weit mehr als eine touristische Einrichtung.


Was sind die wichtigsten Themen?

Unser Projekt spricht gleich mehrere räumliche Dimensionen an: Es geht zunächst um die lokalen Nachbarschaften, für die ist der Marktplatz und die Markthalle entscheidend. Dann geht es um Städtebau im Sinn einer Stadtreparatur und einer Aufwertung der benachbarten Quartiere. Und schliesslich will auch Sevilla international wahrgenommen werden. Den Beteiligten geht es um die Positionierung der Stadt als innovativer Standort. Dazu war ein Sprung notwendig, denn man muss sich vorstellen: Die Placa de la Encarnacion war dreissig Jahre lang eine Art schwarzes Loch. Da war Nichts ausser einem provisorischen Parkplatz. Nun geht es darum, den Ort mit Hilfe von kulturellen und kommerziellen Nutzungen und der richtigen Architektur aufzuwerten und wieder in das Stadtleben zu integrieren. Sevilla misst dich dabei mit anderen spanischen Städten und Orten wie Bilbao, Valencia, Teneriffa oder Cran Canaria. Sie alle wollen, in einer Art sportlichem Wettkampf um Aufmerksamkeit und Reputation, ihre Fähigkeit zur urbanistischen Erneuerung zeigen und mit Hilfe der entsprechenden Architektur inszenieren.

Sie haben Barcelona vergessen.

Barcelona spielt erfolgreich mit, die Stadt war Vorreiterin dieser Dynamik. Das Beispiel zeigt, dass es bei diesem Wettbewerb nicht nur um den internationalen Tourismus geht, sondern auch um die wirtschaftliche Zukunft. In Sevilla sollen das historische Erbe und neue innovative Attraktionen, z.B. internationale Architektur, gleichzeitig gezeigt und angeboten werden. Letztlich geht es darum, neben Touristen auch junge Berufsleute und mit ihnen die Wirtschaft in die Stadt zu holen.

Das alles kann moderne Architektur leisten?

Es scheint zu funktionieren.

So wie es Bilbao vorgemacht hat?

Ich glaube, dass der so genannte ‚Bilbao-Effekt’ ganz gut funktioniert hat. Bilbao ist mit dem Museumsbau von Frank O. Gehry auf der Weltkarte der globalen Städte gelandet und konnte sich wirtschaftlich weiterentwickeln. Metropol Parasol hat jedoch eine andere städtebauliche Aufgabe und das Programm ist vielfältiger. Neben dem archäologischen Museum und dem Markt wird es kommerzielle nutzbare Flächen geben. Und ‚on top’ der Parasol, der Sonnenschirme, ein Dachrestaurant mit einem grossartigen Blick über die Dächer der Stadt. Es war uns jedoch ein grosses Anliegen, dass trotz kommerzieller Nutzungen die Plaza öffentlich zugänglich und benutzbar bleibt. Das Dach der Markthalle ist im Prinzip nur eine erhöhte Plaza.

Und die Geldgeber waren damit einverstanden?

Ja. Metropol Parasol ist ein Public-Private-Partnership-Projekt. Die rund 60 Mio Euro Baukosten teilen sich je zur Hälfte die Stadt Sevilla und die private Baufirma Sacyr. Bis und mit Baueingabe war die Stadt unsere Bauherrin, seit Baubeginn ist es Sacyr. Ihre Schwesterfirma Testa wird das Bauwerk für die ersten 40 Jahre betreiben.

In einem PR-Video nennen Sie das Projekt „demokratische Kathedrale“! Das klingt ziemlich hoch gegriffen.

Kommunikation ist in unserer Arbeit ein wichtiges Thema. Ich fange aber lieber so an: Entscheidend war in Sevilla die offene Vorgehensweise. Zu Beginn wurde ein Ideenwettbewerb ausgeschrieben. Dadurch war der Druck weg, mit dem Wettbewerb direkt eine bauliche Lösung finden zu müssen. Also konnte eine offenere Diskussion mit den Verantwortlichen der Stadt und mit möglichen Investoren entstehen. Die erste Entwurfsphase wurde anonym durchgeführt. Danach durften zehn Teams nach Sevilla fahren und ihre Projekte im Rahmen von öffentlichen Veranstaltungen vorstellen. Sämtliche Informationen wurden zudem im Internet publiziert und dort kommentiert. Der Ausdruck ‚demokratische Kathedrale’ ist im Zusammenhang mit dieser öffentlichen Diskussion entstanden.


War diese öffentliche Information wirklich notwendig?

Uns hat sie geholfen. Wir haben genau hingehört, die Chance für unsere eigenen Argumente genutzt und einige öffentliche Reaktionen in unsere Arbeit aufgenommen. Im Nachhinein betrachtet war das Vorgehen in Sevilla sehr intelligent gewählt. Erst die positive Resonanz in der Bevölkerung hat das Projekt in der Wahrnehmung der Entscheidungsträger tragfähig gemacht. Aus dem anfänglichen Ideenwettbewerb wurde so ein Realisierungswettbewerb mit einem jurierten Projekt. Hilfreich war zudem, dass die provisorische Baugrundsicherung für den ursprünglich geplanten Bau einer Tiefgarage, nach dem Fund römischer Stadtreste und einem Baustopp, mittlerweile zum Risiko geworden war. Das politische Argument, weniger als ein Jahr nach dem Wettbewerbsentscheid gleich mit dem Bau zu beginnen, lag im übertragenen Sinn schon in der Baugrube.

Und welche Rolle spielte die „demokratische Kathedrale“?

Der Begriff ist Ausdruck für die Art und Weise, wie wir unsere Arbeit vermitteln. Ich meine, in der Architektur geht es darum, Bilder anzubieten, die im übertragenen Sinn vermitteln können. Sie sind ein Beitrag unseres Berufs an die heutige Zeit. Architekten/innen, die zeitgenössisch bauen wollen, müssen eine emotional zugängliche Geschichte anzubieten haben. Die Frage ist nur, mit welcher Rhetorik und welcher Sprache gearbeitet, und ob sie verstanden wird.

Sie machen mit ihrer Architektur also so etwas wie Story-Telling?

Ja, so könnte man es nennen.

Bei der Mensa in Karlsruhe war es die Metapher vom aufgeklappten Nutella-Brot.

Tatsächlich (lacht)! Auch eine schöne Geschichte, die erst im Nachhinein entstanden ist. Sie ist eine Lesehilfe für unsere Idee eines elastischen Raums.


Welche Rhetorik hat Sie zum Sevilla-Projekt inspiriert?

In der Nachbarschaft zur Plaza de la Encarnacion haben wir einen Platz mit grossen Ficus-Benjamini Bäumen entdeckt. Sie bestimmen die Aufenthaltsqualität und haben eine skulpturale Wirkung, die wir so auch mit Metropol Parasol erzielen wollen. Zudem hat uns die innere gotische Tragkonstruktion und das geschwungene Steindach der Kathedrale, das an einen fliegenden Teppich erinnert, zu einer ‚schwebenden’ Dachstruktur über einem öffentlichen Stadtraum inspiriert. Deshalb macht es Sinn, über Metropl Parasol als ‚demokratische Kathedrale’ zu sprechen. Klar handelt es sich um eine vereinfachte Argumentation. Wir verstehen das sprachliche Bild jedoch als Hilfestellung des Experten an die Bevölkerung, um sich dem Projekt gedanklich nähern zu können. Und das ist tatsächlich passiert.

Haben Sie deshalb besser kommuniziert als die anderen Teams?

Offenbar haben wir die verschiedenen Ansprüche gut erkannt und im Entwurf synthetisch zusammengebracht: den Wunsch nach einem künftigen Wahrzeichen; den respektvollen Umgang mit der Archäologie; die Aufwertung des öffentlichen Raums. Angefangen haben wir mit der Dachidee. Dann haben wir uns gefragt, wo und wie wir die Struktur abstützen können. Schliesslich haben wir die Vorstellung für den Markt entwickelt. Insgesamt wird Metropol Parasol eine atmosphärische Grossskulptur sein, die Sevilla ein neues, unverwechselbares Stadtbild gibt.

Wieso sind die ‚Sonnenschirme’ aus Holz?

Bei uns spielt das Material im Entwurfsprozess keine so grosse Rolle. Der beabsichtigte Gesamteindruck ist entscheidender. Die Konstruktion und Materialisierung des geplanten gitterförmigen Rasters haben wir u.a. zusammen mit den Ingenieuren von ARUP konkretisiert. Entwickelt wurde es von uns schon für die Mensa in Karlsruhe. In Sevilla haben wir Themen wie Kostensicherheit, Unterhalt, Wartung, Vorfabrikation, Bauzeit, Logistik in der Anwendung von verschiedenen Materialien verglichen. Holz war nicht die einzige, aber im Vergleich eindeutig die beste Variante.

Sie wurden mit dem Mies-van-der-Rohe Nachwuchspreis 2003 und dem Holcim Award 2005 für nachhaltige Architektur ausgezeichnet. Wie denken Sie über Nachhaltigkeit?

Nachhaltigkeit ist heute in der Architektur eine Selbstverständlichkeit. Mich interessiert das Thema aus einem Grund: Nachhaltigkeit weist der Architektur den Weg in die Zukunft. Endlich, müsste man sagen. Zulange wurde über die Rolle und das Material der Geschichte in der Architektur und im Städtebau diskutiert. Das Thema Nachhaltigkeit steht zudem für die grosse Unsicherheit in unserer Gesellschaft. Was heute als richtig gilt, kann morgen schon wieder falsch sein. Das gilt auch für die Diskussion über nachhaltige Architektur.

Wird dadurch die Wahrnehmung, was gute Architektur ist, beeinflusst?

Gute Architektur ist automatisch nachhaltig, weil sie nicht nur für den Moment verantwortungsvoll mit einer Bauaufgabe umgeht, sondern weil sie insgesamt die aktuelle Zeit auf den Punkt bringt und dadurch in Zukunft als Zeitzeugin Bedeutung hat. Schauen Sie sich die Staatsgalerie von James Stirling in Stuttgart an, die 1984 gebaut wurde.

Sie sind jung, international erfolgreich? Was möchten Sie denn am liebsten noch entwerfen und bauen?

Uns ist nicht eine bestimmte Bauaufgabe oder die Grösse eines Projekts wichtig. Wir entwerfen alles: Häuser, Möbel oder Kugelschreiber. Unseren Auftraggebern gemeinsam ist, dass sie mit uns die Neugier für das ‚Abenteuer Architektur’ teilen.

Interview: Thomas Stadelmann

J. MAYER H., 1996 in Berlin gegründet, arbeitet an den Schnittstellen von Architektur, Kommunikation und Neuen Technologien. Jürgen Mayer H. studierte Architektur an der Universität Stuttgart, The Cooper Union New York und an der Princeton University. Seit 1996 unterrichtet er an verschiedenen Universitäten, z.B. an der Universtität der Künste Berlin, am GSD der Harvard University, an der AA in London und an der Collumbia University in New York.

*Metropol Parasol, Plaza de la Encarnacion, Sevilla, Spain, Internationaler Wettbewerb, 2004, Realisierung 2005-2010, www.mayer.de, ARUP GmbH NL Berlin/Madrid

Bei Igor Muñoz und Helio Puñion

Ein Besuch in Ecuador’s Hauptstadt Quito, 2’800 Meter über Meer: Sightseeing mit Igor Muñoz.

Igor Muñoz, Architekt aus Ecuadors Hauptstadt hat in Florenz und in Stockholm studiert. Kurz vor seiner Abreise nach Tokio in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat er seine heutige Frau kennen gelernt. Er hat sich entschlossen, in Quito zu bleiben und dort sein eigenes Büro aufzubauen. Der Architekt und Innenarchitekt mit guten Beziehungen nach Europa, hat jüngst sein bisher auffälligstes Werk beendet: die von einer jüdischen Mäzaenin finanzierte und für ihre gute Akustik bereits bekannte Musikhalle in Quito. Muñoz stammt aus einer in Ecuador bekannten Architektenfamilie. Für seinen Pavillion an der Weltausstellung in Hannover 2004 wurde er mehrfach ausgezeichnet. Ende September habe ich die Gelegenheit, Muñoz in Quito zu besuchen und sein Werk naeher kennen zu lernen. Link: Musikhaus in Quito von Igor Muñoz.

Und sonst: In Cuenca habe ich den Eindruck erhalten, dass sich die Beziehung Ecuadors zu Spanien bezueglich der Ausbildung von Architektinnen und Architekten seit dem 16. Jahrhundert fortschreibt: Vor fuenfhundert Jahren hat die Kolonialmacht Spanien u.a. die Stadt Cuenca gegruendet. Die hiesige Architekturabteilung fuerte letzte Woche widerholt einen Masterkurs mit dem spanischen Architekten Helios Puñion, der in Barcelona lehrt, durch. Sein ehemaliger Student in Barcelona, Javier Duran, ist heute Praesident des regionalen Architektenverbands. 80 Prozent der Doktoranden in Puñions Klasse in Barcelona, er vertritt die klassische Moderne und schwoert auf Egeon Eiermann, kommt aus Suedamerika. Als Suizo durfte ich Duran und Piñon kurz kennen lernen, zum tieferen Einblick in die Arbeit der beiden kam es leider nicht. Die Cuenca-Barcelona-Connection gibt sich leider ziemlich abgeschlossen.

Im November findet in Quito die Panamerikanische Architektur-Biennale statt: Ich brauchte einige Zeit, um zu begreifen, wieso meine Frage nach dem inhaltlichen Programm unbeantwortet blieb: Die Biennale ist eine Ausschreibung unter Architektinnen und Architekten unter dem Titel ´SENTIR LA ARQUITECTURA LATINOAMERICANA´. Link: www.baq-cae.ec/baq-cae.

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